Wellington Jighere bei einer Partie Scrabble in Lagos. Aus dem Stoffbeutel über seinen Augen zieht er neue Buchstabensteine Foto: Putsch

Scrabble ist mehr als nur ein Spiel. In Nigeria zumindest. 32 der 100 besten Spieler kommen aus dem afrikanischen Land. Das liegt auch daran, dass die Menschen dort viel reden.

Lagos - Als Treffpunkt hat der Scrabble-Ass ein kleines Turnier in einem unscheinbaren Tagungszentrum am Rande von Lagos vorgeschlagen. An 30 kleinen Tischen sitzen sich Spieler im grellen Neonlicht eines Konferenzraumes gegenüber. Wer am Ende des Tages gewinnt, bekommt umgerechnet 180 Euro und darf bei der nächsten Meisterschaft mitmachen. Für die ist Wellington Jighere, der erste Weltmeister Afrikas in dem Spiel, längst qualifiziert. Der 35-Jährige liebt die Scrabble-Atmosphäre, die konzentrierte Stille, die man in den Mega-Stadt Lagos sonst vergebens sucht. Durchbrochen nur vom Klicken der Buchstabensteine. Es ist der leise Soundtrack seines Lebens.

Hier ist er ein Superstar. Ein Fernseh-Team ist gekommen, um ihn zu interviewen. Spieler sprechen ihn an, fragen um Rat. Seit Jighere vor drei Jahren in Australien als erster Afrikaner überhaupt den WM-Titel und ein Preisgeld von etwa 8500 Euro gewann, hat er Prominentenstatus. Eine enorme Leistung, zumal er erst kurz vor der ersten Partie angekommen war. Das Gastgeberland hätte ihm beinahe das Visum verweigert – ein immer wiederkehrendes Problem der nigerianischen Scrabble-Spieler bei internationalen Turnieren.

Der Präsident persönlich gratuliert bei Erfolgen

Nur Stunden nach seinem Triumph rief Nigerias Präsident Muhammadu Buhari persönlich an und gratulierte, einige Wochen später wurde er mit seinen Teamkollegen, den Gewinnern der Mannschaftswertung, von dem Politiker offiziell bei einem Empfang in der Präsidentenvilla geehrt. Denn in Nigeria ist Scrabble kein bloßes Brettspiel, sondern eine von 30 staatlich geförderten Sportarten. Der erfolgreichste des Landes. Von den besten 100 Spielern der Weltrangliste für englische Wörter stellt Nigeria derzeit 32, mehr als jede andere Nation.

Am Rande des Raumes spricht Jighere über seine Leidenschaft, mit gesenkter Stimme, so dass niemand während der dritten Spielrunde des Tages gestört wird. „Das ist ein mental wahnsinnig anstrengender Sport, der nur mit viel Arbeit funktioniert“, sagt er. „Das hält mich auch sonst fokussiert. Manchmal aber gibst Du Dein Bestes und verlierst trotzdem. Du kannst Dir nie sicher sein, wie im richtigen Leben. Das mag ich.“

Ein Zufall ist der Erfolg der Nigerianer nicht. Seit britischen Kolonialzeiten ist Scrabble populär, es wird in vielen Schulen und an den meisten Universitäten gespielt. Der Verband ist in allen 36 Bundesstaaten vertreten. Als Teil der nationalen Sportförderung bezahlt die Regierung Trainer und Administratoren.

Jighere besucht seinen ersten Trainer, den Ex-General Gold Eburu, der am Rande von Lagos in einem unscheinbaren Haus lebt. „Scrabble wurde in den sechziger Jahren vor allem von Leuten verbreitet, die eine Zeit lang in Europa verbracht hatten“, sagt er. „Als ich 1972 in die Armee eingetreten bin, hatten wir abends Ausgangssperre. Wir haben ewige Zeiten Scrabble gespielt, um uns die Langeweile zu vertreiben.“ Der 68-Jährige ist einer der Pioniere des Spiels, spielte bei den ersten großen Turnieren während der 80er-Jahre mit und wurde 1989 der erste Präsident des nationalen Verbands. „Scrabble gehört inzwischen zu unserer Identität, es ist ein fantastischer Denksport.“ Weit bemerkenswerter als die Unterstützung durch die Regierung sei das private Engagement der Spieler. „Viele Turniere und Teilnahmen an großen internationalen Turnieren sind nur möglich, weil wir die Mittel selbst zur Verfügung stellen.“ Allein in Lagos gibt es zehn privat finanzierte Scrabble-Akademien. Auch Jighere plant die Eröffnung einer entsprechenden Schule. Online gibt er bereits gegen Gebühr Unterricht.

