Eigentlich sind Japaner sehr zurückhaltend. Aber manchmal wird auch wild gefeiert Foto: Hamann

Wer in Gesellschaft von Japanern übers Meer fährt, lernt eine andere Art der Kreuzfahrt kennen. Keine besetzten Liegen am Pool, dafür Miso-Suppe zum Frühstück und abends Karaoke.

Artistisch balanciert der Junge auf einem Fuß im Kabinengang. Das andere Bein hat er nach hinten ausgestreckt, um die Zimmertür aufzuhalten. „Muss man an der Poolparty teilnehmen?“ will er von den Gästen wissen, die zufällig vorbeigehen. Offenbar hat ihn die Durchsage der Kreuzfahrtdirektorin verwirrt. Vorhin hatte sie zur obligatorischen Sicherheitsübung gebeten. Und jetzt wird über Lautsprecher eine Feier angekündigt.

 

Westen trifft auf Fernost

Den Unterschied zwischen Option und Notwendigkeit müssen manche Japaner an Bord eines europäischen Schiffes erst ausloten. Wie hoch in Fernost Verbindlichkeit geschätzt wird, sieht man auch am Tag des Gala-Abends. Einige erscheinen schon zum Frühstück in Anzug und Abendkleid. „Dresscode: elegant“. Steht im Tagesprogramm.

Konnichiwa – willkommen in Japan.

Auf Kreuzfahrtschiffen fühlt man sich manchmal wie in einem Raumschiff. Das Gefährt landet für ein paar Stunden irgendwo, die Aliens alias Passagiere überschwemmen den Ort, und die Einheimischen gehen hinter den Verkaufstresen ihrer Andenkenläden in Deckung, bis der Sturm vorbei ist. Diese Reise mit der „MSC Bellissima“ ist anders. Das Schiff fühlt sich an wie ein schwimmendes Stück Japan. Denn ein Großteil der Gäste und einige Crew-Mitglieder sind Japaner.

Die „MSC Bellissima“ im Hafen von Yatsushiro. Foto: Hamann

Die schweizerisch-italienische Privatreederei hat das Land der aufgehenden Sonne seit drei Jahren im Programm. Das Angebot richtet sich an internationales Publikum, aber besonders gerne buchen die Einheimischen. Auf dieser Reise seien 50 bis 60 Prozent Japaner an Bord, erzählt die aus Yatsu-shiro am ostchinesischen Meer stammende Kreuzfahrtdirektorin Noriko. „Für meine Landsleute ist diese Kreuzfahrt eine bequeme und zeitsparende Möglichkeit, sich ohne lange Fluganreise wie in einer anderen Welt zu fühlen.“

Auf der „MSC Bellissima“ knallen die Kulturen aufeinander. Westen trifft auf Fernost. Dazwischen tummeln sich Russen und eine größere Reisegruppe vom afrikanischen Kontinent. Jeder mimt einen Statisten im Film des jeweils anderen. Man beäugt sich interessiert, lächelt freundlich, doch ein Gespräch zu führen ist schwierig. „Wir lernen alle Englisch in der Schule“, sagt Eventmanagerin Fumie (40) aus Matsuyama. „Aber viele halten ihre Sprachkenntnisse für nicht ausreichend und sagen dann lieber nichts.“ Also schnell höflich verbeugen und „Arigato“ sagen – „Danke“.

Jap-Kreuzfahrt mit Abstecher nach Südkorea Foto: STZN/Lange

Auch Akane aus Tokio sagt nichts und benutzt lieber die Google-Übersetzer-Funktion ihres iPhones. „Das Gefühl, im Ausland zu sein, ist sehr besonders“, erscheint auf dem Display. Sie verbringt schon zum zweiten Mal ihren Urlaub auf diesem Schiff. Mit dabei: Mann und Kind. Tochter Hakane (4) finde es im Kidsclub ganz großartig. Sie sei eine Fee, lässt Hakane ausrichten und fuchtelt mit ihrem Zauberstab durch die Luft.

