Rund 8000 Dialysepatienten warten in Deutschland auf eine Nierentransplantation. Ihre Zahl ist fast dreimal so hoch wie die der pro Jahr übertragenen Organe. Im Jahr 2013 wurden 2272 Patienten transplantiert. Die Wartezeit auf eine Transplantation beträgt im Schnitt sechs Jahre Foto: dpa

Wird eine Spenderniere transplantiert, ist dies ein Grenzfall der Medizin: Ein gesunder Mensch wird dem Risiko einer Operation ausgesetzt – zum Wohle eines anderen. Im Transplantationszentrum des Klinikums Stuttgart wurde so einer nierenkranken Patientin zum fünften Mal geholfen.

Stuttgart - Ihr fünfter Start in ein neues Leben fällt auf den 18. März. An jenem Mittwoch wurde Martina Vohrer in den Operationssaal des Katharinenhospitals Stuttgart geschoben, in Gedanken ganz bei ihrer Schwester. Dieser wurde gerade eine Niere entnommen, die sie selbst bekommen sollte. Sie habe sich nur gewünscht, dass alles gutgehen wird – vor allem mit der Schwester, die ihr ein Organ zum Geschenk macht.

Ein transplantierte Niere ist immer ein Geschenk auf Zeit. Im Schnitt hält eine gespendete Niere 15 Jahre. Bislang hat aber keines der transplantierten Organe, die Martina Vohrer in ihrem bisherigen Leben bekommen hat, länger als sechs Jahre durchgehalten: Die erste Niere bekam sie als Zwölfjährige. Doch der Körper stieß das fremde Gewebe schon nach einem Jahr ab.

Im Alter von 15 folgte die zweite Transplantation, auch diese ohne Erfolg. Zwei weitere Operationen folgten – einmal 2001, dann 2008. Fünf Jahre später zeigten sich bei der damals 41-Jährigen aus Dettingen an der Erms die ersten Ermüdungserscheinungen. Martina Vohrer fühlte sich schlapp. Die Blutwerte wurden schlecht: Die Nieren reinigten kaum den Körper. „Mir war klar, es ist wieder so weit.“

Nur zwei Möglichkeiten: Dialyse oder Transplantation

Nieren sind im besten Fall leise Arbeiter. 1800 Liter Blut werden von den beiden Organen täglich durchspült, Schadstoffe ausgefiltert und Nährstoffe dem Blut wieder zugeführt. Doch chronische Krankheiten wie die Zuckerkrankheit Typ-1-Diabetes sowie genetische Defekte können dazu führen, dass die Organe ihren Dienst versagen. Betroffenen bleiben dann nur zwei Möglichkeiten: Dialyse oder eine Transplantation.

Die Dialyse, bei der das Blut mehrmals pro Woche mit Hilfe einer Maschine von Giftstoffen befreit wird, ist ein zeitaufwendiger und stark belastender Prozess. „Man ist müde, hat zu nichts richtig Lust und verbringt viel Zeit auf dem Sofa“, beschreibt Martina Vohrer die Stunden nach der Blutwäsche.

Die Strapazen hinterlassen Spuren: „Die Menschen, die auf Dialyse angewiesen sind, altern schneller“, sagt Christoph Olbricht, Leiter des Transplantationszentrums Stuttgart, der Martina Vohrer behandelt. Auch sind Patienten mit chronischem Nierenleiden häufig von Depressionen betroffen.

Das Schwinden der Lebenslust wird nur einigen der 8000 Menschen erspart bleiben, die nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation derzeit auf eine Niere warten – und das im Schnitt sechs bis acht Jahre.

Weniger Spenden nach den Skandalen bei der Organvergabe

„Das verlorene Vertrauen in die Transplantationsmedizin aufgrund der seit 2013 bekannt gewordenen Skandale bei der Organvergabe hat zu weniger Spenden und längeren Wartezeiten geführt“, sagt Olbricht. So wurden 2013 in Deutschland 2275 Nieren transplantiert, 725 davon waren Lebendspenden. Vor den Skandalen im Jahr 2011 war die Spendenbereitschaft mit 2850 Nieren deutlich höher.

Auch im Katharinenhospital Stuttgart, wo das Transplantationszentrum angesiedelt ist, führt die gesellschaftliche Verunsicherung zu sinkenden Transplantationen: Zwar wurde seit der Gründung des Transplantationszentrums 1986 mit Martina Vohrers Spenderorgan die 1500. Niere verpflanzt. Doch die Bilanz, die der Klinikdirektor Jürgen Graf vorlegt, zeigt: Es sind immer noch zu wenige.

