So soll es nach der Fertigstellung aussehen. Foto: Norwegisches Küstenamt

Norwegen will einen 1,7 Kilometer langen unterirdischen Kanal durch die Halbinsel Stadtlandet sprengen. Das soll den Wasserverkehr sicherer machen. Schneller voran geht es dadurch aber nicht.

Oslo - Das Meer um die lange westnorwegische Halbinsel Stadlandet ist Kapitänen stets ein Graus. Viele Untiefen, stürmisches Wetter und starker Wellengang verlangen ihnen schon seit Jahrhunderten viel Können ab. Immer wieder gingen Schiffe unter, unzähligen Seemännern wurde der Küstenabschnitt zum feuchten Grab. 2003 entging die voll mit Touristen besetzte „MS Midnatsol“ (Mitternachtssonne) von der Hurtigruten-Linie nur knapp einer Katastrophe.

Nun soll Abhilfe geschaffen werden. Die Schiffe sollen in Zukunft einen 1,7 Kilo­meter langen unterirdischen Riesenkanal durch die Halbinsel nehmen, statt sie wie bisher zu umschiffen. Der Bau wird frühestens 2019 losgehen. „Wahrscheinlicher ist aber 2020 oder 2021“, sagte Projektchef Terje Andreassen vom norwegischen Küstenamt unserer Zeitung.

Genug Platz für Kreuzfahrtschiffe

Der Tunnel soll 1,7 Kilometer lang, 26,5 Meter breit, zwölf Meter tief und 37 Meter hoch werden. 2,7 Milliarden Kronen (295 Millionen Euro) soll das Projekt kosten. Der Staat zahlt. Eine Maut ist nicht geplant. ­Sogar Frachtschiffen und Kreuzfahrtschiffen wie der „MS Midnatsol“ mit ihren 16 000 Bruttoregistertonnen soll der Tunnel genügend Platz für die Durchfahrt bieten.

Einen gewöhnlichen Kanal durch die Halbinsel unter freiem Himmel zu graben ist wegen der massiven Berge nicht möglich. Beim Tunnelbau müssen beide ins Meer mündenden Enden des Tunnels bis zur Fertigstellung wasserdicht versiegelt werden. Statt zu graben, muss vor allem gebohrt und gesprengt werden.

Der Bau wird drei bis vier Jahre dauern. Die Schiffe werden bei gutem Wetter genauso lange für die Tunneldurchquerung brauchen wie bei einer Umschiffung. Zeitersparnisse bringt der Tunnel nicht. „Es geht uns aber vor allem darum, den Schiffsverkehr dort sicherer und auch bei schlechtem Wetter passierbar zu machen“, sagt Andreassen. Björn Lödemel von der bürgerlichen Regierung in Oslo hat noch mehr im Sinn: „Der Tunnel wird auch ein Touristenziel von ­Weltklasse sein und die regionale Wirtschaft fördern.“

„Wie sollen Menschen da evakuiert werden?“

Kritik am teueren Projekt gibt es nur ­wenig. Seesicherheitsexperte Jan Holten warnte davor, dass die Brandgefahr im Tunnel nicht ausreichend berücksichtigt wird. „Wie sollen die Menschen da evakuiert werden?“ Laut Andreassen ist die Gefahr für einen Brand jedoch verschwindend gering.

Kritik kommt auch von der Technischen Universität in Trondheim. „Eigentlich macht der Tunnel für Schiffe keinen ökonomischen Sinn. Zu diesem Ergebnis sind in der Vergangenheit mindestens elf staatliche Gutachten gelangt. Es ist eher eine politische Entscheidung. Die Region hat sich sehr für den Bau eingesetzt und sich letztlich durchgesetzt“, sagte Knut Samset, Professor für Bauingenieurwissenschaften, unserer Zeitung. „Früher, als die Schiffe kleiner waren und schlechter ausgerüstet, war die Gefahr groß. Aber heutzutage ist vor allem für größere, moderne Schiffe kaum ein Vorteil auszumachen. Die Passage durch den Tunnel wird sogar länger dauern als die derzeitige Route um die Halbinsel herum.“

Norwegen kann es sich leisten

Doch ansonsten ist die Zuversicht groß in Norwegen. Etwas mehr Sicherheit und Pünktlichkeit sind im – dank seiner enormen Ölvorkommen reichen – Norwegen Grund genug, um viel Geld auszugeben. Dies, obwohl sich das Land derzeit wegen der fallenden Ölpreise große Sorgen macht.

Norwegen hat schließlich auch seinen Ruf als weltweit führende Tunnelbaunation zu verteidigen. In dem bergigen, dünn besiedelten Land gibt es bereits unzählige Tunnel.

So ist der westnorwegische Lärdalstunnel mit 24,5 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt und eigentlich reiner Luxus. Er dient vor allem der entlegenen Kommune Aurland mit 1738 Einwohnern und dem Ort Lärdalsöyri mit 1118 Einwohnern als wichtige Verbindung, wenn die Gegend im Winter durch Schneefall von der Außenwelt abgeschnitten ist. Früher mussten die Bewohner eine Fähre nutzen.

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