Zu Besuch in der alten Heimat: Norbert Ketterer bei der Präsentation des Siegerentwurfes für die geplante Bebauung des IBM-Labors in Böblingen. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke Foto:  

Vor rund 30 Jahren hat Norbert Ketterer in Böblingen sein erstes Haus gebaut. Mittlerweile zählt er zu den mächtigsten Immobilienunternehmern der Republik und erstellt demnächst einen ganzen Stadtteil in seinem Heimatort.

An die erste Mark, die er verdient hat, kann sich Norbert Ketterer noch gut erinnern. Es war irgendwann in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre: Zeitungen austragen in Böblingen. Seine erste Million verlor er rund 20 Jahre später – beim Versuch, sich als Bauträger in Leipzig zu etablieren.

 

„Planungsfehler“, sagt er heute und weiß, dass er daraus fürs Leben gelernt hat: „Du musst wissen, was du nicht kannst“, lautete seine Erkenntnis damals. Seither hat Norbert Ketterer fast alles richtig gemacht: Der 57-Jährige zählt zu den einflussreichsten Menschen auf dem deutsch-schweizerischen Immobilienmarkt. Seine Firmen, Aktien- und Beteiligungsgesellschaften jonglieren mit Millionen, bauen Riesenprojekte und entwickeln ganze Stadtviertel. Auch in Böblingen und Umgebung hat Norbert Ketterer seine Duftmarken hinterlassen.

Einer, der sich lieber im Hintergrund hält

Zum Treffen in einem Böblinger Café kommt Norbert Ketterer im Mercedes Maybach – Schweizer Kennzeichen, gelenkt von einem Chauffeur. Seit einigen Jahren lebt der Böblinger in einer Villa am Züricher See und wenn die Wirtschaftsmagazine die Liste der reichsten Deutschen präsentieren, ist sein Name längst dabei.

Das Auftreten dieses unscheinbaren Mannes passt dazu so gar nicht. Norbert Ketterer – schwarzes Hemd, schwarze Hose, bunte Sneakers, weder Anzug noch Krawatte – gehört nicht zu den Menschen, deren Ego durch keinen Türrahmen passt und denen die Präsenz in den Party-Postillen mindestens so wichtig ist wie der Blick auf die Bilanzen. Hier sitzt einer am Tisch, der sich von all den anderen Menschen rundum nicht unterscheidet.

Seit Kurzem sponsert er die Kicker des FC Zürich

Wer über Norbert Ketterer mehr erfahren möchte, findet nicht allzu viele Informationen. Er ist ein Mann, der sich lieber im Hintergrund hält. Die öffentliche Bühne ist nicht sein Metier. Nur einmal stand er vor Kurzem im Rampenlicht – als der Schweizer Fußball-Erstligist 1. FC Zürich seinen Trikot-Sponsor präsentierte. Der heißt jetzt Norbert Ketterer. Ein Tribut an die Fußballbegeisterung, die den Borussia-Dortmund-Fan schon seit seinen Zeiten bei den Kickern der SV Böblingen begleitet. Auf der Brust der Züricher Fußballer prangt der Name „Nokera“: Ketterers jüngste Firma, die auch in Böblingen bald eine Rolle spielen wird.

Start als Zeitungsausträger

Wie schafft man es vom ganz normalen Böblinger Jungen zum großen Player in der Immo-Branche? Wenn Norbert Ketterer erzählt, dann erinnert das rasch an den Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Klassiker. Aufgewachsen ist er in den Hochhäusern am Siebeneck nahe des Böblinger Stadtgartens, gelernt hat er in der Albert-Schweitzer-Realschule und im Wirtschaftsgymnasium. Mit überschaubarem Erfolg. „Die Schule hat mich nie so begeistert“, sagt er. Das Geld verdienen schon eher. Obwohl der Vater bei der IBM beschäftigt war, bedeutete dies schon in jungen Jahren Jobs übernehmen: Waren auffüllen im Supermarkt, Blumen ausfahren für Fleurop, Gläser einsammeln bei Festen.

Sein Verkaufstalent entdeckte Norbert Ketterer dann während der Lehre zum Versicherungskaufmann im Außendienst einer Stuttgarter Versicherung. Einige Jahre verdingte er sich auch als Kneipier in seiner Heimatstadt: Zusammen mit einem Kumpel hat er den „Ritter Bobilo“ betrieben – eine Lokalität, in der vor allem die Böblinger Fußballer unterwegs waren. Eine prägende Zeit, an die er gerne zurückdenkt.

