Das Friedrichsbau Varieté präsentiert seine neue Show „Noir“. Eine fulminante Flucht ins frühe 20. Jahrhundert, die Leichtigkeit, Witz, Feierlaune und jede Menge hochkarätige internationale Artistik bietet.
Stuttgart - Der Gong ertönt, die Swingmusik fließt in den Saal, die Tänzerinnen auf die Bühne, in Kostümen in Schwarz und funkelndem Silber, mit Stirnreif und Feder im Haar: Die wilden Zwanziger sind da, im Friedrichsbau Varieté. „Noir – die Nächte der 1920er Jahre“ – so heißt die Show. Und schon lockt sie das Publikum hinein, in die vorgestrige Halbwelt: Kristina Kruttke alias Madame Chou-Chou, Grande Dame, angereist aus Köln, jubelt und verspricht den Rausch. „Ich bin die Dompteuse des heutigen Abends“, so stellt sie sich vor. „Es kann euch nichts Schlimmeres passieren, als dass Ihr Spaß habt und euch neu entdeckt.“
Die goldenen 1920er Jahre bieten willkommene Ablenkung von der drückenden Aktualität, haben sich lange schon als Wunschspiegelbild der 2020er etabliert: Vor 100 Jahren soll es lustig und verzweifelt zugegangen sein, Freizügigkeit, Tanz und ein bisschen Irrsinn regierten. Das mag im scharfen Gegensatz zu einer Gegenwart stehen, in der man manche Regeln sehr gewissenhaft befolgen muss und darauf achtet, dass die Maske sitzt - allein: Auch damals tanzte man auf unsicherem Boden, das tut man heute wieder. Die große Freiheit erscheint nur noch begehrenswerter, und das Varieté gibt Träumen scheinbar Wirklichkeit.
Internationale Artisten treffen auf verruchte Atmosphäre am Flügel
Ralph Sun führte Regie bei „Noir“, Werner Fritzsche richtete die Bühne ein, Torsten Schulz und Rainer Lolk gestalteten Licht und Klang, internationale Artisten tanzen, jonglieren, verwandeln sich. Weit hinten, vor einer Wand in fließend dunkelblauem Ton, sitzt Sascha Kommer, Pianist aus Pliezhausen, hingegossen an einen Flügel, zumeist im Frack, manchmal auch ohne, spielt schwungvoll Jazz und Swing, stützt den Kopf auf, blickt vor sich hin, lässt eine Hand nur auf den Tasten spazieren gehen, während vorne Madame Kruttke Ringe aus Zigarrenrauch in die Luft bläst und plaudert, sehr charmant und sehr verrucht.
The-Bevans-Girls aus Großbritannien tanzen und entzücken in immer neuen schillernden Kostümen. Die Musikauswahl ist dabei historisch unkorrekt: Einspielungen jazzender Big-Band-Nummern werden abgelöst von Elektro-Versionen neuzeitlicher Hits - und „Noir“ entpuppt sich mehr und mehr als die augenzwinkernd frivole Inszenierung sehr beachtlicher artistischer Leistungen.
Schwebende Anker, Ringe und Darsteller
Zuerst beeindruckt das Duo Balkanica, zuhause in Bulgarien: Yordan Pudev und Svetlana Nikolava tanzen nicht auf einem Tisch, sie fliegen über ihn hinweg, mit enormem Geschick und nicht ohne Witz. Das sieht lässig und gefährlich aus, wenn beide seitwärts kippen, sich gekonnt fangen, sie schließlich durch seine Beine hechtet und er flach auf den Rücken fällt. Ben Finch-Brown wird sich später am Abend gemeinsam mit seinem Ehemann Jonathan tätowiert in spärlichem Lackkostüm in konzentrierter Darbietung zur Musik von Depeche Mode („Personal Jesus“) um einen schwebenden Anker winden – früher schon tritt er auf als Solist, bewegt sich, hält sich, zur Pose geronnen, in einem schwarzen Ring, der sich auf die Bühne herabgesenkt hat.
Fanny Di Favola indes tanzt die „Rhapsody in Blue Reverse“, beginnt fast unbekleidet, um fast wohlangezogen zu enden. Auftritt Edgar Falzar aus Frankreich, ein kleiner Mann im rosa Kleid, der einen gelben Gummiball und mehrere Spiegelkugeln balanciert, mit rosa Ringen jongliert, manchmal grell kichert und, in der zweiten Hälfte der Show dann, jonglierend seine Hosen verliert. Freilich: Die Sache, mit der dieser Artist bald schon vor den Augen seines Publikums herum wedelt, ist kaum echt, und auch sonst handelt es sich bei der nackten Haut, die man in „Noir“ zu sehen bekommt, zumeist nur um sehr dünnen Stoff.
Furioses Finale mit dem ganzen Nachtclub-Ensemble
Kai Hou aus China lehrt das Publikum das schiere Staunen: Er stapelt die Reifen auf der Bühne höher und höher, schleudert sich mit atemberaubender Präzision und Kraft durch sie hindurch, wird, gleich nach der Pause, zurückkehren und zwischen zwei schwarzen Stangen schweben, auch er erstarrt zu regungslos gespannter Pose, wird sich plötzlich fallen lassen und sich, kurz bevor er den Boden berühren würde, aufzufangen.
Schließlich klatscht das Publikum begeistert den Takt, zuckt die Musik noch einmal in nervöser Lebensfreude. Madame Kruttke trägt nun Grün, The-Bevans-Girls hüllen sich in rote Federn, das ganze Nachtclub-Ensemble kommt auf die Bühne, feiert ausgelassen sein Finale.
Das Publikum wird in die Nacht entlassen, fühlt sich, so wie das Madame Kruttke zu Beginn versprach, vielleicht ein wenig neu – und wird deshalb aber kaum auf seine Maske verzichten wollen.
„Noir“ im Friedrichsbau Varieté
Vorstellungen
Die zweieinhalbstündige Show „Noir“ läuft bis zum 27. Februar 2022 donnerstags bis samstags um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr.
Einlass
Für die Veranstaltungen im Friedrichsbau Varieté gilt die 2G-Regel. Es wird darum gebeten, im Saal und Foyer eine medizinische Maske zutragen, außer beim Verzehr von Getränken oder Speisen. Weitere Infos unter https://www.friedrichsbau.de/