International als Objektkünstler bekannt: Nikolaus Koliusis Foto: Thomas Niedermüller

Ist es noch Installation, noch Bild? Oder schaffen die Arbeiten von Nikolaus Koliusis Dialogräume? Dies legt Koliusis’ Beteiligung an der Konzertreihe „Blau“ der Stuttgarter Philharmoniker nahe.

Stuttgart - Nikolaus Koliusis sieht seine Werke gerne als „Besucher“, als Akteure, die sich im Raum orientieren, sich hier fragend nähern und sich dort eher still nachdenklich zeigen.

Koliusis ist „Artist in Residence“ der Stuttgarter Philharmoniker

Entsprechende Bedeutung hat für den in Stuttgart lebenden Koliusis die Einladung. Vor allem dann, wenn sie das Betreten und Erschließen neuer Räume und neuer Dialoge für seine Arbeiten verspricht.

Michael Stille, Künstlerischer Intendant der Stuttgarter Philharmoniker, hat 2017 eine solche Einladung ausgesprochen. ­Koliusis ist in der laufenden Konzertsaison 2018/2019 „Artist in Residence“.

Hommage auch an Chefdirigenten Dan Ettinger

„Blau“ heißt die Konzertreihe, in der ­Musik und Kunst im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle in Dialog treten. Für Nikolaus Koliusis auch eine Hommage an den Chefdirigenten der Stuttgarter Philharmoniker. „Dan Ettinger“, sagt Koliusis, „ist ein Mensch, der sehr absichtsvoll mit seinem Publikum und den Musikern kommuni­zieren will und für Experimente hoch auf­geschlossen ist“.

Nikolaus Koliusis – Künstler zwischen Fotografie und Raum

Nikolaus Koliusis? Am Anfang war die Fotografie, dann die Frage nach den Schritten auf dem Weg zum Bild schließlich das Spiel mit den Materialien Folie und Spiegel, die Erörterung von Begriffen wie Bild, Skulptur und Installation. Immer bleibt eine Frage: Was war zuerst – das Licht? Der Raum? Das Material?

Nikolaus Koliusis, 1953 in Salzburg ­geboren, ist ein bestechend präziser Denker. Ein Künstler, der Wahrnehmung Form und Farbe werden lässt. ,,Blaubeziehung“ heißt zum Jahreswechsel 2017/2018 seine große Schau im Museum DKM in Duisburg, und das Blau spielt zuletzt auch die zentrale Rolle, als die Galerie Mueller-Roth in Stuttgart im Dezember 2017 ein konzentriertes und doch weit reichendes Koliusis-Panorama präsentiert.

Kunst als bildgewordene Poesie

Spürbar ist auf allen Ebenen: Mehr denn je geht es Nikolaus Koliusis um das, was dazwischen liegt, um einen Raum aus Licht, Material und Bewegung. Und um das Selbstverständnis von Kunst als bildgewordener Poesie. Alles ganz einfach, alles schlicht ungeheuerlich. Eine Zumutung. Die uns ermuntert: Blau ist das andere. Wie auch in Koliusis’ Beitrag für das von Joachim ­Fleischer für die Kulturregion Stuttgart konzipierte Lichtkunstfestival „Aufstiege“ im Herbst 2016.

„Selbstverständlich Blau“ ist das ­Projekt für den Aussichtspunkt an der ­Birkenwaldstraße in Stuttgart überschrieben. ­Koliusis überführt dabei Elemente einer ersten großen Außeninstallation zu einer neuen Eigenfiguration, zugleich aber zu einem ­offenen Bühnenraum. In diesem und von diesem aus wird die Stadt zur Aufführung, ist aber zugleich Publikum für „Selbstverständlich Blau“. Vor allem in jenem Moment, da sich das Kunstlicht mit dem Tageslicht vermengt – und in der Folge die Menschen zu „Akteuren des Lichts“ ­werden, wie denn auch einmal eine Ausstellung zu Koliusis’ Werk überschrieben ist.

Koliusis beginnt als Fotograf

Als Fotograf beginnt Nikolaus Koliusis, spannt indes das Netz des Materials bald immer weiter, bis alles, was das Licht im Raum sichtbar und spürbar macht, Eigenwert bekommt. Schließlich bricht Koliusis aus dem Bild aus. Die Folie entfaltet sich, öffnet sich, eröffnet Raum, formt sich.

Für die Documenta IX konzipiert Koliusis ein Netz zum Schutz der Kunst

Versteckt, aber doch leicht identifizierbar, taucht so ein Projekt immer wieder auf: Der Gedanken eines Netzes zum Schutz der Kunst. Koliusis hat ihn 1989 formuliert – auf Einladung von Jan Hoet, künstlerischer ­Leiter der Weltkunstschau Documenta IX, 1992 in Kassel.

Koliusis Vorschlag, die 1989 im Bau befindliche Documenta-Halle vorab als Ort der Kunst zu identifizieren, wird nicht realisiert, aber der Gedanken ist für Koliusis anhaltend aktuell – auch und gerade, wenn er nun im Beethovensaal der Liederhalle die Elemente von „Selbstverständlich Blau“ an sechs Abenden in und zu jeweils eigenen Raumdialogen versammelt.

