Die Silberpfeile nehmen in dieser Saison Kurs auf den WM-Titel – den ersten seit 1955. Kurz vor dem Heim-Grand-Prix am Hockenheimring haben Mercedes-Pilot Nico Rosberg und Motorsportchef Toto Wolff beim Treffpunkt Foyer unserer Zeitung einen Stopp eingelegt – und erneut Gas gegeben. Zumindest verbal.

Stuttgart - Nico Rosberg erlebt mit den Silberpfeilen derzeit Sternstunden in der Formel 1. Und das liegt nicht nur am neuen Helm-Design, wie er am Mittwochabend beim Treffpunkt Foyer der Stuttgarter Nachrichten vor 720 Zuschauern verriet. In dieser Saison haben sie von bislang acht Rennen sieben gewonnen und dabei sogar sechs Doppelsiege gefeiert.

Der WM-Titel, da sind sich alle Experten einig, geht 2014 an die Marke mit dem Stern. Vielleicht auch an den Fahrer Nico Rosberg? „Warum nicht“, meint der gebürtige Wiesbadener, dessen Vater Keke 1982 schon Weltmeister war. Nico ahnt: Es könnte sein Jahr werden. Erst die Hochzeit mit Dauerfreundin Vivian Sibold, dann der WM-Pokal, zwar nicht auf dem Helm, aber dafür in den Händen der befreundeten deutschen Kicker, die Vertragsverlängerung bei Mercedes – und bald noch der erste eigene WM-Titel?

„Ich habe ein wahnsinnig gutes Auto. Wenn ich die Leistung bringe, kann ich ihn dieses Jahr holen“, sagt Nico Rosberg im Brustton der Überzeugung. Und dann fügt er noch etwas an, dass die Konkurrenz nicht gerne hören wird. „Wir haben die Chance, unseren Sport über Jahre zu dominieren.“

Es ist zugleich das erste Mal, dass Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (42) die Augen zusammenkneift. Die Aussage seines Fahrers geht ihm doch ein wenig zu weit. Jedenfalls legt der smarte Österreicher, ein Vernunftmensch, eine Vollbremsung hin und gibt zu: „Wir haben aber auch Defizite – zum Beispiel bei der Simulation fehlt es uns an Know-how und Ressourcen.“

Deshalb will Wolff sein Team weiter verbessern. Auf jeder Position soll der beste Mitarbeiter sein. Das sei vor seiner Zeit, Wolff kam 2013 zu Mercedes, nicht der Fall gewesen. „Wir wollen keine Mannschaft von Sechsjährigen, die alle wie ein Knäuel dem Ball hinterherrennen, wir wollen vielmehr den Ball laufen lassen.“

Für die Konkurrenz hört sich das an wie Jammern auf hohem Niveau. An Schwächen mag beim aktuellen Mercedes F1 W05 Hybrid kaum jemand glauben. Der Rennstall hat den Wechsel in die neue Turbo-Generation vor der Saison am besten hinbekommen und greift nun nach den Sternen. Vier Jahre nachdem Mercedes als Werkteam in Eigenregie in die Formel 1 zurückgekehrt war, ist es nun drauf und dran, an die großen Erfolge der 1950er Jahre mit dem legendären Juan Manuel Fangio anzuknüpfen. Die Sehnsucht nach dem Titel ist in Stuttgart jedenfalls riesig. Das ist an diesem Abend spürbar.

Doch ausgerechnet jetzt geht es zum Hockenheimring. Seit 60 Jahren hat kein Silberpfeil eines reinen Mercedes-Werkteams mehr den Grand Prix von Deutschland gewonnen. Nico Rosberg will diese lange Durststrecke beenden. Vor allem nach seinem Getriebeschaden im letzten Rennen in Silverstone. „Hockenheim ist neben Monaco mein Heimrennen, und natürlich will ich vorne sein“, sagt er und schenkt sich, Motorsportchef Wolff und Sportredakteur Jürgen Kemmner, der durch den Abend führt, ein Glas Wasser ein. Lange genug ist man auf dem Trockenen gesessen. Keine Frage: Nett ist er, dieser Nico Rosberg, der da oben auf der Bühne in Bluejeans und Sneakers sitzt. Charmant, zuvorkommend, ehrlich, aber auch um keinen Spruch verlegen.

Wie er sein Verhältnis zum Teamkollegen Lewis Hamilton, mit nur vier Punkten in der WM-Wertung Rückstand zugleich sein ärgster Konkurrent, sehe, wird er gefragt, nachdem kurz zuvor die Zuschauer in den Genuss der Weltpremiere des neuen Formel-1-Clips von Mercedes gekommen sind. „Generell neutral“, meint Rosberg trocken und nippt am Glas. Das anschließende Lachen des Publikums hat die Lautstärke eines Rennwagens auf der Zielgeraden – und zwar die eines Formel-1-Autos vor der leiseren Turbo-Ära. Auch Toto Wolff schmunzelt. Wobei – der Ehrgeiz seiner Piloten birgt Gefahren. Aber der Motorsportchef beschwichtigt: „Nico und Lewis wissen, dass sie der Marke nicht schaden dürfen. Der Erfolg des Teams steht über allem“, sagt er, doch er weiß auch, dass Hamilton und Rosberg keine Freunde werden müssen. „Ich kenne keinen von den erfolgreichen Fahrern, die Lust hätten, mit ihren Konkurrenten ein Bier trinken zu gehen – mal davon abgesehen, dass sie gar kein Bier mehr trinken dürfen.“

Da war sie wieder, eine dieser süffisanten Spitzen gegen seine Piloten. Die müssen ja in dieser Saison wegen des neuen Reglements, das das Gewicht des Autos beschränkt, auf ihre Linie achten. „Ich darf ja keine Pizza mehr essen, eigentlich darf ich ja gar nichts mehr essen“, mosert Rosberg, der vor der Saison bereits vier Kilogramm abgenommen hat. Toto Wolff hat dabei seine „sadistische Ader“ entdeckt: „Manchmal essen wir ein Eis vor den Jungs“, verrät er, „nicht nur ab und zu.“ Nico Rosberg wird jedenfalls erst nach dem Titelgewinn sündigen. Und dann spätestens 2015 mit dem eigenen Stern auf dem Helm fahren – ohne Einwände der Fifa.

Mehr über die Vertragsverlängerung von Nico Rosberg bei Mercedes finden Sie hier.

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