Man sollte sich manches Familienerbstück genauer anschauen. Eine Berliner Journalistin wirft einen erhellenden Blick auf ein Thema, was bisher verschwiegen wurde.
Solch einen erfolgreichen Urgroßvater können nicht viele vorweisen. Carl Bödiker aber scheint ein wahrlich tüchtiger Mann gewesen zu sein. Zunächst machte der Kaufmann in Hamburg seine Geschäfte, aber schon bald schnürte er sein Bündel und expandierte erst in China, dann in Afrika. Dass er es zu etwas gebracht hatte, demonstrierte er daheim in Hamburg mit einer noblen Villa an der Außenalster, die er mit Souvenirs dekorierte, mit Truhen, Vasen, Porzellan oder auch einem chinesischen Paravent.
Ebendieser Paravent landete irgendwann bei Nicola Kuhn, der Urenkelin von Carl Bödiker. Nach der Auflösung des Elternhauses übernahm sie das schöne Stück – samt der Legende, dass er ein Geschenk des chinesischen Kaisers gewesen sei. Nicola Kuhn ist Kulturredakteurin beim Berliner „Tagesspiegel“ – und während Corona hatte das Kulturressort die Idee, persönliche Objekte genauer ins Visier zu nehmen. Sie wählte ihren chinesischen Paravent aus – da sie sich als Kulturjournalistin auch viel mit Raubkunst befasst hatte, dämmerte ihr bald, dass hinter diesem Wandschirm eine düstere Vergangenheit lauert.
Gerhard Ziegenfuß hat einen Totenschädel geerbt
Und tatsächlich: Bödiker war „in China indirekt am Tod Tausender Menschen beteiligt“, wie Nicola Kuhn in ihrem eben erschienenen Buch „Der chinesische Paravent“ schreibt, in dem sie aufarbeitet, „wie der Kolonialismus in deutsche Wohnzimmer kam“. Denn sie ist keineswegs die Einzige, die ein heikles Erbstück weitergereicht bekam, weshalb Kuhn in ihrem Buch weitere Familiengeschichten erzählt, die in die Kolonialzeiten zurückreichen – zum Beispiel von Gerhard Ziegenfuß. Er hat von seinem Großonkel einen Schädel eines Herero geerbt. Wenn in jüngerer Zeit über den Kolonialismus gesprochen wurde, so ging es vor allem um die deutsche Kolonie im heutigen Namibia und den Völkermord an den Herero und Nama. Der Uropa von Nicola Kuhn war auch hier involviert und machte in Deutsch-Südwestafrika beste Geschäfte, weil er das Militär versorgte.
Nebenbei gründete er eine Handelsfiliale, um Felle, Häute, Hörner und Federn nach Deutschland zu liefern. Dass Carl Bödiker diesen Auftrag, die kaiserlichen Truppen zu versorgen, aber überhaupt erhielt, lag an seinem guten Ruf, den er sich in China erarbeitet hatte. Auch dort hatte er bereits für das Wohl der Deutschen gesorgt.
China verschweigt das Thema – aus Scham
Mit China beleuchtet Nicola Kuhn nun ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, das bislang weniger Beachtung findet, denn einerseits handelte es sich bei der deutschen Kolonie um ein eher kleines Gebiet.
Andererseits hat China bisher keine Rückgabeforderungen gestellt, sondern schweigt lieber, weil man dieses historische Kapitel als Demütigung erlebt.
Nachdem Deutschland bereits Kolonien in Afrika und Ozeanien hatte, verleibte man sich 1898 ein rund 500 Quadratkilometer großes Gebiet ein.
Für ihren Urgroßvater sei der Kolonialismus „ein Glücksfall“ gewesen, schreibt Nicola Kuhn. „Allein im dicht besiedelten China warteten nach Vorstellung europäischer Handelsunternehmen 400 Millionen Menschen als künftige Kunden.“ Man war aber auch auf Bodenschätze aus. Als 1909 in der Lüderitzbucht die ersten Diamanten gefunden wurden, war auch Carl vor Ort und einer der Mitbegründer der Vereinigten Diamantengesellschaft.
In Tsingtau lebte man fast wie daheim in Deutschland
In Tsingtau wollte man eine Art Musterstadt errichten. Die Deutschen lebten fast wie daheim – mit Architektur im wilhelminischen Stil und Straßennamen wie Friedrich-, Albert- und Kronprinzenstraße. Es wurden ein Hafen gebaut, eine Eisenbahnlinie und eine Kanalisation, die allerdings nur dem „Europäer-Viertel“ zugutekam. Es herrschte deutsches Recht, für die Einheimischen galt dagegen eine „Chinesenordnung“. Sie wurden umquartiert und durften nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen.
Das blieb nicht ohne Gegenwehr: 1900 kam es zum Boxerkrieg, bei dem sich eine chinesische Kampfsportgruppe gegen die Besatzungsmächte auflehnte. Die Europäer rüsteten auf, und nach 55 Tagen wurde der Aufstand niedergeschlagen.
Verdächtige wurden hingerichtet, außerdem sollen wahre „Orgien der Plünderung“ stattgefunden haben, so Kuhn. „Hunderte Artefakte gelangten durch die Raubzüge auf direktem Wege oder über den Kunsthandel in deutsche Museen, wo sie noch heute aufbewahrt und ausgestellt werden“, schreibt sie.
Auch Privatleute nahmen Kulturgüter mit
Aber auch Soldaten, Missionare und Händler wie Carl Bödiker haben Erinnerungsstücke behalten, wobei sie deren Herkunft nicht interessierte.
Während der Schädel, den Gerhard Ziegenfuß erbte, inzwischen mit weiteren Exemplaren von der Bundesregierung an Namibia zurückgegeben wurde, steht der chinesische Paravent immer noch bei Nicola Kuhn. Sie weiß inzwischen, dass er sicher kein Geschenk des chinesischen Kaisers war – und hofft, dass ihr Buch den Weg ebnet, ihn zurückzugeben.
Sie fände es schön, wenn sich jemand aus China melden würde, damit der Paravent dahin kommt, wo er besser hingehört als in ihr Wohnzimmer.
Nicola Kuhn: Der chinesische Paravent. 368 Seiten, dtv. Hardcover 25 Euro, E-Book 19,90 Euro.