Das Kennzeichen der Ilz ist ihr weiches, bräunlich bis schwärzlich gefärbtes Wasser. Sie wird deshalb auch als schwarze Ilz oder schwarze Perle bezeichnet. Foto: Grabe

Wer an der Ilz entlang von Passau auf die Höhen des Bayerischen Waldes wandert, erlebt eine der schönsten Flusslandschaften Deutschlands.

Passau - Zu Beginn sei ein Rätsel gestattet. Wo fließt die Ilz? Die Antwort lautet: zwischen München und Prag. Die Ilz plätschert nahe dieser Orte mit den großen Namen, die aber nur wenige Häuser zählen. Hier fließt die Wolfsteiner Ohe durchs Tal, um kurz darauf bei Fürsteneck in den Bach Ilz zu münden und ihn zu einem Flüsschen aufzuwerten. Im Bayerischen Wald gibt es noch mehr Kurioses zu entdecken. „Neun Monat Winter, drei Monat koid - des is da Woid“, zitiert Stefan Poost von der Ilz-Infostelle einen der Waldmythen und wischt sich demonstrativ den Schweiß von der Stirn. Die Zuhörer nicken verständnisvoll. Bei ihrer Sommerwanderung entlang der Ilz haben sie selbst im schattigen Tal ordentlich geschwitzt. Vor drei Tagen waren die Wanderer in Passau gestartet. Nach dem respektvollen Blick auf die Hochwassermarke von 2013, die vier Meter über den Köpfen am Rathausturm eingekerbt ist, geht es von der Drei-Flüsse-Stadt hinauf zur Veste Oberhaus. Von dort wirkt die Altstadt wie ein Schiffsbug, der sich zwischen den hier nicht mehr ganz so grünen Inn und die noch nicht so blaue Donau zwängt.


Die schwarze Ilz weiß sich optisch zu behaupten

Verglichen damit ist der dritte Fluss unscheinbar. Doch die schwarze Ilz weiß sich zumindest optisch zu behaupten. Wie Tinte will sich ihr dunkles Wasser lange nicht mit dem Grau von Donau und Inn mischen. Die Ilz prägt zwischen dem Quellgebiet am Lusen und der Mündung nach 60 Kilometern eine zum Teil noch unberührte Flusslandschaft. Doch es gibt auch Gefährdungen. Das weiß keiner besser als Herbert Grabe, der die Wandergruppe führt. 1986 hat er, damals Geschäftsführer des Bildungswerks des BUND Naturschutz, die erste Ilz-Wanderung organisiert, auch um gegen Gülleeinleitung und gegen die Erhöhung einer Staumauer zu protestieren. Drei Jahrzehnte später hat sich einiges, wenn auch nicht alles gebessert. Die Staumauer wurde nicht erhöht, die Wasserqualität ist gestiegen - und das Wandertempo ist gemäßigt. Fünf Tage lang begleitet die Ilz, die von Huminsäuren der Hochmoore rotbraun, fast schwarz gefärbt ist, die Wanderer. Neben Informationen über Flora, Fauna und Umwelt bleibt Zeit für kulinarische und kulturelle Entdeckungen.


So stoppt Herbert Grabe kurz hinter Passau, deutet auf die Ortschaft Hals und zaubert aus dem Rucksack einen Lautsprecher. Es erklingen Melodien aus der Operette „Wiener Frauen“, die Franz Lehár dort als Gast im Hofwirtshaus komponierte. Hinter Hals zwängt sich die Ilz in engen Flussschleifen durch einen Feldriegel, durch den 1831 als Abkürzung ein 120 Meter langer Stollen geschlagen wurde. Er macht deutlich, wie wichtig das Hochwasser der Ilz lange Zeit war. Von 1550 bis 1892, als eine Eisenbahn durchs Tal gebaut wurde, war hier die große Zeit der Holztrift. Das im Winter geschlagene Holz wurde im Frühjahr in wochenlanger Schinderei von Triftknechten nach Passau transportiert, wo Fürstbischöfe mit dem Brennholz reich wurden. Heute nisten Wasseramseln im Stollen. Eisvögel, Gänsesäger, Biber und Fischotter finden am Wasser ihren Lebensraum. Ein anderer Schatz aber ist bedroht.


Schwarzfischern wurde die Hand abgehackt

Dabei weckte der schillernde Inhalt der Flussperlmuschel seit dem 15. Jahrhundert das Interesse von Fürsten und Bischöfen. Manch prunkvoller Monstranz und Fürstenkrone verliehen Ilz-Perlen wahren Glanz. Perlentaucher mussten nackt ins Wasser, damit kein Fund unterschlagen werden konnte. Schwarzfischern wurde die Hand abgehackt. „Für eine Perle guter Qualität mussten 2700 Muscheln geöffnet werden“, weiß Stefan Poost. Aktuell existieren nur noch wenige Muschelvorkommen. Tag für Tag dringen die Wanderer tiefer in die grüne Hölle vor, wo die Ilz schwarz sprudelt. Jede Orchidee am Wegesrand ist eine kleine Pause wert, jede Sibirische Schwertlilie wird bestaunt. Straußfarn streichelt die Waden. Immer wieder stellen sich eingewanderte Pflanzen wie Staudenknöterich, der Schlitzblättrige Sonnenhut oder das Indische Springkraut als Dickicht in den Weg. Doch hinterm Dschungel werden die Wanderer belohnt. Am Oberlauf gluckert die Ilz an der Dießensteiner und der Buchensteiner Leite im Schatten eines dichten Bergmischwaldes munter über bemooste Granitfelsen. Ein paar Kilometer östlich der Ilz wird 1874 in Schiefweg bei Waldkirchen die Wirtstochter Emerenz Meier geboren, die sich als Frau aus der tiefsten Waldprovinz schon in jungen Jahren mit Naturlyrik und Erzählungen einen Namen macht.


