Daniela Seiberle am Karibikstrand von Playa del Carmen Foto: privat

Daniela Seiberle litt seit ihrer frühen Jugend an Angstzuständen. Eine Weltreise half ihr schließlich aus der Panik-Spirale. Heute lebt sie als digitale Nomadin.

Der Himmel ist strahlend blau, das türkisblaue Meer funkelt am Horizont. Barfuß wirbelt Daniela Seiberle über den weißen Sand. Ihre Lippen bewegen sich still zum spanischen Gesang. Ein muskulöser Mexikaner, cool mit Sonnenbrille, führt sie tanzend durch die rhythmischen Trommelklänge. Die beiden blicken sich tief in die Augen. „Bachata im Paradies“ steht unter Seiberles Instagram-Post, der im Frühjahr 2025 an der Playa Delfines in Cancun entstanden ist. Seit 2019 zählt Bachata, eine Tanz- und Musikrichtung, zum immateriellen Kulturerbe der Karibik. „Ungefähr genauso lange bin ich dem lateinamerikanischen Lebensgefühl verfallen“, sagt die 36-Jährige. Dass sie einmal solche Glücksgefühle spüren könnte, war früher undenkbar für sie.

 

Daniela Seiberle wächst auf in Lauchringen, einem 8000-Seelen-Ort in Südbaden. Sie ist 14 Jahre alt, als zum ersten Mal eine Panikattacke über sie kommt: Herzrasen, Schweißausbrüche, Atemnot – im schlimmsten Fall bis hin zum Kreislaufkollaps. Das wiederholt sich in den folgenden zehn Jahren Hunderte Male, in schlimmen Wochen vier bis fünf Mal. „Es passierte in der Warteschlange in der Bank, mitten im Supermarkt, beim Spazierengehen, wenn mir ein Hund entgegenkam“, erzählt sie. „Irgendwann konnte ich das Haus nicht mehr verlassen, weil ich ständig Angst vor der nächsten Attacke hatte – und vor allem davor, schwer krank zu sein und zu sterben.“ Verzweifelt sucht sie damals bei Ärzten Hilfe. Doch weder Allgemeinmediziner noch Kardiologen oder Neurologen finden eine körperliche Ursache.

Angstanfälle ohne konkreten Auslöser

Angststörungen sind laut der Stiftung Gesundheitswissen weit verbreitet: 21 Prozent der Frauen und neun Prozent der Männer in Deutschland leiden demnach unter Phobien oder einer gestörten Angstwahrnehmung. Panikattacken, also Angstanfälle ohne konkreten Auslöser, sind etwas seltener (drei Prozent betroffene Frauen und ein Prozent der Männer). Weil zunächst körperliche Ursachen ausgeschlossen werden sollten, dauert es bis zur Diagnose oft viele Jahre.

Daniela Seiberle in den Bergen von Albanien Foto: privat

So auch bei Daniela Seiberle. Als sie 18 Jahre alt ist, mitten in der Abschlussprüfungsphase zur Mittleren Reife, stirbt ihr Vater nach einem zweijährigen Kampf gegen den Darmkrebs. „Meine Welt geriet total ins Wanken. Danach wurde es noch schlimmer“, sagt sie. Um die Trauer zu verarbeiten, besucht Daniela Seiberle auf Wunsch ihrer Mutter mit 23 erstmals einen Psychologen. Und endlich macht es Klick: „Er hat sofort erkannt, dass ich an Panikattacken und Angstzuständen leide. Das war eine Riesenerleichterung, weil ich endlich verstanden habe, was mit mir los ist.“

Die Angst vor der Angst

In Dutzenden Gesprächen arbeitet sie ihre verpasste Jugend, den frühen Verlust und die angsterfüllten Situationen auf. Sie versteht nach und nach, dass ihre negativen Gedanken und ihre Angst vor der Angst diese körperlichen Symptome auslösen. Die Attacken werden seltener, reduzieren sich auf vielleicht zwei pro Monat. Ein großer Fortschritt. Damals trifft sie eine Entscheidung, die niemand in ihrem Umfeld je für möglich gehalten hätte: „Ich mache eine Weltreise“, verkündet sie. Sie hat viel nachzuholen. Und noch viel positive Gedanken zu sammeln.

2016 kündigt Daniela Seiberle ihre Wohnung sowie ihre Festanstellung als Industriekauffrau und fährt direkt nach Weihnachten mit ihrem vollen Rucksack zum Flughafen Zürich. Sie freut sich auf Silvester zwischen Wolkenkratzern in Singapur, auf Kängurus in freier Wildbahn in Australien.

Doch in der Warteschlange zum Check-In rollt plötzlich eine Panikwelle auf sie zu: Herzrasen, glühende Wangen, ein Kribbeln im Kopf, dass ihr schwindelig wird. Zweifel, Versagensängste und die Angst vor der Angst schießen ihr durch den Kopf. „Fast wäre ich einfach wieder mit meiner Familie nach Hause gefahren“, erzählt sie. „Zurück in mein sicheres Kinderzimmer.“ Aber sie atmet tief durch und steigt doch in den Flieger.

