Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut schon junge Mädchen für Technik begeistern und Frauen motivieren, in besser bezahlte Berufsfelder zu gehen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Frauen in Baden-Württemberg holen zwar etwas auf im Berufsleben, aber mit einem Beschäftigenanteil von gut 45 Prozent sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut sieht vor allem Nachholbedarf in Führungspositionen.

Stuttgart - Die Wirtschaftsministerin in Baden-Württemberg sieht großen Nachholbedarf im Land, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht. „Da ist noch viel Luft nach oben“, sagte Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) unserer Zeitung anlässlich des Internationalen Frauentags. 45 Prozent der Beschäftigten in Baden-Württemberg seien Frauen, aber nur 27 Prozent in der ersten Führungsebene und 40 Prozent in der zweiten Ebene, zitierte die Ministerin das jüngste IAB –Betriebspanel, eine repräsentative Befragung in rund 1200 baden-württembergischen Betrieben. „Was Frauen in Führungspositionen angeht, können wir noch nicht zufrieden sein“, so die Ministerin. Daher appelliert sie an Frauen, „mutiger Entscheidungen zu treffen, sich mehr zuzutrauen und Verantwortung zu übernehmen“.

„Frauen sind als Fach- und Führungskräfte unverzichtbar für die Wirtschaft in Baden-Württemberg“, so Hoffmeister-Kraut gerade auch mit Blick auf den Fachkräftemangel. „Frauen sind sehr gut ausgebildet, viele studieren auch.“ Obwohl sich die Qualifikationsniveaus der von Frauen und Männern ausgeübten Tätigkeiten angleichen, ist der Anteil von Männern in höherqualifizierten Tätigkeiten weiterhin größer. Im Jahr 2016 übten elf Prozent der beschäftigen Frauen eine Tätigkeit aus, die einen Hochschulabschluss erfordert, bei den Männer waren es 16 Prozent. Während 30 Prozent der Frauen in an- und ungelernten Tätigkeiten beschäftigt waren, lag der Anteil bei Männern nur bei 25 Prozent.

„Die klassischen Rollenbilder sind noch bei vielen verhaftet“

Auch Teilzeit- und befristete Beschäftigung ist unter den Frauen weiterhin besonders stark verbreitet. In frauendominierten Branchen ist die Teilzeitbeschäftigung von Frauen sehr hoch. 2016 waren 54 Prozent der Frauen in Teilzeit beschäftigt, während die Teilzeitquote insgesamt bei 31,4 Prozent lag.

„Die klassischen Rollenbilder sind noch bei vielen verhaftet“, sagte die Ministerin. Dass Frauen in Teilzeit- oder Familienphasen automatisch von Job und Karriere abgehängt werden, hält sie nicht für zwangsläufig. Wenn die Phase nicht zu lange dauere. Wichtig sei, dass Unternehmen und Politik hier noch mehr mit Weiterbildungsangeboten unterstützten. Auch bei Arbeitszeitmodellen sieht sie noch Nachholbedarf „Wir brauchen hier mehr Flexibilisierung“, sagte Hoffmeister-Kraut. Das Thema müsse auch von der Bundesregierung aufgegriffen werden. „Gerade die Digitalisierung biete durch neue Arbeitsmodelle für Unternehmen und Beschäftigte enorme Chancen, Beruf und Familie noch besser zu vereinbaren.“

Das Grundverständnis in Wirtschaft und Gesellschaft müsse noch wachsen: Wer eine Familie gründe und Kinder habe, übernehme schließlich auch Verantwortung für die Gesellschaft. Zudem müssten sich Frauen auch gegenseitig unterstützen und in ihrem Werdegang stärken. Nur zwei Prozent aller Betriebe engagieren sich der Befragung zufolge aktiv für die Förderung ihrer weiblichen Beschäftigten etwa durch Mentoring-Programme oder Frauenförderpläne und es seien diesbezüglich – mit Ausnahme des öffentlichen Dienstes und der Großbetriebe – kaum Fortschritte erkennbar. Dabei geht eine gezielte weibliche Nachwuchsförderung in den Betrieben mit höheren Frauenanteilen auf der ersten Führungsebene einher.

„Müssen Frauen motivieren, in besser bezahlte Berufsfelder zu gehen“

Betriebliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind zwar ansteigend, aber immer noch gering. Im Vordergrund steht die Rücksichtnahme bei den Arbeitszeiten (21 Prozent). Finanzielle Beteiligung an der Kinderbetreuung, Unterstützung bei pflegebedürftigen Angeboten und Angebote für Beschäftigte in Elternzeit sind stark ausbaufähig (jeweils weniger als zehn Prozent), hat die Befragung ergeben.

Viele Konzerne treiben die Gleichberechtigung in Eigenregie voran – nicht zuletzt, weil sie um Fachkräfte kämpfen. Beispiel Daimler: Der Autobauer hat sich vorgenommen, den Frauenanteil bei Führungspositionen bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen. Derzeit liegt der Anteil bei 16 Prozent.

Hoffmeister-Kraut allerdings sieht die Politik als Vorreiter, weil es dort mit dem Frauenanteil auch ohne verbindliche Quoten funktioniere – die CSU, die gerade alle drei Ministerposten im Bund mit Männern besetzt hat, scheint da freilich eine unrühmliche Ausnahme.

Viele Branchen indessen sind noch immer männerdominiert, weil es nach wie vor eine traditionelle Aufteilung der Geschlechter zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor gibt. Die Ministerin will daher auch mehr Mädchen für Technik und Digitalisierung begeistern und dazu Girls Digital Camps auf den Weg bringen, „weil man im Kampf gegen den Fachkräftemangel mehr Frauen am Arbeitsmarkt und speziell in technischen Berufen benötige. Die Girls Digital Camps bieten Schülerinnen die Möglichkeiten, Technik und Digitalisierung hautnah zu erleben“. Man müsse Klischees und Rollenbilder früh aufbrechen und Frauen auch motivieren, mehr in besser bezahlte Berufsfelder zu gehen. Vorbilder seien ganz wichtig, findet die Ministerin.

Im Südwesten sind rund 2,7 Millionen Frauen berufstätig

Ähnlich sehen es auch die Arbeitgeber. Frauen müssten dort gezielt unterstützt werden, wo die Rahmenbedingungen dafür sorgten, dass sie beruflich nicht ins Hintertreffen gerieten. „Dies gilt für die Kinderbetreuung, die weiter ausgebaut werden muss, aber auch für eine intensivere Berufsorientierung und MINT-Förderung von Mädchen“, sagte Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Arbeitgeber in Baden-Württemberg. MINT steht für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Gleichzeitig kritisierte er die Politik. Sie sollte aufhören mit falschen Mitteln wie Gesetzen und Vorschriften, etwa der Frauenquote oder dem Entgeltgleichheitsgesetz, an Symptomen herumzudoktern.

Im Südwesten waren im Jahr 2016 laut dem Statistischem Landesamt rund 2,7 Millionen Frauen berufstätig. Denen stehen gut 3,1 Millionen Männer gegenüber.

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