Nilgün Tasman „Man muss Tinte lecken“

Von Andrea Jenewein 

Die Autorin Nilgün Tasman. Foto: Peter-Michael Petsch
Die Autorin Nilgün Tasman. Foto: Peter-Michael Petsch

Sie wuchs in einer türkischen Gastarbeiterfamilie auf, heute ist sie Schriftstellerin und Regisseurin: Nilgün Tasman erzählt von der Gastarbeiter-Mentalität, von Deutschtürken – und der Heimat.

Stuttgart – Sie wuchs in einer türkischen Gastarbeiterfamilie auf, heute ist sie Schriftstellerin und Regisseurin: Nilgün Tasman erzählt von der Gastarbeiter-Mentalität, von Deutschtürken – und der Heimat.

Frau Tasman, ich habe gelesen, dass Sie sehr pünktlich sind. Jetzt habe ich mich extra beeilt, und Sie sind dennoch vor mir da . . .
Ich bin überpünktlich. Das ist eine deutsche Tugend, die ich übernommen habe.

Haben Sie eine typisch türkische Seite an sich?
Nur türkische Musik berührt mein Herz. Meine Ohren sind voll mit der Musik, die meine Mutter immer gehört hat.

Das ist ein schönes Bild . . .
Ja, die türkische Sprache ist bildhafter als die deutsche – und herzlicher. Sie berührt mein Herz stärker. Wenn ich mit meinem Mann rede, der Deutscher ist, übersetze ich manchmal türkische Sätze wörtlich ins Deutsche, um etwas auszudrücken.

Zurück zum Gesang . . . 
Ich liebe es, die Nächte mit türkischen Freunden in einer türkischen Kneipe durchzusingen. Wir sind ein singendes Volk. Da bin ich sehr türkisch. Im Kochen bin ich international, beim Essen genauso.

Auch in Ihrem neuen Theaterstück „Scheinschmecker“ geht es ums Essen . . .
Ja. Ich habe eine Kochgruppe, zusammen mit meinen Freundinnen. Ich bin eine leidenschaftliche Köchin: Andere machen Yoga, ich koche. Essen bringt Menschen zusammen. Wir finden alles, was uns fremd ist am Essen toll und exotisch. Und Essen gibt den Menschen so einen gewissen Stolz. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass man nach Charakter, nach Stimmungslage und nach Tagesform kocht.

Wie meinen Sie das?
Wir machen jetzt einen Test: Ich habe aus dieser Beobachtung ja ein Theaterstück gemacht. In „Scheinschmecker“ bereitet Vera in der Rolle der Katharina jungen Rehrücken zu, als Beilage gibt es Bittergurke. Dann entbeint sie dieses junge Reh. In welcher Lebenssituation befindet sie sich?

Hm, sie ist in einer Umbruchsituation, würde ich sagen. Lässt sie sich scheiden?
Sie ist eine betrogenen Frau. Gut gemacht!

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