Der künftige Bundestrainer war selbst erfolgreicher Radballer: Matthias König holte 2010 bei der Weltmeisterschaft in der Stuttgarter Porsche-Arena den Titel. Foto: Baumann

King dankt ab, König übernimmt: Nach der Weltmeisterschaft in der Stuttgarter Porsche-Arena gibt es bei den deutschen Radballern einen Stabwechsel. Der aktuelle Bundestrainer Jürgen King (53) hält Ex-Weltmeister Matthias König (35) für den perfekten Nachfolger.

Herr King und Herr König, wie oft haben Sie zuletzt Witze über Ihre Namen gehört?
Jürgen King: Oft.
Matthias König: Sehr oft. Dabei wäre sogar noch eine Steigerung möglich.
Echt?
King: Ja. Dazu müsste nur die Co-Bundestrainerin der Kunstradfahrer umsatteln – sie heißt Sonja Kaiser.
Wunderbar. Wie wahrscheinlich ist das?
King (lacht): Zumindest müsste sie sich gedulden. So schnell dankt ein Radball-Bundestrainer nicht ab.
Sie waren, wenn Sie nun bei der WM in der Porsche-Arena aufhören, 16 Jahre im Amt, Ihr Vorgänger Hans Krämer sogar 18 Jahre.
König: Beide waren Radball-Bundestrainer aus Leidenschaft. Anders geht es allerdings auch nicht.
Ein bisschen Geld ist doch sicher auch im Spiel.
King: Viele denken, Bundestrainer wäre ein hochbezahlter Job. Im Fußball ist das so, im Radball sicher nicht.
Geht es ein bisschen konkreter?
King: Ich bekomme eine nicht allzu hohe Aufwandspauschale pro Tag, die versteuert werden muss. Und ein paar Cent pro Kilometer – bei rund 20 000 Kilometern pro Jahr muss man froh sein, wenn man am Ende nicht drauflegt. König: Radball-Bundestrainer ist ein Ehrenamt. Wer es wegen des Geldes macht, der kann nicht rechnen.
Hören Sie deshalb nun auf, Herr King?
King: Nein. Der Radball hat 46 Jahre mein Leben bestimmt. Jeder Termin, jeder Urlaub hing am Sport. Ich bin selbstständiger Schlosser mit 14 Angestellten, das fordert. Mein Sohn kickt in der Kreisliga A, er hat in elf Spielen dieser Saison 21 Tore geschossen. Ich war seit vier Jahren nicht mehr bei ihm auf dem Sportplatz. Sie sehen: Es ist an der Zeit zu gehen – zumal der Radball auch jüngere Kräfte braucht.

„Bernd und Gerhard Mlady sind nur Außenseiter“

Wo steht der deutsche Radball aktuell?
König: Wir hatten jahrzehntelang eine sehr breite Spitze, das hat zuletzt ein bisschen abgenommen. Derzeit dominiert der RC Höchst, die beiden Österreicher spielen auf einem unglaublich hohen Niveau. Die zwei Schweizer sind ebenfalls stark. Aber auch in diesen Ländern gibt es weniger Top-Teams.
Was bedeutet dies für das WM-Turnier?
King: Bernd und Gerhard Mlady sind erstmals bei einer WM dabei und sicherlich nur Außenseiter. Es wäre utopisch zu sagen, dass sie sicher den Titel holen. Aber ganz ausgeschlossen ist es nicht, auch wenn Höchst normalerweise eine Klasse besser ist. Für uns spricht die Heim-Atmosphäre in Stuttgart. König: Auch wenn die Mladys eine super WM spielen, könnten sie am Ende völlig verdient Dritter werden.
Herr King, Sie haben mit Ihrem Bruder Werner drei WM-Titel geholt, Sie, Herr König, mit Uwe Berner bei der Heim-WM 2010 in der Porsche-Arena triumphiert. Muss ein Radball-Bundestrainer selbst Weltmeister gewesen sein?
King: Es ist zumindest kein Nachteil. Im Radball gibt es pro Jahr nur einen Höhepunkt, an dem man gemessen wird. Bei der WM sind beim Coach eher psychologische als sportfachliche Qualitäten gefragt. Es hilft, eine solche Situation als Spieler selbst mehrfach durchlebt zu haben. König: Der Bundestrainer verbringt relativ wenig Zeit mit seinen Spielern in der Halle, arbeitet mit ihnen nur bei vier, fünf Lehrgängen pro Jahr. Wenn er aus eigenen Erlebnissen weiß, wie sie sich unter Druck fühlen, ist das natürlich extrem positiv.
Herr King, warum ist Matthias König ein guter Nachfolger für Sie?
King: Er ist der ideale Mann für diesen Job. Weil er als Diplom-Sportwissenschaftler eine fundierte fachliche Ausbildung hat. Weil er als Weltmeister über genug Erfahrung verfügt. Und weil er einer der wenigen Leute ist, die das Privileg genießen, von den aktuellen Sportlern akzeptiert zu werden.
Sind Sie schon jetzt in Stuttgart dabei?
König: Ja, als Adjutant. Oder Praktikant, wie Sie wollen. Ich habe in der Porsche- Arena den absoluten Höhepunkt meiner Karriere erlebt, die Fans von meinem Verein RV Gärtringen kamen damals mit der ­S-Bahn in die Halle. Und jetzt freue ich mich wieder auf eine geile Kulisse.
Was wollen Sie als Bundestrainer erreichen?
König: Ich will in dem Sport, den ich liebe, etwas bewegen. Es geht darum, die aktuellen Top-Teams zu unterstützen und ihnen einen Mehrwert zu bieten – 98 Prozent der Aktiven-Mannschaften finden keinen eigenen Trainer. Zudem will ich um Titel kämpfen. Und ich möchte junge Duos an das Weltklasse-Niveau bei den Erwachsenen heranführen. Bei den Turnieren der Junioren und der U 23 sind wir sehr erfolgreich.

