Stephan Hildebrandt ist seit November 2023 Direktor des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) des VfB Stuttgart. Vor dem ersten Drittliga-Heimspiel spricht er über die U 21, die Youth League und die Gründe, warum schon lange kein Eigengewächs den Durchbruch mehr schaffte.
Die U 21 des VfB Stuttgart erwartet an diesem Sonntag (16.30 Uhr) zu ihrem ersten Drittliga-Heimspiel in Großaspach den TSV 1860 München. NLZ-Direktor Stephan Hildebrandt gibt Einblicke in den Nachwuchsbereich.
Herr Hildebrandt, Sie waren zum Auftakt der U 21 in Rostock dabei. Ihr Eindruck?
Ich habe, gemeinsam mit unserem sportlichen Leiter, Daniel Teufel, einen charakterstarken Auftritt der Mannschaft vor über 23 000 Zuschauern gesehen. Natürlich hatten wir unsere Anpassungsmomente, gerade im ersten Abschnitt. Die haben wir aber mit Fortune und Dennis Seimen erfolgreich bewältigt. Als Aufsteiger sind wir stabil geblieben, konnten hinten raus sogar zulegen und haben den einen Punkt ganz sicher nicht unverdient mitgenommen. Allein Entstehung und Vollendung unseres Treffers waren die Reise wert.
Mit 1860 München folgt im ersten Heimspiel gleich der nächste Härtetest.
Die Härtetests werden die ganze Saison über nicht abreißen. Egal, ob in Essen, Cottbus, Dresden oder Aachen – überall wird unser junges Team aufs Äußerste gefordert sein. Gerade in dieser Hinsicht ist ein Geschenk.
Und die ideale Plattform für die Entwicklung der Talente?
Die Erfahrungswerte kann man mit Geld kaum bezahlen. Wir wollen die Dritte Liga mit allem, was sie bietet für unsere zentrale Aufgabe nutzen – die Entwicklung von Talenten für den Profi-Fußball. Ein vergleichbarer Spannungsbogen den unsere jungen Spieler vor solch beeindruckenden Kulissen wie jetzt in Rostock aufbauen, lässt sich nicht simulieren. Es bleibt abzuwarten, wie wir den Spagat hinbekommen, zwischen Klassenverbleib und Spielzeit für unsere Toptalente. Das muss per se kein Widerspruch sein. Oft ist es aber so, dass gerade die Jüngeren mehr Anpassungszeit benötigen, um Spielwirkung zu erzielen. Wir werden die Spielklasse ganz sicher nicht herschenken. Dennoch hat die individuelle Förderung immer Vorfahrt.
Das Gegenstück zum heißen Drittliga-Wettkampf ist die neu eingeführte DFB-Nachwuchsliga für die U 19 und U 17, in der es, überspitzt formuliert, nur noch Freundschaftsspiele gibt.
Ich sehe die Änderung nicht völlig unkritisch. Ich hätte mir, basierend auf den ehemals bestehenden Bundesligen, einen internationalen Ansatz gewünscht.
Individuelle Entscheidungen
Oliver Ruhnert von Union Berlin sagte, wer später vor 80 000 Zuschauern vor der Gelben Wand in Dortmund bestehen will, braucht auch schon in der Jugend den größtmöglichen Druck.
Es braucht zumindest einen Reiz, der bei den Spielern als echte Herausforderung wahrgenommen wird. Offensichtlich führt aber schon jetzt der fehlende Druck dazu, dass die besten Jungs gar nicht mehr in ihren Altersklassen spielen, sondern „hochgezogen“ werden.
Wie wird das beim VfB gehandhabt?
Ganz individuell. Es geht – wie gesagt – um den richtigen Reiz, nicht um falschen Ehrgeiz, der in die Überforderung führt. Die Jungs, die physisch schon sehr weit sind, die in der Lage sind, das Tempo mitzugehen, für die kann es der richtige Schritt sein. Jeder hat seinen Rhythmus. Wir schauen da sehr genau hin.
Die Teilnahme an der Youth League...
...ist im Gegensatz zum hart erarbeiteten Drittliga-Aufstieg natürlich sportlich ein echtes Geschenk durch die Leistung der Profis. Sich nicht nur bei einem Turnier mit internationalen Topteams zu messen, sondern in einem Format parallel zu den Wettkämpfen der Profis ist etwas Außergewöhnliches. Zudem geht es nicht ums Brimborium, sondern um die ganz besonderen Rahmenbedingungen, die Internationalität, andere Spielstrategien und um die größere öffentliche Beachtung. Allein das schärft den Fokus und führt zu einer inneren Bereitschaft, die wir im Liga-Alltag nur selten erleben.
Das ganze dürfte auch eine logistische Herausforderung sein?
Profis, zweite Mannschaft, U 19 – wir müssen drei Kader übereinanderlegen, weil es einige Schnittmengen gibt. Es gibt Spieler, die theoretisch in allen drei Teams zum Einsatz kommen können. Zudem haben wir die Breite in den Kadern konsequent reduziert.
Warum?
Weil unsere Mannschaftslisten schon eine relative Üppigkeit aufzuweisen hatten. Es geht um Wertschätzung, um das Gefühl gewollt zu sein und gebraucht zu werden. Jeder, der den Brustring trägt, muss die faire Chance bekommen, sich zu entwickeln – als Nummer 30 ist das schwierig.
Beste Perspektive aufzeigen
Wie wichtig ist dabei Tobias Werner als Übergangskoordinator?