Durchs Outback und und durch Eukalyptuswälder

Christina Miro, 33, aus Berne in Niedersachsen ist als Psychologin auf Reisethemen spezialisiert. Sie begleitet Weltenbummler und Expats in ihrer Online-Praxis. „Reisen verbinden wir mit positiven Emotionen, wir stellen uns selbst als glücklich und entspannt vor, haben erlebnisreiche Wohlfühlbilder im Kopf“, sagt die Expertin. „Diese Vorfreude sorgt nicht nur für eine Glückshormon-Ausschüttung, sie hat auch eine ungeheure Macht für die Motivation, Pläne durchzuziehen.“

Daniela Seiberle auf der mexikanischen Insel Cozumel Foto: privat

Daniela Seiberle hält an ihrem Ziel fest. Sie durchreist Outback und Eukalyptuswälder in Australien, sieht Koalas, brettert steile Sanddünen mit dem Snowboard hinunter in Neuseeland und bestaunt wilde Elefanten und Dschungeltempel in Sri Lanka. „Ich war oft komplett überfordert“, sagt sie. „Immer wieder die Angst, auf fremde Menschen zuzugehen, Verkehrsanbindungen zu verpassen. Immer wieder der Gedanke: „Ich schaff es nicht.“

13 planlose Monate

Die Panikattacken kommen noch vor, rücken aber zunehmend in den Hintergrund. „Ich hatte ja keine Wahl, war auf mich alleine gestellt und musste weitermachen.“ Sie besteigt Vulkane in Indonesien, spürt die sprühenden Wassertropfen in der Luft der gewaltigen Iguazú-Wasserfälle in Brasilien. Insgesamt lässt sie sich 13 Monate relativ planlos durch zwölf Länder auf vier Kontinenten treiben. Die ganze Zeit schläft sie in einfachen Hostel-Schlafsälen, fährt mit öffentlichen Bussen und Zügen, kämpft sich mit ihren anfangs unsicheren Englisch- und Spanischkenntnissen von einem zum nächsten Ort. Wird immer selbstsicherer. „Mit der Zeit hatte ich endlich dieses Gefühl, mein Leben wieder selbst in die Hand zu bekommen.“ Und sie merkt mit jedem überstandenen Abenteuer: „Ich bin viel stärker, als ich dachte.“ Nach der Reise habe sie sich gefühlt wie ein Schmetterling: „Was ich in mir getragen habe, ohne es zu leben, ist auf der Reise rausgekommen.“

Als eine „Selbstkonfrontation auf allen Ebenen“ beschreibt Christina Miro die Weltreise von Daniela Seiberle. Sich all den Herausforderungen alleine zu stellen, täglich Entscheidungen zu treffen, seine Komfortzone Stück für Stück zu erweitern, schaffe korrigierende Erfahrungen. „Ob Begegnungen mit fremden Menschen, Straßenhunden oder der eigene Umgang mit der Angst – gewohnte Erfahrungen werden neu erlebt, neu gemeistert und mit neuen, positiven Emotionen im Gehirn abgespeichert“, sagt Miro. Im Idealfall führe das zur tiefen Erkenntnis, dass die Angst all die Jahre gar nicht notwendig war.

Alles Geschaffte und Erlebte gebe Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und das Gefühl von Selbstermächtigung. Hinzu kämen alle Annehmlichkeiten, die selbst Kurzreisen mit sich brächte: „Wir bewegen uns viel mehr, verbringen mehr Zeit draußen in der Natur, entdecken neue Kulturen, Tiere, Landschaften und Geschmäcker – nehmen all diese Eindrücke jenseits des Alltags und jenseits gesellschaftlicher Erwartungen und To-Do-Listen intensiver wahr“, sagt Miro. „Das katapultiert uns aus der negativen Gedankenspirale und hat die Macht, unsere Seele zu heilen.“

Inzwischen hat sie 20 000 Instagram-Follower

Natürlich, so Miro, sei eine Weltreise nicht für jeden das geeignete Mittel: „Wichtig ist aber, dass jeder Mensch für sich auch im Alltag Momente schafft, in denen er sich selbst herausfordert. Das schafft erfüllende Abwechslung und lässt uns stetig wachsen.“

Beflügelt von den mehr als 20 000 Instagram-Followern, die ihre Reiseberichte verfolgten, hat Daniela Seiberle nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nicht nur ein Buch geschrieben, sondern sich auch als Social-Media-Beraterin selbstständig gemacht. „Seither lebe ich, wie es mit guttut – ob das nun andere für normal halten oder nicht.“

Inzwischen ist sie in Deutschland abgemeldet und arbeitet als digitale Nomadin. Die Wintermonate verbringt sie meistens in Lateinamerika, macht dort Palmenstrände und Dschungelcafés zu ihrem Homeoffice, tanzt in der Freizeit Bachata, bricht auf zu Wanderungen. Im europäischen Sommer reist sie durch Italien, Frankreich, Deutschland oder Portugal. „Seit sechs Jahren bin ich komplett frei von Panikattacken“, sagt sie. „Die große Reise hat meine Seele geheilt. Ich bin mir selbst dankbar, dass ich das durchgezogen habe.“