„Uns gehen etliche Talente auf dem Weg nach oben verloren“

Es gibt genügend Nachwuchs-Radballer?
King: Die Zahl der Talente wird kleiner, es gibt einfach keine Bolzplatzkinder mehr.
König: Im Computer-Zeitalter finden sich immer weniger Kinder, die gute sportmotorische Fähigkeiten haben. Dazu kommt, dass vielen der Biss fehlt. Das geht allerdings fast allen Sportarten so.
Trotzdem hat der Radball noch ein paar spezifische Probleme.
König: Stimmt. Es kann bei uns bis zu einem Jahr dauern, ehe ein Anfänger den Ball zielgerichtet passen kann. Das erfordert neben Bewegungstalent und Ehrgeiz auch ein großes Maß an Beharrlichkeit.
Ohne Aussicht, wie im Fußball oder Tennis später Geld mit dem Sport zu verdienen.
König: Das ist das nächste Problem. Uns gehen etliche Talente auf dem Weg nach oben verloren, und das hat nicht nur mit dem Führerschein oder der ersten Freundin zu tun. Sondern vor allem damit, dass sie wegen ihrer beruflichen Ausbildung oder ihres Studiums verständlicherweise irgendwann andere Prioritäten setzen müssen.
Wie viel verdient ein Radballer?
König: Ein Top-Duo kann heute nach vier, fünf Jahren in der Weltspitze mit einem kleinen Plus rauslaufen – allerdings nur, wenn es sich das Bier nach dem Training spart. Radballer müssen Überzeugungstäter sein.
Kommt da Neid auf echte Sportprofis auf?
König: Nein, man weiß ja, auf was man sich einlässt. Ich habe immer auf den großen Sponsor gehofft, doch der kam nie. Also habe ich halt vor dem Training im Getränkemarkt gejobbt, um mein Studium zu finanzieren.
King: Ich finde schon, dass es eine Ungleichbehandlung gibt, und das liegt nicht an Fußball, Tennis oder Golf. Sondern daran, dass uns Radballern vor zwei Jahren sogar die 20 Euro Sporthilfe im Monat gestrichen wurden, die Mitglieder des A- und B-Kaders bis dahin noch bekommen haben. Es gibt mittlerweile sogar eine große Diskrepanz zwischen olympischen und nicht-olympischen Sportarten.
Wie wird sich der Radball entwickeln?
King: Im gesamten Hallenradsport geht aktuell wenig vorwärts. Das Problem ist, dass derzeit in Ländern wie Belgien oder Tschechien, in denen Hallenradsport Tradition hat, der Trend sogar eher rückläufig ist. Und zu meiner Zeit waren auch noch Teams aus Skandinavien, den USA oder Australien dabei – dort spielt jetzt keiner mehr Radball.
Was bedeutet das?
King: Der Radball kämpft um seine Zukunft. Es ist natürlich positiv, dass die Zahl der Radballer in Deutschland konstant bleibt, aber ich sehe die Gefahr, dass in ein paar Jahren nur noch sieben oder acht Nationen an einer WM teilnehmen. Dagegen muss etwas getan werden.
Wie?
King: Der Radsport-Weltverband UCI muss die Verbände mit Geld und Trainern unterstützen. Nur so können neue Strukturen geschaffen werden.
Wären Sie bereit zu helfen?
King: Ich habe mein Soll jetzt erst mal erfüllt. Aber ich bin ja nicht weg vom Fenster, der Abstand wird nur ein bisschen größer. Die Karten für die WM 2017 in Dornbirn zum Beispiel habe ich längst bestellt.
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