Seit Anfang des Monats sind an Schleswig-Holsteins Nordseeküste auffällig viele Seehunde gestorben. Foto: dpa

Seit Anfang des Monats sind an Schleswig-Holsteins Nordseeküste auffällig viele Seehunde gestorben - bis Donnerstag wurden 205 tote Tiere gezählt. Der Grund für das Sterben ist noch unbekannt, in den nächsten Tagen soll Klarheit herrschen.

Westerland/Sylt - Seine Pistole hat Thomas Diedrichsen dieser Tage immer dabei. Auf der Insel Sylt fährt er mit seinem Pick-up über den Hörnumer Sandstrand, wo ein kranker Seehund liegen soll. Diedrichsen ist Seehundjäger - ein historischer Begriff. In Wirklichkeit soll er die Tiere schützen. Dem erkrankten Seehund will er einen Gnadenschuss verpassen. Doch dieses Mal kommt die Pistole nicht zum Einsatz. Als Diedrichsen eintrifft, ist das weibliche Tier bereits tot.

Seit Anfang des Monats sind an Schleswig-Holsteins Nordseeküste auffällig viele Seehunde gestorben - bis Donnerstag wurden 205 tote Tiere gezählt. „Das ist im Moment das Dreifache von dem, was wir sonst im Oktober an Totfunden haben“, sagt der 48-Jährige. Der Grund für das Sterben ist noch unbekannt, in den nächsten Tagen soll Klarheit herrschen.

Diedrichsen packt das knapp 1,20 Meter lange Tier in einen roten Plastiksack. Kaum ist der Sack in der Wanne auf seinem Pick-up verstaut, spült die Nordsee nur wenige Meter weiter den nächsten toten Seehund an Land - ebenfalls ein Weibchen. „Es war aber schon länger unterwegs“, sagt Diedrichsen. Die Augen fehlen bereits, möglicherweise haben sie einem Krebs als Futter gedient.

Diedrichsen ist seit 2006 Seehundjäger. Auf der beliebten Ferieninsel Sylt hat er drei Kollegen. Gut 40 Seehundjäger gibt es in Schleswig-Holstein. Früher war das Jagdrecht auf Seehunde noch vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Seit dem 1974 verhängten Jagdverbot dürfen nur noch die staatlich bestellten Seehundjäger im Notfall zur Pistole greifen.

45 Euro brutto erhalten Diedrichsen und Co für jedes Tier - unabhängig davon, ob sie einem kranken Seehund den Gnadenschuss geben oder das Tier in eine Wanne packen und in die Aufzuchtstation in die Festlandgemeinde Friedrichskoog bringen lassen. Dort werden Heuler, also von der Mutter nicht angenommene junge Seehunde, oder erkrankte Tiere aufgepäppelt. Seine Fahrtkosten muss Diedrichsen selbst tragen. „Ich bin ja auch verliebt in die Tiere“, sagt er. Seehundjäger ist der gebürtige Insulaner nur im Ehrenamt. Er vermietet Ferienwohnungen auf Sylt. Für die Seehunde sind er und seine Kollegen derzeit im Dauereinsatz. „Am Dienstag hatten wir auf der Insel 17 tote Tiere.“ Die Männer werden von den Experten des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung geschult.

Das Gros der derzeit regelmäßig an die Strände der Nordseeinseln Helgoland, Föhr, Amrum und Sylt gespülten Tieren ist bereits tot. „Die meisten anderen liegen nur noch auf dem Bauch und atmen“, sagt Diedrichsen. Sie zeigten keinerlei Reaktionen mehr. Dann müsse er zu seiner Pistole greifen und die Tiere von ihrem Leiden erlösen.

Weiter nördlich in Dänemark wurden bereits Influenza-Viren in Kadavern nachgewiesen. Neben den Grippeviren könnte aber auch die Tierkrankheit Staupe eine Rolle spielen. Ihr waren zuletzt 2002 im gesamten Nordseeraum knapp 22.000 Tiere zum Opfer gefallen, davon allein an den schleswig-holsteinischen Küsten 3600. „Die Seehundpopulation ist wieder empfänglich für eine Staupe-Infektion“, sagt die Veterinärin Ursula Siebert von dem Tierforschungsinstitut. Die Tiere verfügten mittlerweile nicht mehr über die entsprechenden Antikörper.

Die meisten der Kadaver landen später in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt. „Einige gute Exemplare frieren wir für spätere Untersuchungen ein“, sagt Diedrichsen. Diese werden von Experten dann später seziert. Auch in den kommenden Tagen werden die Seehundjäger wohl reichlich Arbeit mit kranken Tieren haben. „Das ist wie bei einem Bestatter, man arrangiert sich mit dem Job“, sagt Diedrichsen. Das Sterben gehöre in der Natur schließlich dazu.

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