Die SPD steht vor einem Wechsel an der Spitze. Foto: picture alliance/dpa/Michael Kappeler

Die SPD ruht derzeit in sich, das belegt die Rückzugsankündigung des Parteichefs inmitten der Regierungsbildung. Sein Nachfolger solle nicht am Kabinettstisch sitzen, wünscht sich der scheidende Vorsitzende. Das birgt Gefahren, kommentiert Jan Dörner.

Berlin - Wer hätte das der SPD bis noch vor Kurzem zugetraut? Der Parteichef kündigt aus freien Stücken seinen Rücktritt an und erntet aus den eigenen Reihen nichts als Lob und Dank. Und das auch noch nach einem Wahlsieg. Vorherige SPD-Vorsitzende gingen diesen Schritt in der Regel nach Wahlniederlagen und bekamen von den Genossen zum Abschied noch einen verbalen Tritt in den Allerwertesten verpasst.

 

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Die Art und Weise der Rückzugsankündigung von Norbert Walter-Borjans belegt, dass die SPD zurecht die führende Rolle in den laufenden Koalitionsverhandlungen einnimmt. Denn die CDU zerpflückt sich derzeit selbst und ist nicht nur auf der Suche nach einem neuen Vorsitzenden. Die Christdemokraten fragen sich auch, was Konservativsein eigentlich noch bedeutet. Die SPD hingegen ruht nach dem Wahlsieg so sehr in sich, dass sie einen Führungswechsel inmitten der Regierungsbildung nicht scheut.

Walter-Borjans nahm sich selbst nicht zu wichtig

Allerdings ist die Neubesetzung an der Parteispitze nicht ohne Gefahren. Nach dem Wunsch von Norbert Walter-Borjans soll sein Nachfolger nicht am Kabinettstisch sitzen, denn sonst sei dieser immer auch ein bisschen Regierungssprecher. Werden aber Vorsitz und Ministeramt strikt getrennt, ist der Parteichef immer auch ein bisschen Opposition. Walter-Borjans ist diese Balance im Amt gelungen, weil er sich selbst nicht zu wichtig genommen hat. Das können nicht alle Spitzenpolitiker von sich sagen.