Nico Schmid ist der jüngste Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart – und liegt bei manchen Fragen über Kreuz mit seiner katholischen Kirche. Was treibt ihn an?
Zehn Minuten braucht Nico Schmid von seinem Büro im Schwäbisch Haller Teilort Steinbach hinauf zum Kloster Großcomburg, das als Wahrzeichen über der Stadt thront. Der Anstieg ist sehr steil und rutschig an diesem regennassen Tag. Schmid muss beim Reden oft Luft holen.
Der 29-Jährige hat viel zu erzählen. Er spricht von der Hoffnung, die der Glaube bringt. Von der Liebe Jesu Christi. Von der unvergleichlichen Gemeinschaft einer Kirchengemeinde. Von durchzechten Nächten als Student, seiner Leidenschaft für die Oper und vom Glück, Onkel sein zu dürfen.
Oben angekommen, geht es durch einen großen Torbogen in die 900 Jahre alte Anlage. Zwei Kapellen gibt es hier, einen Kreuzgang, makellose Gärten und einen 400 Meter langen Wehrgang mit Wachtürmen und hohen Mauern – irgendwann hatte man hier wohl die Sorge, dass die Tore eingerannt werden. Es sei immer schwerer, die Menschen von der Bedeutung des Glaubens zu überzeugen, wenn es nicht genügend Geistliche gibt, sagt Nico Schmid und öffnet die Tür zur prachtvollen Stiftskirche Sankt Nikolaus mit ihrem barocken Baldachin, der über den Figuren des Hochaltars zu schweben scheint, dem goldenen Radleuchter, der zu den kostbarsten Kunstschätzen des Landes zählt, der funkelnden Altarverkleidung aus Gold, Silber, Email und geschliffenen Steinen, die das Jüngste Gericht zeigt.
Nicht nur die Zahl der Katholiken sinkt in Deutschland dramatisch, immer weniger junge Männer wollen Geistliche werden und ihr Leben kirchlicher Strenge unterordnen. Auch Nico Schmid hatte Zweifel. Aber er erkannte darin seine Berufung, die für ihn Freiheit ist und nicht Enge.
Wann fängt ein Mensch eigentlich an zu glauben? Nico Schmid schon in der frühen Kindheit. Genauer: in der Stube seiner Großmutter. Nico wächst in einem kleinen Ort bei Schwäbisch Gmünd auf, seine Kindheit ist gespickt mit schönen Erinnerungen an die Kirche. Die Gemeinde sei ein Treffpunkt gewesen, alle hätten sich gegenseitig unterstützt. „Ich war auch gerne Ministrant, das hat mich irgendwie ruhiger und zufriedener gemacht“, erzählt er. Einen Zwang, in die Kirche gehen zu müssen, habe er nie verspürt. Seine Eltern – die Mutter evangelisch, der Vater katholisch – drängten ihn zu nichts. „Im Nachhinein glaube ich, das war mitentscheidend.“
Seine Oma lebt ihm den Glauben vor
Seine Oma Monika lebt damals mit der Familie unter einem Dach und ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Kein Grund für sie, großes Aufhebens darum zu machen. „Sie war immer so positiv, sie hatte ein grundlegendes Vertrauen in Gott und in das Leben.“ Diese Stärke, die seine Großmutter aus ihrem Glauben schöpfte, fasziniert Nico Schmid bis heute. Auch als Jugendlicher bleibt er der Kirche treu. Und er spielt Handball, geht in den Posaunen-Unterricht, zieht an den Wochenenden um die Häuser mit Freunden. Verpasst habe er gar nichts, sagt Nico Schmid. „Ich war ein richtiges Dorfkind, mit allem, was dazu gehört. Und darauf bin ich auch ein bisschen stolz.“
Nach dem Abitur setzt er seinen Weg in der Kirche fort, die ihm bis dahin so viel gegeben hat. 2014 zieht Schmid ins Tübinger Wilhelmsstift, ein altehrwürdiges Haus für angehende Priester. Es sei eine unbeschwerte Zeit gewesen mit vielen Freiheiten, mit Feiern und Diskussionen bis in den Morgengrauen. In dieser Zeit hat Nico Schmid auch Beziehungen zu Frauen. Die scheitern dann zwar irgendwann – jedoch nicht wegen seines Berufswunsches, wie er betont. „Das ist auseinandergegangen, wie Beziehungen in diesem Alter eben auseinandergehen.“
Während sich sein Wille, Priester zu werden, immer mehr festigt, gibt es Weggefährten, deren Weichen schließlich in eine andere Richtung führen – weil sich ernsthaft verlieben oder auch in ernsthafte Glaubenskonflikte fallen. Die Auseinandersetzung mit sich, Gott und der Kirche dürfe man nicht unterschätzen, sagt Schmid. „Gerade die, die am überzeugtesten in das Seminar gehen, wirbelt es am meisten herum.“ Wer gehen wollte, ging ohne großes Drama, sagt Schmid. Reisende soll man nicht aufhalten – und schon gar nicht überreden müssen, Priester zu werden.