4000 Spieler in Scrabble-Nigeria

Die Begeisterung für das Spiel hat unter anderem kulturelle Gründe. Nigerias Bürger reden gerne viel und das oft laut, mehr als 500 Sprachen werden hier gesprochen, Englisch ist die am weitesten verbreitete. Nigeria hat einige der berühmtesten afrikanischen Schriftsteller hervorgebracht. Hinzu kommt eine lange Geschichte von Brettspielen in Afrika, die weit in die vorkoloniale Zeit zurückreicht. Mit ihnen werden teilweise bis heute Werte und kognitive Fähigkeiten vermittelt.

Jighere bekam Scrabble von seinem älteren Bruder beigebracht. Er finanzierte sich das Studium der Agrar-Wirtschaft mit Turnieren. „Danach war ich zu gut, um das Spiel an den Nagel zu hängen“, sagt Jighere, der das Hobby zum Beruf gemacht hat. An der Spitze der 4000 Spieler in Nigeria, die Scrabble leistungsorientiert betreiben, kann man nur als Profi bestehen, sagt Wellington Jighere.

Sein Training ist aufwendig. Vor Wettkämpfen spielt er vier bis fünf Stunden täglich gegen die Besten des Landes. Aber er nutzt auch eine einsame Methode, die er „Ausstreichen“ nennt. Dafür nimmt er das Collins-Wörterbuch, dessen Wörter als Buchstabenkombinationen akzeptiert sind, und streicht Seite für Seite alle Begriffe durch, die ihm bekannt sind. Wenn eine neue Edition herauskommt, konzentriert sich Jighere auf die neu im Lexikon aufgenommen.

Fünf Buchstaben führen zum Erfolg

„Wenn ich gut im Training bin, dann beherrsche ich rund 90 Prozent der Wörter“, sagt der Spieler. Derzeit ist er nicht in Bestform. Die Planung seiner Akademie kostet viel Zeit, zudem kämpfte er auch für den Erhalt der staatlichen Scrabble-Förderung. Nigerias Wirtschaft schwächelt seit Jahren, die Regierung plant eine erhebliche Kürzung der Mittel. „Damit gefährden wir ein großes Stück unserer Kultur“, sagt Jighere.

Keine optimalen Vorbereitungsbedingungen also für die nächste WM, die Ende Oktober in England stattfindet. Die Konkurrenz wird stärker, allen voran der Neuseeländer Nigel Richards. Der dreifache Weltmeister ist so etwas wie der Roger Federer des englischen Scrabbles – und gewann selbst im französischen Wettbewerb wichtige Turniere. Ohne diese Sprache wirklich zu sprechen. Der Mann mit dem fotografischen Gedächtnis studierte vor seinen ersten großen Titeln neun Wochen lang ein französisches Wörterbuch. Jighere weiß, dass er nur dann den Ansatz einer Chance gegen den 51-Jährigen und andere Top-Spieler hat, wenn er sein Leben voll auf Scrabble ausrichtet.

Ein ambitionierter Amateur bittet Jighere in dem Konferenzraum in Lagos um eine Partie. Jighere stimmt höflich zu und lächelt. Nigerianer sind für einen Spielstil kürzerer, maximal sieben Buchstaben langer Wörter mit hohen Punktwertungen bekannt. Damit versperren sie dem Gegner geschickt den Weg für längere Wörter.

Bezeichnenderweise entschied Jighere das Finale seiner WM mit dem aus fünf Buchstaben bestehenden Wort „felty“ (filzig). Doch seine Stärke ist, dass er seinen Stil jederzeit ändern kann, dann lange Fremdwörter einsetzt. „Wellingtons größte Stärke ist seine außergewöhnliche Ruhe“, sagt Nsikan Iyanam, einer der besten Spieler in Lagos, „er ist undurchschaubar und tritt immer gleich auf – egal, ob er verliert oder gewinnt.“ Das verunsichere viele Gegner.

Entsprechend mühelos gewinnt Jighere gegen seinen heutigen Herausforderer. Wenn er neue Buchstaben aus dem Stoffsack zieht, dann hält er diesen hoch über den Kopf. Die Regeln besagen, dass über Augenhöhe gezogen werden muss, damit nicht geschummelt werden kann. Jighere streckt die Arme weiter in die Höhe als jeder andere. Das sei eine Frage des Prinzips.

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