Frank Brettschneider ist seit 2006 Inhaber der Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hohenheim. Der 1965 in Wiesbaden geborene Experte wohnt seit 1993 in Stuttgart. Foto: dpa

In Zeiten von Fake-News punkten die klassischen Medien mit Qualität, erklärt Frank Brettschneider. Projekte wie „Nachrichten in der Schule“ (NiSch) können Schülern den Weg weisen. Mit ihm sprach Wenke Böhm.

Stuttgart - Qualitäts-Zeitungen wie die Stuttgarter Nachrichten sind wichtig in der heutigen Zeit. Professor Frank Brettschneider erklärt, warum.

Herr Brettschneider, „wenn ich etwas wissen will, dann frage ich meine Freunde“ – ist das der richtige Weg, um sich zu informieren?
Es ist ein richtiger Weg, sich im Gespräch mit anderen eine Meinung zu bilden. Aber dies allein reicht natürlich nicht aus. Man sollte sich auch noch aus anderen Quellen informieren. Sonst brät man in seinem eigenen Saft, was in sozialen Netzwerken oft geschieht. Dann kommt man mit anderen Meinungen gar nicht in Kontakt.
Das Internet bietet viele Informationen. Warum sollte ich noch eine Zeitung lesen?
Im Internet erhält man zwei Dinge: Das eine ist in sozialen Netzwerken eine Bestätigung für seine eigene Position, weil man sich dort mit eher Gleichgesinnten trifft. Dadurch verfestigen sich die eigenen Sichtweisen. Das finden wir vor allem an den politischen Rändern. Und das andere ist eine sehr große Vielfalt an Informationen. Da fällt es schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Richtiges von Falschem. Dafür braucht man eine professionelle Bearbeitung von Nachrichten, und die findet in Redaktionen der klassischen Massenmedien statt – bei den Qualitätszeitungen, im Hörfunk und im Fernsehen. Da haben wir den Faktencheck, das Überprüfen der Richtigkeit von Aussagen. Das ist eine Versicherung gegen Falschinformation, Panikmache und Stimmungsmache.
Aber in der Zeitung bekomme ich auch eine Menge Informationen, die mich vielleicht gar nicht so interessieren. Wofür soll das gut sein?
Weil wir eine vielfältige Gesellschaft sind, mit vielen Themen und Interessen. Die müssen sich auch in der Berichterstattung abbilden. Sonst hätte man nur ein Produkt, das die eigenen Interessen verfestigt. Da ist keine Dynamik drin, kein Wandel, keine Konfrontation mit anderen Meinungen. Es könnte auch leicht passieren, dass man wichtige Themen übersieht, weil man sie nicht auf dem Schirm hat.
Warum ist das schlecht?
Man fängt irgendwann an zu glauben, die ganze Welt sei so wie der winzige Umkreis, in dem man sich bewegt – und hat dann nicht mehr den Blick für den Rest der Welt und die Sichtweisen anderer. Das geht dann unter. Darunter leidet die Vielfalt, und unter wenig Vielfalt leidet die Demokratie.
Was verändert sich durch das Internet bei den Tageszeitungen?
Zunächst wird der Druck auf die klassischen Zeitungsredaktionen viel größer, weil permanent berichtet werden muss. Das führt auch dazu, nach News zu suchen, wo vielleicht gar keine sind. Das Pro­blem ist, dass der Qualitätscheck, die Gütekon­trolle, die Recherchen oft zu kurz kommen, weil man eben schnell sein muss. Das kratzt schon ein bisschen an der Qualität. Es erhöht aber auf der anderen Seite die Relevanz der Print-Titel, weil die Zeitungen unersetzlich sind für das Einordnen, die Hintergründe und das Runterbrechen auf die Region.
Aber das ist auch eine Chance.
Das stimmt. Und ich habe den Eindruck, dass es nach den sinkenden Abonnementzahlen und Auflagen von Regionalzeitungen wieder eine verstärkte Nachfrage nach gut recherchierten Nachrichten gibt.
Wo sind die klassischen Massenmedien gut beraten, sich abzugrenzen von dem, was aus dem Netz kommt?
Der erste Punkt ist die Vermischung von Meinung und Fakten, von Nachricht und Kommentar. Das ist bei den klassischen Massenmedien gut gelungen, während es im Netz drunter und drüber geht. Und der zweite Punkt ist ein Phänomen, das wir Clickbaiting nennen – reißerische Überschriften im Netz, die ausschließlich dazu dienen, dass Menschen draufklicken, weil damit Werbeeinnahmen gemacht werden. Der Artikel liefert dann nichts, was der reißerischen Überschrift entspricht.
Nimmt das gezielte Verbreiten von Falschmeldungen im Internet zu?
Anhand der zu beobachtenden Fälle: Ja. Es gibt Gruppen, die sich davon Nutzen versprechen. Wir beobachten an den Gesellschaftsrändern Radikalisierung. Trump ist zum Beispiel kaltschnäuzig. Aber Rechtspopulisten überall in der Welt machen es nicht anders, ob Hofer in Österreich, Le Pen in Frankreich, Wilders in den Niederlanden oder die AfD. Für sie ist das eine Möglichkeit, ihre Anhängers zu mobilisieren.
Heißt das, in dieser Zeit ist eine besondere Vorsicht geboten?
Ja, genau das. Umso wichtiger ist es, dass in den Schulen Medienkompetenz eine Rolle spielt. Dass nicht nur erklärt wird, wie Meldungen entstehen, sondern auch, wie man bei Internetsuchen ein Spektrum an Meinungen findet. Es geht aber auch um Bildung allgemein. Sie ist der Schlüssel zu allem, was den Umgang mit Informationen betrifft. Wichtig ist, dass man gute Quellen benutzt und die Informationen logisch überprüft. Es gibt Jugendliche, die ja selbst die Nachrichten einer Satiresendung wie der „Heute-Show“ für bare Münze nehmen.
Wie reagieren seriöse Medien darauf?
Einige klassische Massenmedien führen inzwischen eigene Faktenchecks durch. Sie greifen eine Meldung auf, die im Umlauf ist, und recherchieren: Was ist der Hintergrund, und wie ist die Wahrheit? Aber leider ist es oft zu spät, weil sich die Meldung bereits verbreitet. Die Richtigstellung erreicht nicht unbedingt die richtigen Menschen, die die Fake-News wahrgenommen haben. Und bei denen, die eine Fake-News glauben wollen, weil sie zu ihren Vorurteilen passt, bewirkt eine Richtigstellung auch wenig.
Warum gibt es so viele Menschen, die reißerischen Internetmeldungen glauben?
Bei Social Media wird das Gefühl geschaffen, informiert zu sein, obwohl man es vielleicht gar nicht ist. Wenn man untersucht, was die Menschen vor allem an den Rändern des politischen Spektrums denn wirklich wissen, dann ist das viel weniger, als diese Menschen denken. Es ist eine Informationsillusion, der sie da aufsitzen – oder auch ein kleiner Selbstbetrug.
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