Und dann kam 1989 die Wende und der Tipp der Böblinger Kumpels: „Du musst unbedingt nach Leipzig, dort ist was los.“ Der Erfolg im Osten ließ nicht lange auf sich warten. Norbert Ketterer lernte Christoph Gröner, eine der schillerndsten Figuren in der deutschen Immobranche, kennen und Menschen aus dem Dunstkreis des Immobilienkönigs und späteren Milliarden-Pleitiers Jürgen Schneider – Leute, die dort bereits die großen Räder drehten. Für die veräußerte Verkaufstalent Ketterer bald Wohnungen. „Damals haben die Investoren der steuerlichen Anreize wegen ganze Wohnblocks aufgekauft“, erinnert er sich. Ein Paradies für die Branche, in dem der Böblinger rasch seinen Platz fand.

Den ersten großen Scheck mit Studenten-Appartements verdient

Bei der Arbeit für andere wollte es Norbert Ketterer nicht belassen. „Irgendwann war ich davon überzeugt, dass ich das Bauträgergeschäft auch selbst kann“, erzählt er. Nach der ersten Pleite ging es schnell bergauf. Den ersten großen Scheck, erinnert sich Norbert Ketterer, hat er mit dem Bau von Studenten-Appartements verdient. In der gesamten Republik kaufte er hierfür Grundstücke und entwickelte damit ein lukratives Geschäftsmodell. Schon bald begnügte der Böblinger sich nicht mehr mit dem Bauen und Verkaufen, sondern verlieh an Immobilienentwickler Kredite, die er an professionelle Investoren und vermögende Kundschaft weiter verkaufte: Geschäfte im Hochrisikobereich, für die Norbert Ketterer bis zu 20 Prozent Zinsen verlangte. Geschäfte, die ihm auch den Ruf eines knallharten Geldverleihers eintrugen.

Mittlerweile ist Norbert Ketterer Herr über ein verschachteltes Imperium an Firmen und Beteiligungen, das sich stets verändert. Sein wohl größter Coup gelang ihm im Jahr 2017, als er sein Kreditfinanzierungsunternehmen HFS verkaufte. Eine hohe dreistellige Millionensumme soll ihm dieser Deal laut Branchenangaben eingebracht haben.

Holzbau ist die neueste Geschäftsidee

Derzeit sind rund 15 Unternehmen mit dem Namen Ketterer verknüpft, darunter ein viele Millionen schwerer Anteil am größten Schweizer Bauunternehmen Implenia, der Besitz des Berliner Projektentwicklers Gateway Real Estate, der in deutschen Großstädten moderne Wohnquartiere in Milliardendimensionen baut und vermarktet, sowie seine jüngste Firma Nokera, mit der er demnächst Holzbauten in Großproduktion anfertigen möchte. Bei Magdeburg baut Norbert Ketterer hierfür gerade eine 700 Meter lange Halle. Aus diesem Werk sollen auch einmal die Häuser stammen, mit denen Ketterer einen kompletten Stadtteil auf dem Gelände des ehemaligen IBM-Labors in Böblingen bauen möchte. Investitionsvolumen: rund 500 Millionen Euro.

Fragt man Norbert Ketterer nach seinem Erfolgsgeheimnis, dann sind es „90 Prozent Fleiß und zehn Prozent Glück“, die dahinter stecken – und vor allem Visionen. Studentenwohnungen bauen, Hochrisikokredite verkaufen, mit innovativen Holzhäusern der Wohnbau-Misere begegnen: Norbert Ketterer hatte nicht nur einmal in seinem Leben den richtigen Riecher.

Das Manager Magazin nennt ihn „Finanzhai“

Einer der schlichtweg sein Geschäft versteht und mit seinen Wohnprojekten dem Gemeinwohl verbunden ist? Oder einer, der Firmen so schnell gründet wie er sie wieder vom Markt verschwinden lässt und Millionen in Finanzkonglomeraten und AG-Konstrukten umher schiebt, die am Ende nur einen Profiteur kennen? Einer, dem es nur um „schnelles Geld“ geht, wie mancher Kritiker sagt?

Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz hat eine klare Antwort. Er weist darauf hin, dass Norbert Ketterers Investitionen in seiner Stadt vor allem dazu dienten, Wohnraum und Arbeitsplätze zu schaffen und mit zur Entwicklung Böblingens beitragen. Es gibt aber auch Stimmen, die anderer Meinung sind. Das Manager Magazin hat Ketterer als einen der „aggressivsten Immobiliendealer der Republik“ bezeichnet, attestierte ihm einen „ständigen Kapitalhunger“ und verpasste dem Ex-Böblinger das Etikett „Finanzmarkthai“.

