Nicolas Fink räumt zur Zeit sein Büro im AichwalderRathaus. Foto: Ines Rudel

Der neue Landtagsabgeordnete Nicolas Fink und alte Bürgermeister von Aichwald findet, dass es in der baden-württembergischen SPD ums Eingemachte geht. Er ist froh, dass der Führungsstreit beendet ist, und er will jetzt Politik machen, die unabhängig von der politischen Großwetterlage in Berlin ist. Am meisten stört ihn, dass „wir in einer Zeit leben, in der die Solidarität fehlt.“

Aichwald - Seit 25 Jahren spielt der Aichwalder Bürgermeister Nicolas Fink in einer Rockband, und seit 20 Jahren ist er bei den Sozialdemokraten. Nachdem ihm der Durchbruch als Rockstar nicht geglückt ist, rockt er jetzt die SPD. Von Januar an wird er das Mandat von Wolfgang Drexler im Stuttgarter Landtag ausfüllen. Drexler selbst geht in den Ruhestand.

Muss die SPD auch die Partei der Manager sein?

Die SPD muss die Partei für ganz Viele sein. Da gehören anständige Manager auch dazu.

Was ist für Sie ein anständiger Manager?

Jemand, der hart arbeitet, sich um seine Familie kümmert und anständig seine Steuern zahlt. Jemand, der sich an die Regeln hält und dabei noch ein moralisches Bewusstsein hat.

Ist das in der Marktwirtschaft möglich?

Natürlich, es ist in jedem System möglich, sich anständig zu benehmen und sich an die Regeln zu halten. Das ist eigentlich die Grundlage für jedes Zusammenleben.

Und wenn man harte Entscheidungen treffen muss?

Auch dafür gibt es Regeln.

Zählen Sie zum konservativen Seeheimer Kreis der SPD?

Nein. Ich gehöre keinem besonderen Flügel an. Wir können uns solche Kategorien nicht mehr leisten bei der SPD, dafür sind wir einfach zu wenige. Deswegen bin ich froh um die Wahl von Andi Stoch zum Parteivorsitzenden.

Nachdem Andreas Stoch Nachfolger von Leni Breymaier geworden ist: Geht die SPD vom gewerkschaftsnahen linken Flügel zum rechten oder mittleren Flügel?

Bei knapp über zwölf Prozent funktioniert das so nicht. Wir alle wissen, dass es künftig in der SPD ans Eingemachte geht, und es wird uns auch niemand von außen helfen. Die Schärfe des Wettbewerbs zwischen Leni Breymaier und ihrem Herausforderer Lars Castellucci fand ich unterirdisch, das geht gar nicht.

Die Landes-SPD wollte immer mit Wirtschaftsthemen punkten. War das ein Fehler?

Wir müssen tatsächlich breit aufgestellt sein. Allerdings muss man sich in einer so wirtschaftsstarken Region wie hier auch um diesen Bereich kümmern. Aber wir müssen unser eigenes Profil finden.

Wie sieht das aus?

Wenn man den Anspruch hat, Volkspartei zu sein, dann geht es mir nicht um die Kategorie Arbeiter oder Manager. Mein Bestreben ist es, da zu sein für die anständigen Leute. Vom anständigen Flüchtling über den anständigen Werkarbeiter bis zum anständigen Manager. Wenn das gelingt, dann werden wir auch gebraucht.

Das würden doch auch Grüne und Unionspolitiker auch so unterschreiben.

Die SPD hat Hartz IV eingeführt, Frau Merkel schafft die Wehrpflicht ab und schaltet die Atomkraftwerke aus. Es ist für die normalen Menschen kaum mehr nachvollziehbar, wie die Parteien sich unterscheiden. Ich glaube jedoch, die SPD bringt schon noch ein bisschen etwas mit, was die Gesamtsicht betrifft, schließlich laufen wir unter dem Siegel „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.“ Denn wir leben in einer Zeit, in der die Solidarität fehlt.

Das erinnert mich an das „Sozial, sicher, frei“ der CDU in den achtzigern Jahren.

Das liegt sicher auch an der Ära Merkel begründet, dass man das Gefühl hat, die Parteien sind sich alle ähnlich, sie sagen alle das Ähnliche. Diese Unterscheidung zu finden, für was braucht es uns denn? Das ist schon eine Herausforderung.

Was wird Nicolas Fink anders machen als sein Vorgänger Wolfgang Drexler?

Wenn man überlegt, wie erfolgreich Wolfgang Drexler über viele Jahrzehnte war, dann kann man sich nicht hinstellen und sagen, „ich mache jetzt alles anders“, sondern ist froh, wenn man an diese Erfolge anknüpfen kann. Wenn ich allerdings so bleiben kann, wie ich bin, dann werde ich eine gewisse Gelassenheit, einen großen Optimismus und eine große Fröhlichkeit in die Politik und in die SPD bringen. Und das können wir gerade gut brauchen.

Die Landes-SPD ist auch abhängig von der politischen Großwetterlage.