„Auch ich hatte meine Zweifel, vor allem als die Missbrauchsstudie aufkam“, sagt Nico Schmid. Es ist 2018, das Jahr der sogenannten MHG-Studie. Die Stimmung im Wilhelmsstift ist bedrückend, die angehenden Priester diskutieren, gehen die Studie durch und diskutieren weiter. „Ich habe mich gefragt, ob ich in dieser Kirche leben, arbeiten und mich engagieren kann – mit dem Wissen, dass sie so vielen Menschen so viel Leid angetan und das dann auch noch vertuscht hat.“
„Der Beruf wird immer unattraktiver“
Der Rückgang der Priesterweihen in Deutschland ist eklatant. Während in den 1960ern jährlich mehr als 500 Männer zu Priestern wurden, waren es 2012 noch 79, im vergangenen Jahr schließlich nur noch 35 – davon drei in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Wegen der fehlenden Priester gibt es in so gut wie allen Diözesen große Umstrukturierungsprozesse – bis hin zu „XXL-Gemeinden“, wie Ursula Nothelle-Wildfeuer, römisch-katholische Theologin und Professorin für Praktische Theologie an der Universität Freiburg, es nennt. Mit den immer größeren Gemeinden wachse der Verwaltungsaufwand für die Priester, denen in der Folge immer weniger Zeit für Seelsorge, die Eucharistie sowie die Gemeinschaft bleibe. „Der Beruf wird immer unattraktiver.“
Dennoch, kritisiert Nothelle-Wildfeuer, halte die katholische Kirche daran fest, Priestern die Ehe und Frauen das Priesteramt zu verwehren. Die theologische Begründung dafür verfange schon lange nicht mehr in der Gesellschaft. So nehme die katholische Kirche billigend in Kauf, dass Priester überarbeitet sind, Gottesdienste ausfallen, Gemeinden auseinanderbrechen und die Seelsorge vernachlässigt wird, sagt Nothelle-Wildfeuer. „Im Grunde hängt die katholische Kirche das Zölibat aktuell höher als die Eucharistie.“
Der Missbrauchsskandal verändert auch Nico Schmid. Er muss schmerzlich begreifen, dass die Kirche nicht ausschließlich die herzliche Wohlfühlwelt ist, die er in seiner Kindheit erlebt hat. Der Glaube kann einem himmlische Kraft schenken, wie seiner Oma Monika. Aber die Zweifel können einen auch zu Boden reißen. Doch Nico Schmid macht weiter und bleibt seiner Kirche treu. Jetzt erst recht, denkt er sich. Er will zeigen, wie Glaube richtig vorgelebt wird. Zeigen, dass die Botschaft Jesu Liebe ist, nicht Unterdrückung.
Nach Jahren im Studium und im Priesterseminar erhält Nico Schmid im Jahr 2022 seine Priesterweihe. Die Kirche ist nun endgültig sein Leben, obwohl er findet, dass sie oft zu viel Raum einnimmt, der eigentlich dem Glauben gehören sollte. Auch Widersprüche bleiben. Die Segnung für homosexuelle Paare: Für ihn lange überfällig. Der Umgang mit den Frauen: „Ich darf ins Priesterseminar und mich dort tiefgehend mit meinem Glauben auseinandersetzen, Frauen aber nicht. Das halte ich für falsch“, sagt Schmid.
„Es braucht kein Pflichtzölibat“
Und das Zölibat? Im Moment sei es das Passende für ihn, sagt Schmid. Familie habe er ja: seine Eltern, die Schwester, seinen Neffen und seine Nichte. Das Leben ohne eine Partnerin gebe ihm die Freiheit, seine Gemeindemitglieder ganz nah zu begleiten und sich mit seinem eigenen Glauben auseinanderzusetzen. „Aber“, sagt Schmid, „dafür braucht es kein Pflichtzölibat.“ Priester sollten die Freiheit haben, sich zu entscheiden. In gebeutelten Regionen wie Europa könnte sich die Weltkirche dann der Lebensrealität vor Ort anpassen, während man in Asien oder Afrika, wo sowohl die Zahl der Gläubigen wie auch der Priester wächst, am dort angesehenen Zölibat festhalten könnte.
Schmid ist pragmatisch, eine Eigenschaft, die er an seiner Kirche mit ihrer scharfen Trennlinie zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis etwas vermisst. „Man muss sich frei machen von einer allzu starren Einteilung in richtig und falsch“, sagt Schmid. „Klar, eine Grundspur ist vorgegeben. Es gibt aber viele verschiedene Wege, dieser Spur zu folgen.“ Vom Priestertum, dem Leben im Zölibat und dem Glauben ist er überzeugt, sonst stünde er nicht am jetzigen Platz. „Aber Menschen verändern sich und kriegen neue Überzeugungen.“ In Stein gemeißelt ist für ihn nichts.
Nico Schmid schließt die Tür der Nikolauskirche, es geht wieder hinunter in die Stadt, zu seinem Büro und den Menschen. „Das Kerngeschäft der Kirche ist immer noch gefragt“, sagt er. In einer individualisierten und leistungsgetriebenen Welt suchten Menschen nach Orientierung und Gemeinschaft. Bei Beerdigungen, bei der Kommunion oder der Taufe spürt er sie besonders: die Dankbarkeit der Menschen.
Der jüngste Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist optimistisch, dass sich alles zum Guten wendet. „Wir dürfen aber nicht mit der Dampfwalze ran“, sagt er. „Die katholische Kirche muss einen Weg finden, mit den Gläubigen ins Gespräch zu kommen. Einen Weg des Verständnisses.“ Dass das bereits seit Jahrzehnten versucht wird, ist ihm bewusst. Einen besseren Weg kennt er nicht.