Telefonieren hat an Bedeutung verloren. Kein Wunder, dass viele Jüngere es ganz ablehnen: Das Telefon, zeigt schon die Filmgeschichte, ist des Teufels! Am Telefon können wir scheinbar an zwei Orten sein. Eine kleine kulturtheoretische Betrachtung.
Das Telefon ist ein unheimliches Ding. Jemand ist da, man hört seine Stimme, aber er ist es doch nicht, ist nicht greifbar. Die Paradoxität der An- und Abwesenheit verliert ihren Schauder auch 147 Jahre nach der Erfindung des Telefons nicht, selbst wenn es technisch nachvollziehbar klingt: „In Telefonapparaten wird der Schall durch ein Mikrofon in elektrische Signale gewandelt und beim Empfänger wieder als Schallwelle ausgegeben.“
Längst ist der Mensch es gewohnt, mit digitalen Zwillingen zu sprechen. In der Videotelefonie oder mit einem kleinen Fotoquadrat bei Whatsapp, wo er Text- oder Sprachnachrichten austauscht. Die zweidimensionalen Influencer auf Instagram und Tiktok sieht er als Freund und Alltagsbegleiter.
Am Telefon können wir scheinbar an zwei Orten zugleich sein
Das Telefon brachte lange vor Entstehung der digitalen Welt eine Dopplung der Wirklichkeit hervor. Alfred Hitchcock führte den Grusel vor, etwa in „Bei Anruf Mord“ (1954): Mit dem Anruf soll der Tod kommen für die Frau, es soll der perfekte Mord sein. Doch der Plan scheitert, der Mörder selbst stirbt, und in der Folge überlappen tatsächliche und inszenierte Wirklichkeit einander. Im Motiv der Verwechslung steckt das Verwirrspiel um parallel zueinander existierende Wirklichkeiten an den Enden der Telefone.
Und in David Lynchs Film „Lost Highway“ (1997) behauptet der Mystery Man, eine Art Mephisto, auf einer Party gegenüber dem Protagonisten Fred, dass er jetzt gerade bei Fred zu Hause sei. Fred fragt, was diese Bemerkung solle, er sehe doch, dass er nicht bei ihm zu Hause sei, sondern ihm hier auf der Party gegenüber stehe.
Der Mephisto schlägt Fred vor, es zu überprüfen, indem er bei sich selbst zu Hause anrufe. Er tut es – und tatsächlich geht der teuflische Fremde ran. Am Telefon, so die Botschaft, können wir scheinbar an zwei Orten zugleich sein.
Ein plötzlicher Anruf wirkt heute auf viele übergriffig, dringt ein in die Intimsphäre der Angerufenen. Er fordert zur direkten Reaktion auf. Man muss den Hörer abnehmen, etwas sagen, während man Sprach- und Textnachrichten Tage später beantworten kann. Schlimmer ist nur der persönliche Überraschungsbesuch vor der Haustür.
Wenn das Telefon klingelt, setzt der Grusel ein, wie im Horrorfilm „Scream“ (1996), dessen Maske in die Filmgeschichte einging. Das Telefon ist hier selbst eine Maske, hinter der sich der Täter versteckt, während er längst in der Nähe ist und die Angerufene aus dem dunklen Garten heraus beobachtet. Den, mit dem wir am Telefon sprechen, sehen wir nicht – irgendwo muss er sein, in einem fernen Dunkel am Ende der Leitung. Wie nah kommt er uns?
Einfach mal so bei der Tante durchklingeln – das macht keiner mehr
Umfragen der vergangenen Jahre zeigen, dass Jüngere überhaupt nicht mehr telefonieren. Von „Telefonphobie“ ist die Rede. Das Smartphone nutzt man für fast alles, nur nicht zum Telefonieren. Und der Festnetzanschluss mit einer Nummer, die im Telefonbuch steht, ist fast historisch. Einfach mal so bei der Tante durchklingeln – das macht keiner. Früher sagte die Mutter: Ruf Oma an und bedank dich für das Weihnachtsgeschenk!
Lange Zeit haben sich im Sprachgebrauch Formulierungen aus der Kinderzeit des Telefons gehalten: Sie sind wohl falsch verbunden. Oder: Ihre Verbindung wird gehalten. Als säßen irgendwo noch Vermittlungsdamen, die mithören, anschalten oder den Klinkenstecker ziehen können.
Der Grusel des Fremden, dessen Stimme in den Privatraum dringt, ist geblieben. Heute sind beinahe die einzigen, die auf den übrigen Festnetzanschlüssen noch anrufen, Fremde, die den Enkeltrick versuchen.