Koliusis’ Werke als „Mitspieler“ der Philharmoniker-Konzerte

„Die Konzerte der Philharmoniker“, sagt Stuttgarts Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange vorab, „werden mit Nikolaus ­Koliusis’ ­blauen Lichtkörpern Mitspieler ­bekommen, die unsere Erinnerung an diese Auffüh­rungen genauso prägen, wie die ­Musiker ­dieser Abende“.

Gustav Mahler suchte das „ununterschiedenene Himmelsblau“

Als Gustav Mahler im Sommer 1900 an seiner Vierten Sinfonie arbeitet, schreibt der Komponist an Natalie Bauer-Lechner: „Stell dir das ununterschiedene Himmelsblau vor, das schwieriger zu treffen ist als ­alle wechselnden und kontrastierenden ­Tinten. Dies ist die Grundstimmung des Ganzen. Nur manchmal verfinstert es sich und wird spukhaft schauerlich: doch nicht der Himmel selbst ist es, der sich trübt, er leuchtet fort in ewigem Blau. Nur uns wird er plötzlich grauenhaft, wie einen am schönsten Tage im lichtübergossenen Wald oft ein panischer Schrecken überfällt.“

Koliusis: „Es geht um eine religiöse Verdichtung“

An diesem Samstag, 15. Dezember, erklingt das Blau von Mahlers Vierten Sinfonie, wird es im Dialog der Stuttgarter Philharmoniker unter ­Leitung von Dan Ettinger mit dem Künstler Nikolaus Koliusis erlebbar. „In den ersten zwei Konzerten ­bestimmte das Thema der Bewegung die Anordnung der Objekte im Raum“, sagt Koliusis. Nun aber gehe es „um eine religiöse Verdichtung“ – und die ­Arbeiten, soviel verrät Nikolaus Koliusis „werden sich selbst anleuchten und ihre Präsenz verstärken“.

„Präsenz“ – das ist ein grundsätzliches Stichwort für das Werk von Nikolaus ­Koliusis. Es gilt ebenso für seinen „Raum der Stille“ im Olgahospital in Klinikum Stuttgart, weit mehr noch aber für seine bisher wichtigste Arbeit im öffentlichen Raum.

So erinnert Koliusis an die Morde im Hitler-Deutschland

Tiergartenstraße 4. Eine Adresse des Schreckens. In einer Stadtvilla wird Ende der 1930er Jahre erste systematische ­Massenvernichtungsaktion Hitler-Deutschlands geplant: die Ermordung von Menschen mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen. Ärzte und Pfleger ermorden zwischen 1940 und 1941 in der „Aktion T 4“ 70 000 Menschen. Bis zu 300 000 Ermordete insgesamt sind die Schreckensbilanz des in seiner Dimension noch immer nicht gänzlich aufgearbeiteten „Euthanasie“-Programms.

Ein bewusst schutzloser Ort im Zentrum Berlins

Ein würdiger Ort der ­Erinnerung fehlt Jahrzehnte. 2015 wird der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde (T4) eröffnet. Nikolaus Koliusis hat im Schulterschluss mit Ursula Wilms (Architektur) und Heinz W. Hallmann (Landschaftsarchitektur) einen Ort der Spiegelung wie des Unbegreiflichen geschaffen. Im Zentrum: eine 31 Meter lange und 3,10 Meter hohe transparente und hellblau eingefärbte Glaswand. Sie steht frei – bewusst schutzlos.

Befürchtungen gab es viele. Doch bis ­heute hat die Wand keinen Kratzer. „Auf das empfindsamste Stück der Stadt schlägt ­keiner ein“, sagt Nikolaus Koliusis. Und ergänzt: „Die Leute sind nicht so schlecht“.

Sie wirkt doch – die Kraft der „Stunde Blau“

Hat das Blau also doch jene geheime Kraft der „Stunde Blau“. Stimmt es doch, dass die Kunst vor dem Tag kommt? Wenn, dann ­erklärt dies vielleicht auch die eigene Magie des von Koliusis und den Stuttgarter ­Philharmonikern initiierten Dialogs.

Konzertreihe „Blau“ – So geht es weiter

Was? Die Konzertreihe „Blau“ der Stuttgarter Philharmoniker breite in sechs Abenden „die Farbe Blau als kulturelles Phänomen aus“, sagt der Stuttgarter Objekt- und Lichtkünstler Nikolaus Koliusis.

Wann? An diesem Samstag, 15. Dezember, findet das dritte Konzert der Reihe „Blau“ statt. Das Programm im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart: Wolfgang Amadeus Mozarts Konzertarie „Ch’io mi scordi di te?“, Anton Tschaikowskys Preghiera aus „Mozartiana“, Mozarts „Exultate, jubilate“ und – im Zentrum – Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 4“

Wer? Chefdirigent Dan Ettinger dirigiert die Stuttgarter Philharmoniker, es singt die Sopranistin Chen Reiss.

Weiter? Die Konzertreihe „Blau“ wird 2019 mit drei Abenden im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart fortgesetzt – am 29. Januar, am 25. März und am 28. Mai. Tickets und weitere Informationen gibt es unter www.stuttgarter-philharmoniker.de.

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