Wie viele Waidler wandert die Emerenz später nach Amerika aus, wo sie ohne ihre Sprache und ohne ihren Wald nicht glücklich wird und mit 53 Jahren in Chicago stirbt. In ihrem Geburtshaus erinnern das Wirtshaus Zur Emerenz und ein Museum an sie. Für die Wanderer ist der Passauer Literaturwissenschaftler und Meier-Biograf Hans Göttler angereist, der zwischen drei vorzüglichen Gängen mit Anekdoten und Lesungen unterhaltsam der Dichterin huldigt. In einer Erzählung berichtet die Emerenz, dass sie bei Schlägereien im väterlichen Wirtshaus für zerbrochene Bierkrüge heimlich immer neue Krüge über den Tresen schob. „Für mich ist die Emerenz lange vor Karlheinz Schreiber die erste bayerische Waffenschieberin“, sagt Göttler. Am letzten Wandertag erreicht die Gruppe den Nationalpark Bayerischer Wald, in dem man seit 1970 „die Natur Natur sein lassen“ will, wie der 84-jährige Förster Gerhard Fritsch erzählt, der damals Revierleiter war. Ohne Eingriff des Menschen soll sich der einstige Wirtschaftsforst zum Urwald zurückentwickeln.


Die Schlussetappe führt zum 1373 Meter hohen Lusen. Vorbei an Klausen, an aufgestauten Seen, die zur Holztrift abgelassen wurden, erreichen die Wanderer auf Knüppelpfaden die Hochmoore. Zwischen den Stümpfen von Fichten, die als Opfer von Borkenkäfern und Orkanen in den Himmel ragen, sprießt frisches Grün. Frisch, um nicht zu sagen kühl, ist auch das Wetter geworden. Es beginnt zu regnen, am Teufelsloch zieht Nebel auf. Über die steile Himmelsleiter geht es hinauf zu den Granitblöcken des Lusen. Das Gipfelglück wärt nur kurz. Dann treiben Wind und Regen die Wanderer weiter. Wie war das noch? „Neun Monat Winter, drei Monat koid - des is da Woid“. Wenn jetzt der Nebel aufreißen würde, könnte man vielleicht im Norden das goldene Prag sehen - und im Südwesten das leuchtende München.

Infos zu Niederbayern

Niederbayern

Anreise
Nach Passau mit dem Auto über die A 8 nach München, dort ein Stück auf der Ringautobahn 99, dann auf die A 92 bis Deggendorf, weiter auf der A 3. Die Fahrt mit dem Zug nach Paussau dauert ab Stuttgart vier bis fünf Stunden, www.bahn.de

Unterkunft
Entlang der Ilz werden in den Gemeinden Waldkirchen, Perlesreut und Tittling private Zimmer und Ferienwohnungen angeboten. Zentral gelegen ist das Schloss Fürsteneck mit Gaststätte. Hier kann man sich hinter dicken Mauern wie ein Schlossherr oder ein Burgfräulein fühlen, DZ ab 76 Euro mit Frühstück, www.schloss-fuersteneck.de

Geführte Wanderung
Die im Text beschriebene sechstägige Tour im Sommer bietet der Veranstalter Erde und Wind aus Donaustauf als geführte Wanderung für 735 Euro an. Im Reisepreis enthalten sind fünf Übernachtungen mit Frühstücksbüfett, Bustransfers, Eintrittsgeldern und Führungen sowie diverse Lesungen und Abendessen in ausgesuchten Wirtshäusern, www.erdeundwind.de

Essen und Trinken
Das Hafner Wirtshaus in Perlesreut bietet raffinierte heimische Küche aus lokalen Produkten, die auf der Terrasse mit spektakulärem 180-Grad-Blick besonders mundet, www.hafner-perlesreut.de Im Gasthaus Zur Emerenz am Dorfplatz in Schiefweg/Waldkirchen fühlt man sich im historischen Gemäuer mit Bauerngarten in eine andere Zeit versetzt, www.wirtshaus-zur-emerenz.de

Ilztalbahn
Größere Abschnitte des Ilztals sind seit 1892 durch eine für den Holztransport gebaute Bahnstrecke erschlossen, die 1982 den Betrieb einstellte. Ein Förderverein hat die 50 Kilometer lange Strecke zwischen Passau und Freyung wiederbelebt und bietet im Sommer an Wochenenden und Feiertagen täglich bis zu sechs Fahrten, www.ilztalbahn.eu

Sehenswertes und Ausflüge
Die Ilz-Infostelle im Schloss Fürsteneck beschäftigt sich mit der Flussperlmuschel. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag und feiertags von 9.30 bis 16.30 Uhr. „Born in Schiefweg“ heißt die Dauerausstellung im Emerenz-Meier-Haus in Schiefweg, die an die massenhafte Auswanderung aus dem Bayerischen und Böhmerwald nach Amerika erinnert, www.born-in-schiefweg.de

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