Auch scheint nicht immer alles zu gelingen, was Norbert Ketterer anfasst. Vor einigen Jahren geriet er ins Visier der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), weil er Einlagengeschäfte ohne die vorgeschriebene Lizenz betrieben hatte. Für Aufsehen sorgte Norbert Ketterer auch, als er von der FIFA in Zürich das Vier-Sterne-Hotel Ascot kaufte, dessen Betreiber bald danach Konkurs anmelden musste – offenbar weil Ketterer nicht bereit war, während der Corona-Pandemie die Pacht zu reduzieren.

Den harten Hund der Branche möcht er nicht auf sich sitzen lassen

Unvermeidbare Betriebsunfälle auf dem Weg eines erfolgreichen Unternehmers? „Es klappt halt nicht immer alles“, sagt Norbert Ketterer. Die Insolvenz des Hoteliers hätte nicht sein müssen, wenn er um dessen Existenznöte gewusst hätte, sagt er. Die Probleme mit der Finanzaufsicht führt Ketterer auf den Kauf einer Firma zurück, die die Regularien nicht beachtet habe. „Die Rückabwicklung dieser Geschäfte“, erzählt er, „hat mich viel Geld gekostet“. Dass ihm der Ruf eines harten Hundes in der Branche vorauseilt, möchte Norbert Ketterer nicht stehen lassen. Er sieht sich als „unkonventionellen und pragmatischen Geschäftsmann, der nichts zu verschenken hat und bereit ist, Risiken einzugehen.“

In seiner Heimatstadt ist Norbert Ketterer nur noch selten unterwegs. Wenn, dann vor allem, weil ihn die Geschäfte hierher bewegen. In den 1990er Jahren hat er dort sein Erstlingswerk hinterlassen – ein Mehrfamilienhaus in der Brunnenstraße. „Dieses Grundstück“, erzählt er, „hatten meine Eltern als Garten gepachtet.“ Lange Zeit war dies die einzige Immobilie in Böblingen, die mit dem Namen Ketterer verbunden ist.

Seit einigen Jahren ist das anders. Auf der Böblinger Hulb, in der Böblinger Bahnhofstraße und in Ehningen war oder ist der ehemalige Böblinger an Millionen-Projekten beteiligt. Und nun steht Norbert Ketterer in den Startblöcken, um die Zukunft Böblingens mitzugestalten. Vor einigen Jahren hat er das Areal des IBM-Labors auf dem Rauhen Kapf gekauft. Nicht weniger als die größte Wohnbausiedlung aus Holz in Baden-Württemberg soll dort entstehen, verspricht er. (Ein ausführlicher Bericht folgt.)

Norbert Ketterers Investitionen in Böblingen

NXP-Areal
Schon während der Finanzkrise hat Norbert Ketterer das Gelände der ehemaligen IBM-Chipfabrik gekauft und mit seiner Gateway Real Estate AG zu einem Logistikstandort entwickelt. Der noch unbebaute Teil des Areals gilt als die letzte große Industriebrache in Böblingen. Mittlerweile hat Ketterer das Gelände wieder veräußert.

Klett-Areal
Die Bebauung des Klett-Areals in der Bahnhofstraße hat das Schweizer Bauunternehmen Implenia übernommen, bei dem Norbert Ketterer Mehrheitsaktionär ist. Als Projektentwicklerin tritt die Münchner Isaria auf – ein Unternehmen, an dem Norbert Ketterer lange Zeit viele Anteile besaß.

IBM-Technology Campus Ehningen
Als Großinvestor trat Norbert Ketterer in Ehningen auf. Mit seiner Development Partner AG finanzierte er den Bau des neuen Vertriebs- und Forschungsareal des Computerherstellers, das derzeit entsteht. Das Projekt umfasst vier sechsstöckige Gebäude und gilt als das größte Bauvorhaben der IBM in Deutschland. Investitionssumme: ein „niedriger“ dreistelliger Millionenbetrag.

IBM-Labor
Norbert Ketterers Gesellschaft Greenpark Böblingen hat 2019 das 13 Hektar große Gelände des noch bestehenden IBM-Labors in Böblingen erworben. Dort plant er einen neuen Stadtteil für über 2000 Menschen. Die Gebäude sollen in innovativer Holzbauweise entstehen. Die Produktion der Holzfertigteile übernimmt Ketterers jüngstes Unternehmen – die Schweizer Firma Nokera. Norbert Ketterer möchte rund 500 Millionen Euro investieren.