Der große Meister wird 85: Nino Cerruti feiert Geburtstag – und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Foto: dpa

Mit 20 Jahren übernahm er die Textilmanufaktur des Vaters, später kleidete er Schauspieler wie Richard Gere und Tom Hanks ein. An diesem Freitag wird Nino Cerruti 85 Jahre alt.

Rom - In einem engen weißen Kleid sitzt Sharon Stone im Polizeirevier in San Francisco. Der Stoff reicht ihr kaum über die Beine, die Arme liegen frei, nur ein zarter Rollkragen bedeckt den Hals. Als sie lasziv die Beine übereinander schlägt, rutscht der Saum ihres Kleides Millimeter nach oben – und lässt für den Bruchteil einer Sekunde viel Raum für erotische Fantasien. Mit dem Erotik-Thriller „Basic Instinct“ gelang Stone 1992 in Hollywood der Durchbruch. Einen gewissen Anteil an dem Erfolg des Films dürfte auch Nino Cerruti tragen: Er entwarf die knappen Outfits, die Sharon Stone zur Sexikone machten.

Dabei wollte der italienische Modedesigner ursprünglich Journalist werden. Doch kurz vor seinem 20. Geburtstag starb sein Vater – und Cerruti musste als ältester Sohn den Familienbetrieb übernehmen. Er schmiss sein Politikstudium und leitete fortan die Tuchweberei, die sein Großvater und dessen zwei Brüder 1881 in Biella im norditalienischen Piemont gegründet hatten. Textilien statt Texte hieß es nun also, doch seine Kreativität machte Cerruti zum weltberühmten Modeschöpfer. An diesem Freitag wird er 85 Jahre alt.

Giorgio Armani ging bei Cerruti in die Lehre

Der Grandseigneur der italienischen Mode steht für Eleganz, Understatement und eine gewisse Lässigkeit. Seine Schöpfungen im klassischen Stil gelten als unaufdringlich elegant, als Mode für den Alltag. Seine erste Herren-Kollektion präsentierte er 1957 unter dem Namen „Hitman“. Zehn Jahre später eröffnete er die Herrenboutique Cerruti 1881 in Paris an der Place de la Madeleine – mit ihr wollte er am Puls der internationalen Modewelt sein. Sein Protegé zu jener Zeit: Giorgio Armani – inzwischen einer der bedeutendsten Modemacher des 20. Jahrhunderts.

Einem breiteren Publikum wurde Cerruti vor allem dadurch bekannt, dass er Hollywood-Stars wie Denzel Washington („Philadelphia“, 1993), Jack Nicholson („Die Hexen von Eastwick“, 1987) oder Julia Roberts und Richard Gere („Pretty Woman“, 1990) ausstattete. Sein Name erscheint in mindestens 150 Filmabspännen – darunter TV-Serien wie „Miami Vice“ (1984–89), aber auch viele Großproduktionen wie „Wall Street“ (1987).

Treue Kunden: Jean Paul Belmondo, Karl Lagerfeld und Joschka Fischer

Wie er die Schauspieler einkleidete, entschied Cerruti jedoch nicht nach rein ästhetischen Kriterien. Bei jedem Film las er sich vorab das Drehbuch durch, um die Schauspieler passend zu ihrer Rolle auszustatten. So trug Tom Hanks in „Philadelphia“ stets zu große Anzüge: Er hatte für seine Rolle als aidskranker Andrew Beckett nicht genug Gewicht verloren. Auch privat kauften viele Schauspieler in Cerrutis Boutique ein – unter anderen Jean-Paul Belmondo, Alain Delon und Orson Welles. Karl Lagerfeld zählte ebenfalls zu seinen Kunden. Doch auch Politiker nahmen Cerrutis Dienste in Anspruch – zum Beispiel Joschka Fischer zu seiner Zeit als abgespeckter Außenminister. „Er war schlank, jedenfalls passte ihm jeder Anzug, den ich ihm gemacht habe“, erinnerte sich Cerruti 2009 in einem „Playboy“-Interview. Und merkte an, dass sich die meisten Politiker wohl deshalb schlecht anzögen, weil ihnen einfach niemand erkläre, wie es gehe. „Ich frage mich dann immer, ob es niemanden gibt, der sie beraten könnte.“

Mit seinen Prêt-à-porter-Schauen für Männer gewann er binnen weniger Jahre viele Kunden. Erst Mitte der 70er machte er Frauenmode – anders als die anderen Pariser Couturiers, die alle von der Frauenmode kamen. Auch mit Parfümkreationen und Sportbekleidung machte sich Cerruti einen Namen. Als Ausgleich sah „Si­gnor Nino“, wie Cerruti oft liebevoll genannt wird, seine Arbeit an der Wochenzeitschrift „L’Espresso“, die er ab 1954 mit Freunden herausgab und die noch immer eine der wichtigsten Wochenzeitungen in Italien ist.

Eine Investorengruppe drängte Cerruti aus dem Familiengeschäft

Sein eigenes Markenzeichen: der gelbe Pullover, den er 30 Jahre lang lässig um die Schultern gelegt trug, wenn er sich auf dem Laufsteg vor dem Publikum verbeugte. Ein Glücksbringer – doch war es jedes Mal derselbe? Nein, verriet Cerruti 2005 in einem Interview dem „Stern“: „Allein deswegen nicht, weil mein Körperumfang sich verändert hat. Zwei Konfektionsgrößen sind am Ende dazugekommen.“

Im Oktober 2000 verkaufte Cerruti 51 Prozents seines Unternehmens an eine italienische Investorengruppe. Nur ein Jahr später drängte ihn diese aus dem Geschäft. Cerrutis Abschied aus dem Modebusiness bedeutete das jedoch nicht. 2004 erstand er das italienische Möbeldesign-Unternehmen Baleri. Zudem führt er die Stoffmanufaktur Lanificio Fratelli Cerruti in Biella weiter, die eine eigene Kollektion herausbringt und Chanel zu ihren Kunden zählt. Das Ende seiner Karriere? Noch lange nicht absehbar.

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