Auf dem Sprung: Severin Freund räumt bei der WM in Falun eine Medaille nach der anderen ab Foto: dpa

Auf den Schanzen der Nordischen Ski-WM dominieren die Deutschen. Die goldigen Skispringer und Kombinierer sind auch deshalb so stark, weil beide Sparten eng zusammenarbeiten.

Falun - Der Goldflug von Severin Freund war nicht nur für Werner Schuster ein magischer Moment. „Ich bin gerührt“, sagte der Bundestrainer, „ich hätte nicht gedacht, dass ich mal einen Weltmeister abwinke.“ Dass beim Triumph auf der Großschanze von Falun das Wort „Eagle“ (Adler) auf den Sprungski von Freund stand, passte perfekt zu dieser deutschen Erfolgsgeschichte.

Das Land mit dem Adler im Wappen ist über ein Jahrzehnt nach der Ära der Skisprung-Superstars Sven Hannawald und Martin Schmitt wieder das Land der Flieger. Mit fünf von bislang sieben möglichen WM-Goldmedaillen im Skispringen und in der Nordischen Kombination sind die Deutschen die unbestrittenen Könige der Lüfte.

„Es wird in allen Bereichen sehr professionell gearbeitet, beim Verband sehr viel richtig gemacht. Natürlich steht Severin Freund ganz oben, aber für eine Goldmedaille muss das Gesamtpaket stimmen. Und Deutschland hat bei dieser WM mehrere Titel gewonnen“, sagt der viermalige Weltmeister Martin Schmitt. Er nennt als wichtigsten Grund für den Erfolg die langjährige Aufbauarbeit von Bundestrainer Schuster.

"Anteil des Teams an meinem Erfolg ist riesig"

Der Österreicher hatte das Team 2008 an einem Tiefpunkt von Peter Rohwein übernommen. Schuster krempelte gegen Widerstände nicht nur im Nationalteam vieles um, sondern änderte und vereinheitlichte auch das gesamte System der Nachwuchsentwicklung. „Der Anteil des Teams an meinem Erfolg ist riesig, ich bin ja nur der, der es am Ende ausführt. Da steckt extrem viel dahinter“, sagt Doppel-Weltmeister Freund.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist auch, dass Schuster die deutschen Flieger dank seines Know-how aus seiner Austria-Heimat technologisch in ein neues Zeitalter führte. „Der Erfolg hat natürlich viel mit der Materialentwicklung zu tun, in die enorm investiert wurde. Die Zusammenarbeit mit dem FES-Institut in Berlin ist sehr wichtig, dort wurde zum Beispiel seit 2008 im Anzugbereich richtig was aufgebaut“, erklärt Schmitt. Zu den „Wunder-Anzügen“ kommen „Raketen-Ski“: Auch bei der wichtigen Anfahrtsgeschwindigkeit gehört Freund stets zu den Besten der Welt. Auch die deutschen Kombinierer gehören in puncto High Tech zur Weltspitze: Seit diesem Jahr werden die Ski in einem speziellen Wachs-Truck präpariert.

All dies wäre allerdings ohne die richtige Trainingsmethodik nichts wert, für die bei den Kombinierern mit einer kurzen Unterbrechung seit über zwei Jahrzehnten „Goldschmied“ Hermann Weinbuch steht. Schuster („Ich habe immer geglaubt, dass wir mit unserem athletischen Sprungstil Erfolg haben werden“) ist inzwischen ebenfalls sieben Jahre im Amt.

Vom Nachwuchs bis zur Spitze arbeiten

Genauso lange ist Horst Hüttel Sportlicher Leiter der beiden Disziplinen. Er sorgt für die perfekte Zusammenarbeit. Es gibt sogar eine gemeinsame Wissenschaftskommission, in der sich beide Sparten regelmäßig austauschen. „Unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir mit extremer Kontinuität an Schwerpunktthemen vom Nachwuchs bis zur Spitze arbeiten“, sagt Hüttel. „unser Motor ist unser extrem hohes Anspruchsdenken.“

Zur Zusammenarbeit der beiden deutschen Gold-Sparten gehört zum Beispiel auch, dass der einstige Kombinierer-Bundestrainer Andreas Bauer zu den Skispringerinnen wechselte. In Falun führte er die Olympiasiegerin Carina Vogt zu doppeltem Gold im Einzel- und im Mixed-Wettbewerb. Zufrieden ist er deshalb trotzdem nicht: „Wir brauchen noch mehr Nachwuchs, der Landesverband Bayern muss zum Beispiel mehr tun“, sagt Bauer, „im Erfolg werden die größten Fehler gemacht.“

So war es auch in den Boom-Zeiten der Seriensieger Schmitt und Hannawald rund um den Jahrtausend-Wechsel, als den Fliegern zwar bis zu 17 Millionen Fans im Fernsehsessel zujubelten und die Millionen flossen, die Nachwuchsentwicklung aber vernachlässigt wurde.

Diesen Fehler will der Verband diesmal vermeiden, auch wenn es finanziell nicht rosig ausschaut. „Wir müssen den Gürtel aktuell enger schnallen“, sagt Sportdirektorin Karin Orgeldinger. Hermann Weinbuch warnt schon jetzt, dass angesichts des Sparkurses von bis zu zehn Prozent in seiner Sparte „mittelfristig die Konkurrenzfähigkeit gefährdet“ sei. Da tun solche spektakulären Erfolge wie die von Severin Freund in Falun natürlich gut. „Das ist hoffentlich ein guter Anlass, damit ein paar junge Leute mehr nicht Fußballer werden, sondern von der Schanze springen“, sagt Freund.

Ein Werbefaktor soll zudem die im Lichte der Erfolge verkündete Bewerbung um die Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf sein. Im Allgäu waren zuletzt 2005 begeisternde Titelkämpfe vor fast 300 000 Zuschauern über die Bühne gegangen. Zu den Helfern gehörte damals ein Teenager namens Johannes Rydzek. Der Kombinierer hat in Falun als Doppel-Weltmeister ebenfalls für magische Momente gesorgt.

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