Nick Mason am Schlagzeug mit Guy Pratt, Lee Harris und Gary Kemp (v. li.) in der Liederhalle. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Drummer Nick Mason hat die frühen Pink-Floyd-Schätze in der Liederhalle kongenial und rauschhaft geborgen. Dabei bekommt auch sein früherer Bandkollege Roger Waters sein Fett weg.

Irgendwann gegen Ende des ersten Aktes klingelt plötzlich ein Telefon. Zunächst sieht sich der Saal geschlossen nach dem Frevler um. Dann die Erkenntnis: Es ist das Telefon von Schlagzeuger und Bandleader Nick Mason. Am anderen Ende der Leitung quakt, mit verzerrter Donald-Duck-Stimme, ein aufgebrachter Roger Waters. Wo zum Henker denn sein Gong sei, verlangt er zu wissen. Mason, der direkt vor besagtem Gong sitzt, wimmelt ihn ab, er wisse es nicht.

 

Dieser Gong ist sehr wichtig für die Band. 1971 verschanzen sich Pink Floyd für einige Tage in den Ruinen von Pompeji. Sie schicken ihren kosmischen Sound in die Welt hinaus, ein singuläres Ereignis, das 1972 auch als Konzertfilm erscheint. Mittendrin in der Darbietung: Der mächtige Gong. Den hat stets Bassist und Sänger Roger Waters gespielt. Gute 50 Jahre später darf ihn endlich Nick Mason rühren. So zumindest erzählt der Schlagzeuger den 1500 Menschen in der Stuttgarter Liederhalle.

Alles vor „The Dark Side Of The Moon“ ist erlaubt

Seit 2018 tourt Nick Mason mit seiner Band Saucerful of Secrets, benannt nach dem zweiten Pink-Floyd-Album von 1968, durch die Welt. Wo er auch ist, begeistert er Konzerthallen mit dem entrückten, stellaren Frühwerk von Pink Floyd. Alles vor „The Dark Side Of The Moon“ ist erlaubt, dem Album also, das 1973 erschien und sich fast 50 Millionen Mal verkaufte. Mason birgt mit seiner Band die Schätze, die viele wahrscheinlich gar nicht kennen. Und auch das Publikum in Stuttgart immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt.

Zweieinhalb Stunden lang zaubert der Drummer mit seiner grandiosen Band, der unter anderem Gitarrist Gary Kemp von Spandau Ballett und Weltklassebassist Guy Pratt angehören. Im ersten Akt vielleicht einen Tick zu laut, und doch in einen Sound gebettet, so außerirdisch und fern wie ein Konzert auf einem fremden Planeten. Gut anschnallen: Schon der Einstieg mit dem Space-Rock-Mutterschiff „Astronomy Domine“ ist ein unvergleichlicher Trip jenseits der Grenzen von Raum und Zeit.

Alles an diesem Abend habe damit zu tun, zurückzuschauen, sagt der 80-jährige Mason, der einzige, der auf allen Alben von Pink Floyd zu hören ist. Aber das sei ja eh en vogue mit dem Zurückschauen, ergänzt Guy Pratt. Das mache ja sogar schon Taylor Swift. Doch wenn Nick Mason zurückschaut, dann denkt er an die tragische Figur des Syd Barrett, der die frühen Pink Floyd prägte wie kein Zweiter und nach einer Überdosis LSD in der Psychiatrie landete. Mit seiner isolierten Stimme vom Band spielen sie „Remember Me“, einen Song, den die Band 1965 aufnahm, als sie noch The Tea Set hieß und Rock’n’Roll gespielt hat. Ein bewegender, jenseitiger Moment.

Mit dem beschwörenden Trance-Ritual „Set The Controls For The Heart of The Sun“ endet Akt eins, und schon da denkt man, dass da ja nicht mehr viel kommen soll. All das wird dann aber überstrahlt, und das vollkommen zurecht, zum Ende von Akt zwei: „Echoes“ in Originallänge. 23 Minuten pure kosmische Ekstase, ein wogendes, lebendiges Wesen, das die Liederhalle endgültig ins All schießt. Zurück bleibt ein bewegtes Publikum, das in den zweieinhalb Stunden einen Eindruck von der Unendlichkeit bekommen hat.