Wir sagen ja auch, uns fehlt der Rückenwind aus Berlin. Aber ich denke, wenn der fehlt, dann müssen wir halt von unten Wind machen. Wir haben nächstes Jahr Kommunalwahlen, und es muss uns erst einmal selber wieder Spaß machen, für die Partei zu arbeiten. Was wir mit Andi Stoch und Sascha Binder als Generalsekretär hingekriegt haben, ist ein gutes Signal für die Landesebene.

Werden die Gewerkschaften und die SPD weiterhin ein Verbund bleiben?

Sie müssen, es ist ganz wichtig, weil die Gewerkschaften für den solidarischen Teil unserer Gesellschaft stehen. Aber nochmal: Der Anspruch muss sein, für eine breite Masse der Bevölkerung zu arbeiten.

Warum soll ich SPD wählen, wenn mir Grüne und Schwarze ebenso versprechen, eine Partei für alle zu sein?

Das Versprechen muss aber auch eingelöst werden. Das ist das Spannendste in der Politik. Und da gibt es den sehr richtigen Satz: Grün muss man sich auch leisten können. Ich finde die inhaltliche Annäherung von Grünen und CDU fast schon erschreckend. Und es gibt eine Menge Menschen, die sich Grün nicht leisten können, und die brauchen uns.

Man hatte Sie ja auch als Nachfolger von Jürgen Zieger als Oberbürgermeister von Esslingen gehandelt.

Das ehrt mich, aber man hat mich schon für alle möglichen Ämter gehandelt. Lieber werde ich für etwas gehandelt, als dass die Leute sagen, „bloß der nicht“.

Werden Sie wegziehen?

Bin ich schon, Richtung Jägerhaus in Esslingen. Das macht einen Sinn bei der Konstellation des Wahlkreises mit dieser dominanten Stadt Esslingen. Esslingen ist wohl der Ort im Wahlkreis, wo man leben muss, um nahe an den Menschen zu sein. Andererseits wollte ich mein soziales Umfeld auf dem Schurwald nicht verlieren.

Wolfgang Drexler galt ja als Anwalt der kleinen Leute.

Es geht darum, den Alltag der Leute zu verbessern. Und da ist vielleicht manchmal die Bushaltestelle vor der Tür wichtiger als Fragen über die Gesetzgebung der Wehrpflicht. Man muss gucken, was beschäftigt die Leute im Alltag. Das war auch mein Anspruch als Bürgermeister.

Wie haben Sie den Alltag in Aichwald verbessert?

Große Themen waren die Aichwald Card für sozial Schwache, wir hatten als erste Gemeinde im Kreis einen Bürgerbus, wir bauten das Ärztehaus und wir bauten das weltweit einzige Jugendhaus mit integrierter Sternwarte, wir haben die alten Rathäuser bewahrt und vieles mehr. Es war mir keinen Tag langweilig im Amt, und ich hätte noch Ideen für weitere 20 Jahre.

Was braucht das Land?

Führung und Zusammenhalt.

Schafft das Kretschmann nicht?

Nein, Kretschmann ist sehr präsidial. Führung bedeutet eben auch, Ideen zu haben. Es geht nicht nur drum, Überschriften zu produzieren, sich in Fernsehsendungen gut zu verkaufen und sich als neuen Macher des Konservativen darzustellen. Eigentlich ist Politik immer ein Alltagsgeschäft. Und wenn ich sehe, wie viele Dinge nicht funktionieren: Fahrverbote, Kitagebühren, Lehrerversorgung an den Schulen, das Miteinander mit den Kommunen, die Digitalisierung, das muss man halt handwerklich umsetzen. Machen. Einfach machen.

Warum sind Sie in die SPD eingetreten?

Sie kennen ja noch die beiden Plattenläden „Lerche“ in der Stuttgarter Königstraße. Man ging immer von der unteren „Lerche“ in die obere, um Platten zu kaufen. Dazwischen lag der Schlossplatz und auf dem hatte gerade Oskar Lafontaine eine großartige Rede gehalten. Das war die Zeit der Wiedervereinigung, eine hochpolitische Zeit und Helmut Kohl war da eher eine Reizfigur. Ich bin zu den Jusos gestoßen, und vor allem in ihre Fußballmannschaft. In die SPD eingetreten bin ich dann 1999, so bin ich in den Hochdorfer Gemeinderat gekommen und war mit Abstand der Jüngste.

Mussten Sie sich in der SPD durchsetzen?

Das muss man sich immer. Wir leben in einer Zeit, in der man die Komfortzone verlassen und für die Demokratie einstehen muss. Klar, es ist leichter, aus dem Rathaus heraus kluge Ratschläge an Land und Bund zu verteilen. Aber wenn man selbst die Möglichkeit hat, auf anderer Ebene zu agieren, dann muss man sich auch hinstellen.

Sind schon Nachfolger für den Aichwalder Bürgermeister in Sicht?

Nein, aber wir haben schon die Stellenausschreibung beschlossen.

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