Der klimaschonende Hotelbetrieb auf Schienen ist ohne Hilfen kaum finanzierbar. Doch kaum ein Land ist dazu bereit. Eine Ausnahme bildet die Schweiz.
Gute Nachricht für Nachtzug-Fans: Das Start-up European Sleeper will den ÖBB-Nightjet Berlin-Paris, der im Dezember schon wieder eingestellt werden soll, durch ein eigenes Angebot ersetzen. Ab März 2026 sollen die beiden Hauptstädte mit Schlaf-, Liege- und Sitzwagen dreimal pro Woche verbunden werden, kündigte das niederländische Unternehmen an. Tickets sollen ab Dezember buchbar sein, allerdings wirbt das genossenschaftlich organisierte Unternehmen noch um weitere Unterstützer und Nachtzug-Fans, die Anteile erwerben sollen.
European Sleeper betreibt bisher die Nachtzug-Verbindung zwischen Prag, Berlin, Amsterdam und Brüssel und finanziert sich vor allem über die Einlagen von Unterstützern. Der Hotelbetrieb auf Schienen ist sehr kostenintensiv, zudem bringen Nachtzüge tagsüber keine Einnahmen, weil sie abgestellt sind. Die Österreichischen Bundesbahnen als größter Anbieter in Europa stellen die oft ausgebuchte Verbindung Berlin-Paris nach zwei Jahren wieder ein, weil Frankreich keine weiteren Zuschüsse mehr zahlen will und auch die deutsche Regierung sich kaum um den Erhalt bemüht hat.
Frankreichs neuer Staatsbahnchef Jean Castex will eine Fortführung aber zumindest prüfen und sich für den weiteren Ausbau des Netzes einsetzen. Auch dort hatte die Staatsbahn SNCF mit dem Boom der Billigflieger den umweltschonenden Nachtverkehr weitgehend aufgegeben, die Deutsche Bahn AG stieg 2016 aus und gab die Flotte teils an die ÖBB ab. Die Österreicher fahren 20 Nachtzuglinien zwischen Hamburg, Berlin, Wien, Paris und Rom, darunter auch Nightjets von Stuttgart nach Venedig und Zagreb, und bestellten zudem 33 neue Nightjets bei Siemens, der erste Großauftrag für neue Nachtzüge in Europa seit Jahrzehnten. In diesem Sommer kürzten die ÖBB den Auftrag aber auf nur noch 24 Züge und orderten stattdessen zusätzliche Hochgeschwindigkeitszüge für den Tagesverkehr.
War die Renaissance ein Strohfeuer?
Die wenig erfreulichen Nachrichten zeigten, dass die Renaissance der Nachtzüge nur ein Strohfeuer sein könnte. Das Netzwerk Back-on-track kritisiert, dass die Politik das klimaschonende Angebot viel zu wenig unterstützt. Ohne Erleichterungen für den Nachtverkehr wie die Streichung der hohen Trassenpreise und andere Finanzhilfen sei kein rentabler Betrieb möglich. Die Europäische Union will internationale Verbindungen auf der Schiene zwar fördern, es fehlt aber seit Jahren an konkreten Förderprogrammen.
Wie kostenintensiv der Betrieb von Nachtzügen tatsächlich ist, zeigt das aktuelle Beispiel aus der Schweiz. Die Eidgenossen haben entschieden, den internationalen Bahnverkehr von 2025 bis 2030 mit insgesamt 50 Millionen Franken zu unterstützen. Fast die gesamte Summe - konkret 47 Millionen Franken – soll in die Förderung des künftigen SBB-Nachtzugs Basel-Malmö fließen, wie das Bundesamt für Verkehr in Bern mitteilte. Die SBB planen ab kommendem Frühjahr drei Fahrten pro Woche und Richtung, Zustieg soll auch im Südwesten möglich sein.
Umstrittene hohe Förderung
Die hohe Förderung von mehr als 10 Millionen Euro jährlich für eine einzige Verbindung bleibt aber auch in der Schweiz umstritten. Andererseits vermeidet eine Zugfahrt die zigfach höhere Umweltbelastung und deren volkswirtschaftliche Kosten durch klimaschädliche Flüge. Basis für die Hilfen in der Schweiz ist das dortige CO2-Gesetz. Für den langfristigen Betrieb sei die finanzielle Unterstützung des Bundes nötig, heißt es bei der SBB. Nachtzüge seien wegen hoher Kosten für Personal, Rollmaterial und Trassengebühren trotz großer Beliebtheit nicht rentabel. Man plane daher keine weiteren Verbindungen und lege den Fokus auf neue schnelle Tagesverbindungen von Zürich nach Rom und von Genf über Lyon nach Barcelona.
Auch die schwedische Staatsbahn SJ hat die Lust an ihrer Nachtzugverbindung Berlin-Stockholm verloren, die im Zuge der verschärften Klimaschutzdebatte von der damaligen Regierung initiiert worden war. Diese Verbindung will das private Bahnunternehmen RDC ohne SJ weiter betreiben. Daneben verbindet seit vielen Jahren der schwedische Anbieter Snalltaget Deutschland und Skandinavien erfolgreich mit meist günstigen, allerdings auch betagten Schlaf- und Liegewagen.
Verkauf startet Mitte Dezember
European Sleeper will den Ticketverkauf für die neue Strecke nach Paris am 16. Dezember starten, das Preisniveau sei ähnlich wie bei der Nightjet-Verbindung der ÖBB zwischen den beiden Städten. Wer früh bucht und eher nachfrageschwächere Tage unter der Woche und außerhalb der Ferienzeiten wählt, kann Schnäppchen ergattern, die deutlich unter den Kosten eines Hotelzimmers in den Großstädten liegen. Auch die Paris-Verbindung soll über Brüssel führen und damit wirtschaftlich tragfähiger werden, betont European Sleeper. Ohne weitere Unterstützung von Geldgebern und mehr Hilfen der Politik wird es aber auch für dieses finanzschwache Unternehmen kaum möglich sein, den Betrieb der rollenden Hotels dauerhaft zu sichern und in modernere Züge zu investieren. Höhere Fahrpreise gelten kaum als machbare Alternative, solange Billigflieger weiterhin dank vieler Vorteile und Vergünstigungen mit Tiefpreisen locken können.