17 zu 248: Das ist das Ungleichgewicht, das man im Klinikum Stuttgart auszugleichen versucht. 17 Nierentransplantationen fanden seit Januar in Stuttgart statt. Aber noch warten 248 Dialyse-Patienten auf ein neues Organ. „Leid und Tod auf den Wartelisten haben zugenommen“, sagt Olbricht.

Wer spenden darf, ist klar geregelt

Im Transplantationsgesetz sind nicht nur die genauen Bedingungen festgelegt, unter denen ein Mensch auf die Warteliste auf­genommen wird, um irgendwann eine Spenderniere zu bekommen. Es ist auch klar geregelt, wann ein Mensch einem anderen eine Niere oder einen Teil seiner Leber überlassen darf: Verwandte, Ehepartner und andere, die dem Patienten besonders nahestehen.

In der Mehrzahl der Fälle des Stuttgarter Transplantationszentrums ist es die Liebe zwischen Frau und Mann, die den Ausschlag gibt, ein Organ zu spenden. Aber auch ­Eltern, die ihrem Kind eine Niere geben, nehmen einen hohen Prozentsatz ein, sagt Christoph Olbricht. „Wobei Frauen generell eher und schneller zu einer Spende bereit sind als Männer.“

Dennoch müssen auch sie ihre Entscheidung von einer Ethikkommission, bestehend aus Psychologen, Medizinern und Juristen, prüfen lassen.

Jede Transplantation ist ein Grenzfall der Medizin

Denn jede dieser Transplantationen ist ein Grenzfall der Medizin: Schließlich wird ein Gesunder dem Risiko einer Operation ­ausgesetzt, um ein Organ zu entnehmen. In drei von 10 000 Fällen kommt es während der Operation zu Komplikationen, die aber nur selten tödlich enden. Infektionen stellen das größte Problem dar – für den Empfänger ebenso wie für den Spender.

Noch ist nicht endgültig klar, wie gut die neue Niere im Körper von Martina Vohrer funktionieren wird. Doch mehr als vier Wochen nach dem Eingriff ist Christoph Olbricht sehr zuversichtlich, „dass es dieses Mal gutgehen wird“. Martina Vohrer zumindest fühlt sich wohl: Sie habe mehr Energie, sagt sie. Nicht mehr lange, und sie kann in Urlaub fahren. Wohin es gehe, sei egal. „Das ist das Tolle: Ich muss nicht mehr darauf achten, dass ein Dialysezentrum in der Nähe ist.“

Hintergrund: Wer spenden kann - und wie es geht

Hintergrund: Wer spenden kann - und wie es geht

Lebendspende: In Deutschland, wo die Prinzipien der Freiwilligkeit und Nichtkommerzialität betont werden, ist die Lebendspende – anders als in Skandinavien oder in der Schweiz – an ein persönliches Verhältnis von Spender und Empfänger gebunden und daher relativ selten.

Beim meistgespendeten Organ, der Niere, liegt ihr Anteil trotz steigender Tendenz bundesweit bei 29,6 Prozent. Etwas anders liegt der Fall bei der Stammzellenspende (etwa bei Knochenmarktransplantationen), bei der Spender und Empfänger genetisch übereinstimmen müssen; die Spende selbst ist dann medizinisch vergleichsweise unaufwendig.

Posthume Spende: Grundsätzlich können alle gesunden Menschen, die älter als 16 Jahre sind, Organe spenden. Sofern keine schwerwiegenden Vorerkrankungen – etwa Aids oder Tuberkulose – vorliegen, ist eine medizinische Untersuchung nicht nötig.

In der Praxis ist die Zahl derjenigen, die zur Organspende bereit sind und die nach dem Tod tatsächlich für eine Verpflanzung zur Verfügung stehen, eng begrenzt. Voraussetzung ist, dass der Hirntod dem Herzstillstand vorausgeht und das Organ verwendbar ist.

Organspendeausweis: Welche Organe ein Spender zur Übertragung bereitstellt und welche nicht, kann im Spenderausweis vermerkt werden. Die Organentnahme erfolgt nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) „mit der gleichen chirurgischen Sorgfalt wie jede andere Operation“. Anschließend wird der Leichnam in würdigem Zustand zur Bestattung überführt. Den Ausweis verschicken viele Krankenkassen kostenlos.

Weitere Infos: Die BZgA informiert online auf www.organspende-info.de sowie gebührenfrei auch per Telefon, 08 00 / 9 04 04 00. Das Infotelefon ist Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr besetzt.

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