Exzentrik statt Konformismus: Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat im Literaturhaus Stuttgart Einblicke in ihre Poetik gegeben.
Es ist inzwischen eine Tradition, dass Autorinnen und Autoren, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurden, im Stuttgarter Literaturhaus Station machen. Günter Grass und Imre Kertész waren da, auch Kenzaburō Ōe, Orhan Pamuk, Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch haben dort schon aus ihren Büchern gelesen. Deshalb war wieder ein volles Haus garantiert, als jetzt die Preisträgerin von 2018, Olga Tokarczuk, zu Gast war, um im Rahmen der Reihe „Souvenir“ mit der Journalistin Olga Mannheimer über ihren letzten, im Züricher Kampa Verlag erschienenen Essayband „Übungen im Fremdsein“ ins Gespräch zu kommen.
Ablagerungen von Geschichten
Als Souvenir hatte Tokarczuk ein Stück Kalkkristall mitgebracht, wollte aber zunächst noch nicht verraten, was es damit auf sich hat. Nur so viel: Kalkkristalle entstehen chemisch aus einer Kombination von organischen und anorganischen Materialien. Wenn man etwa einen Faden über Nacht in eine Kochsalzlösung gibt, dann hat sich am nächsten Morgen um diesen Faden herum Salz kristallisiert. Ihre Literatur, so Tokarczuk, sei genau auf diese Weise entstanden, bestehe aus Ablagerungen, die sich um einen solchen Faden herum angereichert haben.
Eine geradlinig erzählte Geschichte ohne Schnörkel und Abschweifungen, so viel war klar, darf man in den Büchern der polnischen Autorin nicht erwarten. In ihrem Essay „Mein Name sei Million“, dessen deutsche Übersetzung im Literaturhaus von Johannes Wördemann vorgetragen wurde, entwickelt Tokarczuk ihre Poetik durch einen Rückgriff auf neuere Erkenntnisse der Biologie. Der menschliche Körper sei von unzähligen anderen Lebewesen, von Bakterien, Viren und Pilzen besiedelt, ja „kolonisiert“, sei eine „Republik“ verschiedener, miteinander in Symbiose lebender Organismen. Der Sündenfall der Menschheit bestand darin, diese Symbiose mit der nichtmenschlichen Natur vergessen zu haben, auf Absonderung statt auf Zusammenspiel, auf Hierarchie statt auf netzwerkartige Verflechtung, auf Einheit statt auf Vielheit zu setzen.
Kairos, Gott der Exzentrik
Ein anderer Essay in Tokarczuks Band „Übungen im Fremdsein“ ist Kairos gewidmet, dem griechischen Gott des flüchtigen Augenblicks, durch den eine Geschichte eine unerwartete Wendung erfährt. Kairos sei ein Gott der Exzentrik, er stehe für das Preisgeben „der ausgetretenen Pfade im Denken und Handeln . . . , das Verlassen wohlbekannten Terrains, das mittels gemeinschaftlicher Denkgewohnheiten, Rituale, verfestigter Weltanschauungen gewissermaßen abgesteckt worden ist“.
Entscheidung für das Risiko
Wie sich diese Exzentrik in der Schreibart ihrer Literatur niedergeschlagen hat, versuchten die Autorin und Olga Mannheimer dann im Blick auf den 2014 veröffentlichten historischen Roman „Die Jakobsbücher“ herauszufinden, der als Tokarczuks Hauptwerk gilt. Er spielt im 18. Jahrhundert, sein Held Jakob Frank ist ein religiöser Häretiker aus den jüdischen Gemeinden Ostpolens, der von der mystischen Geheimlehre der Kabbala inspiriert war und von seinen Anhängern als Messias verehrt wurde. Tokarczuk verglich ihn mit dem dummen Hans aus dem Märchen, der an einer Weggabelung nicht den gut gepflasterten „rechten“ Weg gewählt, sondern sich für den risikoreichen „linken“ Pfad entschieden hat.
Häresie statt Orthodoxie
Die Poetik dieses Romans kreist um dieselben Gegensatzpaare wie Tokarczuks Essays: Häresie statt Orthodoxie, Peripherie statt Zentrum, Exzentrik statt Konformismus, multiperspektivisches Erzählen statt einem allwissenden auktorialen Erzähler. Leser, die mit der zeitgenössischen Literatur vertraut sind, werden in diesem Programm allerdings bekannte Parolen postmodernen Schreibens wiederfinden, in das sich Tokarczuk hier einreiht. Dazu gehört auch die selbstreflexive Schleife, dass am Schluss das Verfassen des Romans, den wir gerade gelesen haben, im Roman selbst vorgeführt wird.
Ein Kalkkristall als Souvenir
Auch das Motiv, dass eine Figur nicht sterben kann, sondern in einer Grauzone zwischen Leben und Tod herumgeistert, spielt in den „Jakobsbüchern“ eine Rolle. Verkörpert wird es durch die Großmutter von Jakob Frank, die nach ihrem Tod in einer Kalksteinhöhle als Geist umgeht und im Verlauf des Romans von einer Randfigur immer mehr ins Zentrum rückt. In dieser Höhle, so erfahren wir, haben sich während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg Juden vor ihren Verfolgern versteckt und so die Schoah überlebt.
Bei einer Lesung in Krakau hätten sie Leser darauf angesprochen und ihr ein Stück Kalkkristall aus dieser Höhle geschenkt, berichtete Tokarczuk – und dieses Erinnerungsstück an eine weitverzweigte Geschichte habe sie jetzt als Souvenir ins Stuttgarter Literaturhaus mitgebracht.
Neue Reihe zu Literatur aus Mittel- und Osteuropa
Person
Olga Tokarczuk wurde 1962 in Niederschlesien geboren, ihre Eltern stammten aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Sie studierte in Warschau Psychologie und arbeitete dann als Psychotherapeutin, die sich der Schule von Carl Gustav Jung zugehörig fühlt. Seit ihrem Debüt als Schriftstellerin 1989 hat sie Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays veröffentlicht und erhielt für ihr Gesamtwerk 2018 den Literatur-Nobelpreis.
Reihe
„Souvenir“ heißt eine neue, auf knapp zwei Jahre angelegte Reihe im Stuttgarter Literaturhaus, die in Kooperation mit dem Netzwerk der Literaturhäuser konzipiert wurde und von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Ernst Klett AG unterstützt wird. Unter dem Stichwort der „materialisierten Erinnerung“ sollen die Literaturen Mittel- und Osteuropas einem größeren Publikum vorgestellt werden.