Szene aus „Fräulein Else“ Foto: Julian Marbach

Nach über 800 Partybesuchern zur Eröffnung des ersten „Nordlabors“ waren auch an diesem Wochenende alle Vorstellungen ausverkauft. Die Stimmung des jungen, mitspielwilligen Publikums war bestens.

Stuttgart - Hände in den Hosentaschen, Beine breit aufgestellt, erinnert Alexey Ekimov an einen Männertyp, der in Vorstandsetagen der Gegenwart mit sanfter Stimme, aber unmissverständlich in der Wahl der Worte Entscheidungen einfordert. Doch die Bühne des Schauspielers, der den reichen Kunsthändler Dorsday mimt, ist kein Großkonzern. Die Bühne hier ist der Ort, an dem Michael Michalek Arthur Schnitzlers Erzählung „Fräulein Else“ für das Theaterprojekt „Abschied von gestern“ adaptiert.

Nackt wünsche er das Fräulein Else zu sehen, sagt Dorsday, eine Gegenleistung für eine höhere Geldsumme, die die junge Frau im Auftrag der Mutter bei ihm einschnorrt. In Arthur Schnitzlers Novelle (erschienen 1924) ekelt sich die neunzehnjährige Else vor dem älteren, machtgeilen Mann und wählt nach einem verzweifelten inneren Monolog den Freitod. Doch Michael Michaleks Kunsthändler Dorsday ist jung, hübsch, nicht fies genug.

Irritiert fragt sich das Publikum: „Warum will die sich umbringen?“ So erklärt sich der Freitod nur aus der Historie des Werks.

Michael Michalek bearbeitet Schnitzlers „Fräulein Else“

Regisseur Michalek hat der Erzählung eine neue Form gegeben. Der innere Monolog der weiblichen Figur ist drei Schauspielerinnen zugewiesen. Gegen- und miteinander ringen sie um Positionen wie Protest und Sich-Fügen, um Koketterie und Scham, um Traum und Realität. Mit enormer physischer Präsenz schwadroniert Rahel Ohm über ihr Schicksal, tritt in Gestus und Mimik wie eine alternde Soubrette auf, begeistert das Publikum mit dem komödiantisch vorgetragenen Frust ihrer verflossenen Jahre und ihrer unbeschadeten weiblichen Sensitivität. Wie Elfen – die zu Furien werden können – schweben Lucie Emons und Susanne Schieffer als Dialog- und Trialog-Partnerinnen über die Bühne, quetschen sich mit Rahel Ohm auf eine schmale Liege, spiegeln eigene wie auch die vergangenen Bildwelten der Älteren, müssen sich in ihren naiven Vorstellungen vom Leben mit einem Mann in einer Villa am Meer von Ohm korrigieren lassen: „eine Villa am Meer, aber allein . . .“. Es ist ein kurzweiliger Theaterabend, an dem Louisa Larson Piano spielt und ein Paar rote Schuhe die wichtigste Nebenrolle. Gestorben wird trotzdem: „Scheiß der Hund drauf, ich mach’s“, kommentiert Rahel Ohm.

„Quite likely, --I forget“

Bildwelten wie Samen der Schlüsselblume: Flüchtig in den Konturen, vom Wind verweht, an der Glasfront des oberen Foyers des Nord sichtbar gemacht. So erinnern sich Susanne Brendel (Video), Julia Schaefer (Musik), Jonas Bolle und Timm Roller (Sound) an Vergangenes in der Performances „Quite likely, – I forget“. Gesichter wie Schemen, dann klarer in ihren Konturen, dazu die wiederkehrende Frage einer jungen Interviewerin: „Haben Sie von damals ein Trauma?“ Eine ältere Männerstimme antwortet: „Dazu neige ich nicht“ – Vergangenes als Verdrängung. Bildsequenzen von Verliebtheit, Hochzeit, Schwangerschaft – Erinnerungen, die nach Satre nicht in der Vergangenheit denkbar sind.

Wie viel Fremdheit, wie viel Heimatkultur treibt Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und deutschem Pass um? In „Wer sind Sie? Was machen Sie hier?“ performen Ruzbeh Mirmoayadi und Mohammad Salamat mit überbordendem Gestus und konsequenter Komödiantentum ein Leben zwischen der verehrten Oma im Iran und dem eigenen Alltag in Europa. Das unterhaltend-aufklärerisches Gastspiel der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg erwärmt und begeistert.

Skurril, frivol: Armin Petras’ „Wellenreiter“

Seine Frau nennt er Breschnew, und seine sieben Töchter kann er nicht auseinanderhalten: Michael Michalek ist Iwan Iwanowitsch Njuchin, eine tragikomische Figur aus Anton Tschechows literarischem Personal, und soll jetzt, obwohl selbst Raucher und deshalb „nicht ohne Erregung“, einen Vortrag über die Schädlichkeit des Rauchens halten. Michalek, ein desolater Clown in schmuddeligem Outfit, ein wundersamer Komödiant, der sein Publikum aufs Beste unterhält („wir machen das jetzt gemeinsam“), verfranst sich in der Betrachtung seines Alters: „Wie man sich selber . . . Das hätte man nie . . . Sich selber . . . Früher . . .“. Und aus dem Schaden über das Rauchen wird ein Monolog über den Schaden eines Verzweifelten in misslicher Lage, denn „wie es in einem Clown innen aussieht, fragt keiner“.

Nach dem augenzwinkernden Bekenntnis, „Rauchen und Sex ungeschützt“ vollzogen zu haben („. . . da, wo ich herkomme, früher, im Unrechtsstaat, haben wir das gemacht . . .“) laufen seine sieben Töchter ein und stürmen die Bühne. Cinzia Fossati hat sie in Pensionatskleidung gesteckt, denn bei Tschechow leitet „Breschnew“ eine Musikschule und ein Töchterpensionat. Nett und unschuldig schauen sie aus gerüschten Gewändern und lassen sich wie Zirkusnummern vorführen. Vom Papa wohlgefällig beobachtet, von den Zuschauern mit Szenenapplaus belohnt, tanzen sie, musizieren, turnen und singen, verschwinden kichernd zum Pipimachen, sind allesamt wundervolle Karikaturen, die ihrem Papa dennoch mit ihren ausgefallenen Leidenschaften wie etwa dem Surfen auf der Tasche liegen.

Armin Petras, der Tschechows Monologszene als eigenes Stück „Wellenreiter oder my daughters running through my veines“ eingerichtet hat, würzt die Inszenierung mit dem wiederkehrenden Kommentar „das ist alles verboten“, mit frivolem Kabarett-Flair, mit herrlichem Nonsens, mit einer verbalen Satire über die Kunst, mit zirzensisch-schwebender Eleganz im rauchgeschwängerten Finale.

Nächste Uraufführung bei „Nordlabor – Abschied von gestern“ ist an diesem Donnerstag um 20 Uhr „Die Anmaßung“ von Carsten Brandau, ein Solostück für den Schauspieler Manuel Harder. Infos unter www.schauspiel-stuttgart.de.

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