Stadtgestaltung muss nicht langweilig sein: Die Stuttgarter Baumeister hinterließen in Israel nachhaltigen Eindruck. Foto: privat

Stuttgarter laden Teams zu Wettbewerb: Sie sollen Nordbahnhofsviertel günstig verschönern.

Stuttgart - Noch mehr Buddeln?! Noch mehr Baustellen?! Brauchen wir nicht!, möchte man rufen. Wird doch die Stadt ohnehin an allen Ecken und Enden umgegraben. Stimmt schon, im Tunnel- und Einkaufszentrenbauen sind wir Weltspitze. Da braucht Stuttgart keine Nachhilfe. Nützliches für den Bewohner, und in der Anmutung auch noch originell, da hapert es dann ziemlich. Wer viel Geld bringt, dem wird von der Stadt der rote Teppich ausgerollt und der darf fröhlich betonieren. Wer Ideen hat, der rennt erst mal gegen Mauern. Das wollen Markus Niessner, David Baur, Lukas Lendzinski, Peter Weigand, Josephine Pflüger und Alexander Koch vom Kunstverein der Wagenhallen ändern. Wenig Zeit. Wenig Geld. Und trotzdem entsteht was Feines. So laden sie vom 11. bis 14. Juli zur „72 Hour Urban Action“ ins Nordbahnhofsviertel. Zehn Teams aus aller Welt haben 2500 Dollar, 1900 Euro, und drei Tage Zeit, um ­Missionen zu erfüllen und das Viertel zu verschönern.

Die Idee kommt aus Israel. Stadtplanung ratzfatz wünschte sich im Sommer vor zwei Jahren Bat Yam, eine Vorstadt von Tel Aviv. Der Architekt Kerem Halbrecht hat den Wettbewerb ins Leben gerufen. „Bat Yam hat keine Flächen mehr. Wir müssen Existierendes neu entdecken.“ Also suchte er zehn Projekte aus, die sogenannten Missionen, die den Teams zugelost wurden. Sie sollten „dringend nötige Änderungen rasch umsetzen“. Rasch bedeutet sofort. Den ersten Preis gewannen die Stuttgarter. Architekt Lukas Lendzinski, Student Mateusz Lendzinski, Tischler Aaron Schirrmann, Praktikant Alper Kazokoglu, Künstler David Baur, Textildesignerin Julia Heuer und Architekt Sascha Seidel verschönerten 400 Bewohnern eines Altersheims das Leben. Verstärkt wurden sie von dem Architekten Onur Ozyurt aus der Türkei, der israelischen Philosophin Ofra Rechter und dem amerikanischen Künstler Rusty Lamer. Aus nix was machen, kein Wunder, dass da Schwaben gewannen.

Aber Zeit zum Schlafen blieb nicht. 72 Stunden sind kurz. Die Aufgabe war anspruchsvoll. Das Altersheim ist ein altes Bürogebäude. Lukas Lendzinski: „Da gab es draußen keinen Aufenthaltsort, und wenn die alten Leute auf Plastikstühlen vor dem Haus saßen, schreckte das die Nachbarn ab.“ Sie hängten Stoffbahnen auf, sorgten so für Schatten, bastelten einen Kronleuchter aus Plastikflaschen als Raumteiler, bauten Bänke.

Und überzeugten die Jury um den Bürgermeister Shlomo Lahiani sowie den Kulturbeauftragten des Times Square New York, Glenn Weiss. Auch Organisator Halbrecht freute sich: „Wandel im öffentlichen Raum muss nicht lange dauern und schwierig sein.“

Er kennt Stuttgart und seine vielen Vorschriften nicht. Als die Künstler heimkehrten und auf den Ämtern vorfühlten, ob Ähnliches hierzulande machbar wäre, bescheinigte man ihnen: Bauten im öffentlichen Raum, das gehe nicht! Es sei denn, es sei politisch gewünscht. Alsdann hieß es Klinken putzen, bis die Politiker überzeugt waren, dass sie Wandel wünschen. Und siehe da, die Stadt gab sogar 150.000 Euro dazu, wovon der Großteil für Umbauten der Wagenhalle zu verwenden ist. 200.000 Euro beträgt der Etat, gedeckt ist er nur zum Teil.

Also sparen die Macher an sich selbst, setzen auf Ehrenamtliche. 50 Architekturstudenten von der Uni Stuttgart und der Kunstakademie haben das Nordbahnhofsviertel durchpflügt, Nachbarn gefragt, was sie vermissen, und so die Missionen vorbereitet. Das französische Architektenkollektiv YA + K hat einen Baucontainer in eine Feldküche umgebaut. Und die Rampe von Michael Majerus haben die Künstler abgebaut. Das Holz lagert in den Wagenhallen. David Baur: „Daraus wollen wir Sitze und Tische bauen.“ Schließlich sollen die Stuttgarter ins Nordbahnhofsviertel kommen, schauen, was dort entsteht. Deshalb gibt’s Musik, Essen, Trinken, Sand werden sie aufschütten, man kann sich massieren lassen – und sich über den Wettbewerb informieren. Die Teams müssen ständig über ihre Fortschritte unterrichten, mit Fotos, Plänen und Texten. So kann man in den Wagenhallen nachvollziehen, wie die Stadt umgemodelt wird.

Baur: „Das ist unsere Form der Bürgerbeteiligung.“ Ob sie nachhaltig ist, wird sich zeigen. Bisher ist nicht klar, ob die Bauten stehen bleiben dürfen. Eine Kommission aus Beamten und Politikern wird nach dem Wettbewerb umhergehen und den Daumen heben oder senken. Wo käme man auch hin, wenn Bürger und Künstler einfach so entscheiden dürften, wie ihre Stadt aussieht.

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