Satoko aus Miyazaki an der Südostküste ist eine der wenigen Mitteilsamen. Sie lebt seit Jahren in Brisbane, hat gerade ihren australischen Freund Josh geheiratet und befindet sich auf Hochzeitsreise. Im Schlepptau: Trauzeugen und Schwiegereltern. „Die Familie sollte meine Heimat kennenlernen und eine Kreuzfahrt ist angenehmer als eine Rundreise im Shinkansen, dem japanischen Schnellzug“, sagt Satoko.

Jack aus Ohio wünschte sich nicht nur eine unkomplizierte Rundreise ohne lästiges Kofferpacken, sondern auch ein halbwegs authentisches Japan-Erlebnis. Tempel und Shinto-Schreine sieht man auch bei anderen Anbietern. Aber ob da auch Einheimische dabei sind?

Kommunikation mit Google-Übersetzer. Foto: Hamann

Urlaub nur unter Deutschen – das wäre der Albtraum für Axel aus Halle an der Saale. Der dreifache Vater reist mit Frau, Kindern, Schwiegereltern. Die Familie macht gerne Kreuzfahrten. Sie kurvten schon rund um die britischen Inseln, von New York in die Karibik, durch Mittelmeer und Adria: „Aber das hier toppt alles“, sagt Axel. „So ein tolles Land. So angenehme Leute.“

Die Reise führt von Tokio nach Osaka, Yatsushiro, kurz rüber auf die südkoreanische Insel Jeju und zurück nach Tokio. Bei den Ausflügen sind die westlichen Reisenden unter sich. Dutzendfach stehen Busse in den Häfen. Es gibt Touren in englischer und in russischer Sprache. Die Einheimischen waren offenbar alle schon mal in Kyoto und bleiben lieber an Bord.

Dem Klischee entsprechend verhalten sich die japanischen Passagiere super-korrekt, höflich, drängeln sich in der Schlange am Büffet nicht vor. Das japanische Publikum wird an Bord in heimatliche Gefühle eingehüllt wie in einen Yukata, die gemütliche Variante des Kimono: Jedes Schild, jede Speisekarte, jede Durchsage gibt’s auf Englisch und Japanisch. Die Restaurants servieren zum Frühstück Reis, getrockneten Rettich, Miso-Suppe, fermentierte Sojabohnen, Hijiki-Algen oder japanische Salzpflaumen. Wer möchte, bekommt aber auch Croissants und Cappuccino. Heiß begehrt: die original italienische Pizza im Büffetrestaurant.

Messer, Gabel, Löffel, Stäbchen

Auf jedem Platz liegen Messer, Gabel, Löffel, Stäbchen. Nur auf die japanische Eleganz beim Austreten muss leider verzichtet werden. Die „MSC Bellissima“ verfügt nicht über Toiletten mit beheizten Klobrillen und Gesäßduschen. „Beschwerden wegen der westlichen Badezimmer hat es aber noch nie gegeben“, sagt Eventmanagerin Fumie. Einen regelrechten Aufstand hingegen kann es schon mal geben, wenn wegen schlechten Wetters das TV-Signal ausfällt. Anscheinend lieben es japanische Gäste, auf ihrer Kabine abzuhängen und stundenlang fernzuschauen. Viele nehmen sich auch das Essen mit aufs Zimmer. Die Kabinenstewards haben alle Hände voll zu tun, vor der Tür stehendes Geschirr wieder abzutragen.

Man hat unterschiedliche Gewohnheiten, die sich gut ergänzen. Wer je eine Mittelmeerkreuzfahrt gemacht hat, weiß aus leidvoller Erfahrung: Liegen am Pool am Seetag bei 27 Grad Celsius und strahlendem Sonnenschein sind absolute Mangelware. Ganz anders hier. Es herrscht gähnende Leere an Deck. Team Nippon meidet UV-Strahlen. Notorische Handtuchbeleger haben hier nichts zu tun. Absolut gar nichts.