Die Zeiten waren selten günstiger. Wir haben in Sebastian Hoeneß und Fabian Wohlgemuth oberste Entscheidungsträger, die uns nicht nur abwartend gegenüberstehen, sondern unseren Auftrag mit zu ihrer Sache machen. Tobias Werner kommt jetzt dazu. Er ist kein weiteres „Service-Modul“, sondern soll unseren Besten als Mensch und mit seiner konkreten Erfahrung als Profi Orientierung geben. Und das durchgängig, unabhängig von Transferperioden. Er ist im Austausch mit Spielern, Eltern, Beratern, er begleitet das Talent dauerhaft, das ganze Jahr über, um den besten Weg zu finden, um die beste Perspektive aufzuzeigen.
Seit Timo Baumgartl vor zehn Jahren hat kein VfB-Eigengewächs mehr den Sprung ganz noch oben geschafft. Warum?
Tatsächlich ist das eine Kernaufgabe, unser „erster Zweck“ als Nachwuchsleistungszentrum. In der vergangenen Saison hat der bei uns ausgebildete Nachwuchs gerade mal zu 136 Minuten von insgesamt 33 660 Bundesliga-Minuten beigetragen. Ähnliche Zahlen weisen die letzten Jahre auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich bin sicher, dass wir nicht schlechter ausbilden als noch vor zehn Jahren, keinesfalls. Aber damals brachten es bei uns ausgebildete Spieler auf 8000 Bundesliga-Minuten.
Also, woran liegt es?
Das lässt sich in drei Sätzen nicht zusammenfassen. Viele Themen spielen dabei eine Rolle. Die Realität der sogenannten Toptalente hat sich in den letzten 15 Jahren fundamental verändert. Wir haben Spieler mit unglaublichen Follower-Zahlen auf ihren digitalen Accounts. Oft sind die Spieler und ihr gesamtes Umfeld schon mit der Geduld am Ende, wenn der erste Profi-Einsatz in der U19 immer noch auf sich warten lässt. Unser System ist heiß gelaufen. Geduld und realistische Erwartungen wären ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch das sind nur zwei Aspekte in einem ganzen Themenfeld, an dem wir im Moment arbeiten.
Laurin Ulrich ließ sich zu Zweitligist SSV Ulm 1846 ausleihen.
Wo er im ersten Punktspiel leider nicht zum Einsatz kam. Die dritte Liga mit unserer zweiten Mannschaft wäre vielleicht die bessere Alternative gewesen. Erkenntnis darüber, ob diese Entscheidung richtig war, werden wir spätestens nach dieser Saison haben.
Man hat den Eindruck, der VfB hat top Bedingungen in seinem NLZ. Doch was bringt es, wenn der Einzelne in einem Ferrari sitzt, aber nicht in der Formel 1 mitfährt?
Auch auf diese Frage gibt es keine einfache und leider auch keine kurze Antwort. Seit der Schaffung der Nachwuchsleistungszentren unter Mitwirkung von DFB und DFL ist „Professionalisierung“ die große Überschrift im deutschen Nachwuchsfußball. Unserem konzeptionellen Ehrgeiz sind dabei keine Grenzen gesetzt. Vom Sonnenaufgang bis zum Untergang wird jede freie Minute verplant. Der Umgang mit den Spielern ist an manchen Stellen fast akademisch geworden. Wir müssen aufpassen, dass unser Perfektionismus die kreativen Kräfte, die Gestaltungsfreude, das Besondere in unseren Spielern nicht zurückdrängt. Am Ende sind es immer noch das Talent, die Klasse des Trainers und eine gesunde Humanbeziehung zwischen beiden, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden.
Erfahrende und kompetente Trainer
Was wünschen Sie sich für diese Saison?
Insgesamt wünsche ich mir, dass wir alle – Spieler, Trainer und Funktionäre – mit Begeisterung daran arbeiten, die zu Buche stehenden 136 Minuten auszubauen. Mit Blick auf die zweite Mannschaft wünsche ich mir maximale Spielzeit für unsere Toptalente. Für die U 19 hoffe ich, dass sie sich in der Youth-League behauptet und maximalen Nutzen aus diesem für uns neuen Format zieht. Mit Markus Fiedler und Nico Willig haben wir dafür exzellente und erfahrene Trainer.
Wann kommt ein VfB-Eigengewächs ganz oben an?
Fabian Wohlgemuth hat es gerade an anderer Stelle gesagt: die Japan-Fahrer aus dem NLZ hätten Eindruck hinterlassen und Wirkung erzielt. Nicht nur dabei sein, sondern Chancen ergreifen. Auf diesem Weg müssen wir konsequent weitermachen. Dann bin ich davon überzeugt, dass uns der entscheidende Schritt in den kommenden zwei Jahren gelingen wird.
Info
Karriere
Stephan Hildebrandt wurde am 14. September in Berlin geboren. Der Fifa-A-Lizenzinhaber war u.a. Nachwuchsleiter beim Hamburger SV, Sportlicher Leiter bei Energie Cottbus und technischer Direktor in der Aspire Academy in Katar, dort arbeitete er auch mit der Junioren- und A-Nationalmannschaft. Seit November 2023 Direktor des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) beim VfB.
Persönliches
Hildebrandt ist verheiratet und hat zwei Kinder (7 und 9 Jahre). Die Familie wohnt in Berlin und soll nachkommen. Hildebrandt wohnt in Großaspach.
Termine
Hansa Rostock – VfB II 1:1, VfB II – 1860 München (11. August, 16.30 Uhr), VfB II – SV Wehen Wiesbaden (25. August, 19.30 Uhr), Dynamo Dresden – VfB II (31. August, 14 Uhr), VfB II – FC Ingolstadt (14. September, 14 Uhr), Energie Cottbus – VfB II (21. September, 14 Uhr), VfB II – Arminia Bielefeld (24. September, 19 Uhr), Hannover 96 II – VfB II (28. September, 14 Uhr). (jüf)