Drei der fünf ehrenamtlichen Helfer aus Gerlingen: Jürgen Groß, Alexander Killer und Sabine Schilke sind genauso dankbar für das neue Einsatzfahrzeug wie der Vorsitzende des Ortsvereins, Thilo Lang (links). Foto: factum/Granville

Ehrenamtliche des Roten Kreuzes übernehmen in immer mehr Kommunen eine Aufgabe, die Leben retten kann: Sie helfen Menschen in einer akuten Notsituation, bevor der Rettungsdienst eintrifft. In 27 der 39 Kreiskommunen ist das so.

Strohgäu - S ie haben knallrote Jacken und jetzt ein Auto mit knallroten Streifen: Zwei Frauen und drei Männer des Roten Kreuzes in Gerlingen sind die „Helfer vor Ort“. Sie helfen in der Stadt Menschen, die in einer medizinischen Notsituation sind. Damit sie schnell bei ihren Patienten sind, hat der DRK-Ortsverein Gerlingen sich ein Einsatzfahrzeug gekauft. Die „Helfer vor Ort“ gibt es in vielen Kommunen des Kreises – als freiwillige Ergänzung des Rettungsdienstes von gut ausgebildeten Rotkreuzlern angeboten. Das ist vor allem dort sehr wichtig, wo der hauptamtliche Rettungsdienst lange Anfahrtswege hat. Der DRK-Landesverband und das Innenministerium sind darüber froh.

Experten nennen es „therapiefreies Intervall“: Die Zeit, die zwischen einem Notruf und dem Eintreffen von Rettungswagen und/oder Notarzt beim Patienten vergeht. Im besten Fall sind das fünf Minuten, es können aber auch zehn oder gar 15 sein – bei akut lebensbedrohlichen Erkrankungen wie einem Herz-Kreislauf-Stillstand viel zu lang. Deshalb ist die beste erste Hilfe die von Menschen, die direkt beim Patienten sind, oder von denjenigen, die in kürzester Zeit da sind. In jedem Ort dafür geschulte Helfer zu haben, ist der Grundgedanke des „Helfers vor Ort“. Viele Ortsvereine des Roten Kreuzes haben in den vergangenen Jahren solche Gruppen gegründet.

Den Dienstwagen im Blick

Die erste im Strohgäu gab es im Jahr 2000 in Münchingen. „Wir haben zehn Aktive in dieser Gruppe“, berichtet der stellvertretende Bereitschaftsleiter Gerhard Hahl, „2017 hatten wir 160 Einsätze“ – also jeden zweiten Tag einen Alarm. Alle Helfer werden alarmiert; wer den Einsatz übernimmt, verständigt per Handy die anderen. Die Helfer fahren mit dem eigenen Auto zum Einsatzort; dabei müssen sie sich an die Verkehrsregeln halten. „Wir überlegen, einen Dienstwagen zu kaufen“, sagt Hahl.

In Gerlingen hat der Ortsverein 2017 eine Helfer-vor-Ort-Gruppe gegründet und erfahrene Mitglieder dafür ausgebildet. Fünf stehen nun parat – und sie machten im Probelauf seit August laut ihrem Vorsitzenden Thilo Lang eine Erfahrung: „Wir standen mit dem Privatauto oft minutenlang im Stau, und dabei fuhr der Rettungswagen mit Signal an uns vorbei.“ Das heißt: Der Zeitvorteil des örtlichen Helfers war perdu. Dabei habe es bei den ersten 70 Alarmen genug Einsätze gegeben, bei denen Eile geboten war.

Das war Lang und seiner Truppe Ansporn genug, das Spenden-Sparbuch hervorzuholen und ein offizielles DRK-Einsatzauto für die „Helfer vor Ort“ zu bestellen. Die Stadt gab für die Anschaffungskosten von 35 000 Euro einen Zuschuss von zehn Prozent, und vor wenigen Tagen wurde der BMW in einem örtlichen Autohaus abgeholt. Der Bürgermeister Georg Brenner dankte den Rotkreuzlern; es sei „ein Dienst für die Mitbürger, der nicht selbstverständlich ist“ und „eine großartige Leistung von Menschen, die das aus sozialem Antrieb machen.“ Sabine Schilke ist eine der fünf, die den Dienst übernehmen. Für sie sei das „eine neue Herausforderung“ nach 40 Jahren beim DRK; die Erfahrungen der ersten Einsätze seien sehr positiv.

Helfer fahren mit Privatwagen

Die Nachbarn in Ditzingen bieten den Helfer-vor-Ort-Dienst seit 2009 an, zur Zeit mit sieben Mitarbeitern. „Es werden immer mehr Alarme“, sagt der Gruppenleiter Lutz Humbert. 2017 waren es 45 Einsätze. Noch würden die Helfer mit dem Privatauto fahren – aber auch sein Ortsverein überlege, sich ein Einsatzfahrzeug zu beschaffen. Mit Sonderrechten fahren zu können, spare ein Drittel bis zur Hälfte der Zeit gegenüber der normalen Fahrt – maximal fünf bis sechs Minuten. Die Zeit aber könne für Patienten lebensrettend sein.

Den Helfer-vor-Ort-Dienst gibt es in 27 Kommunen des Landkreises Ludwigsburg, von Affalterbach bis Walheim. Bei jedem Notruf entscheidet die Leitstelle, ob ein Helfer nötig ist, abhängig von der Art des Notfalls und der Entfernung des nächsten Rettungswagens. Der Kreisverband, so dessen Sprecher Arnim Bauer weiter, stelle hohe Ansprüche an die Qualifikation der ehrenamtlichen Helfer. Der Landesverband des Roten Kreuzes betont, das Helfer-vor-Ort-System sei kein Teil des hauptamtlichen Rettungsdienstes, sondern dessen Ergänzung. „Es ist ein ehrenamtliches, freiwilliges, zusätzliches Angebot der Soforthilfe“, sagt der Sprecher des DRK-Landesverbandes, Udo Bangerter. Im ganzen Land stünden dafür mehr als 4000 Helfer bereit.

Das Innenministerium Baden-Württemberg will eine Verordnung für die „Helfer vor Ort“ herausgeben, um allen Beteiligten Rechtssicherheit zu geben. Darin würden auch die Ausbildung der Helfer, deren Ausstattung, Aufgaben und Fahrtrechte geregelt, heißt es. „Dieses ehrenamtliche Engagement verdient allerhöchste Anerkennung“, so das Ministerium.

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