Der Rettungsschwimmer langweilt sich am leeren Pool Foto: Hamann

Schnittmengen gibt es beim abendlichen Karaoke. Alle Nationen trällern gerne, man feuert sich gegenseitig an, bejubelt auch die schrägsten Töne. Bei der Liedauswahl treten Unterschiede zutage. Die Einheimischen mögen gerne kirschblütenzarte Balladen von japanischen Liedermachern wie Kenshi Yonezu. Bei den Europäern und Australiern stehen schmissige Mitgrölsongs von Abba oder Celine Dion hoch im Kurs. Akustische Erholung bieten die kleinen Konzerte im Atrium vor der Rezeption. Ein Tenor schmachtet zu Klavierbegleitung ein neapolitanisches Lied: „Torna a Sorrento“ – Komm zurück nach Sorrent“. Die meisten Anwesenden waren vermutlich noch nie in Italien.

Gratis-Sprachkurs für die Auswärtigen

Japan kann auch steil gehen: Man schenke Alkohol aus, stelle ein paar Vortänzer auf die Bühne und ab geht‘s. Dabei zappelt man nicht individuell wild durcheinander, alles blickt in Richtung Bühne und ahmt die vorgegebene Choreografie nach. Ein bisschen wie bei der Jazz-Aerobic in den 80ern. Für die Auswärtigen gibt’s einen kleinen Gratis-Sprachkurs. Ichi, ni, san. Eins zwei drei. Eine Stunde später schlängelt sich eine Polonaise um das Schwimmbecken: Da fliegen gleich die Löcher aus dem Tofu.

Info

Seereisen
Japan hat ideale geografische Voraussetzungen als Kreuzfahrtziel: das Land besteht aus mehr als 6800 Inseln und verfügt über viele Hafenstädte und unzählige Attraktionen. Dennoch steckt der Markt für Seereisen in den Kinderschuhen. Es gibt nur wenige Anbieter vor Ort, zum Beispiel Ashuka Cruises. Die Reederei betreibt zwei Schiffe. Die neue „Ashuka III“ – ausgeliefert im April 2025 – wurde bei der Meyer-Werft in Papenburg gebaut. Fun fact: die erste „Ashuka“, 1991 gebaut, wurde 2006 an den deutschen Anbieter Phoenixreisen abgegeben und fährt heute als „Amadea“ über die Meere und ist Drehort des ZDF-Traumschiffs.

Routen
Schiffe unter ausländischer Flagge dürfen nur dann Passagiere von einem japanischen Hafen zu nächsten befördern, wenn sie das Hoheitsgebiet des Landes einmal kurz verlassen. Deshalb gibt es auf den Routen immer einen Stopp in Südkorea, Taipeh, China oder Taiwan. Dieses Prinzip nennt man Kabotage-Beschränkung.

Anbieter
Die „MSC Bellissima“ fährt verschiedene Routen rund um Japan. Preisbeispiel: Neun Nächte ab/bis Tokio nach Hiroshima, Kagoshima, Gangjeong/Südkorea, Sasebo, Kobe. Datum: 2. bis 11. April 2026, pro Person in der Balkonkabine ab 1964 Euro ohne Flug, Innenkabine ab 1494 Euro. Im Winter kreuzt das Schiff weiter südlich um die Insel Okinawa. Preisbeispiel: Fünf Nächte ab/bis Naha über Ishigaki, Keelung/Taipei, Taiwan/China, Miyako Island. Datum: 27. November bis 2. Dezember 2026 pro Person in der Balkonkabine ab 665 Euro ohne Flug, Innenkabine 465 Euro, www.msccruises.de . Auch die exklusive Reederei Explora Journeys hat Japan im Angebot. Preisbeispiel: 10 Nächte auf der „Explora III“ ab/bis Tokio über Nagoya, Osaka, Kochi, Hiroshima, Beppu, Busan/Südkorea, Nagasaki, Shimonoseki, Datum: 26. Oktober bis 5. November 2027 ab 7125 Euro pro Person ohne Flug, https://explorajourneys.com .

Allgemeine Informationen
 Japan Tourismus, www.japan.travel