Nicht zu halten: Leon Draisaitl (links) ist mit gerade einmal 23 Jahren einer der besten Eishockeyspieler der Welt. Foto: Getty

Leon Draisaitl hat sich zu einem der besten Eishockeyspieler der Welt entwickelt. Nun hat er mit seinem 100. Scorer-Punkt Geschichte geschrieben. Wir beschreiben seinen Weg an die Spitze. In unserer Bildergalerie finden Sie dazu die erfolgreichsten deutschen Sportler, die sich über den großen Teich gewagt hatten.

Edmonton - All Star, zweitbester Schütze der Liga, bester deutscher Punktesammler in der Geschichte der nordamerikanischen Profi-Liga – die Rede ist nicht etwa von Basketball-Legende Dirk Nowitzki.

Nein, all diese Attribute vereint Deutschlands bester Eishockeyspieler Leon Draisaitl auf sich. Der 23-Jährige spielt seine fünfte Spielzeit in der NHL und verbucht die erfolgreichste Saison eines deutschen Profis der NHL-Geschichte. In der Nacht auf Freitag gelang dem Star der Edmonton Oilers sein 47. Treffer in dieseer Saison, dazu verbuchte er noch eine Vorlage – in Summe macht das nach 77 Spielen jetzt 101 Scorer-Punkte. Er hat eine Schallmauer durchbrochen, die für Spieler made in Germany unerreichbar schien. Bis er kam. leon Draisaitl. Der profi. der Superstar. Und fliegt doch meist unter dem Radar der deutschen Sportöffentlichkeit.

Auf den Spuren des Vaters

Draisaitl und Eishockey? Da war doch was. Leons Vater Peter ist ehemaliger deutscher Nationalspieler und war bis Januar Trainer der Kölner Haie in der DEL. Einigen dürfte noch sein Penalty-Fehlschuss im Olympia-Viertelfinale von Albertville 1992 in Erinnerung sein, als der Puck gegen Kanada auf der Linie liegen blieb und die DEB-Auswahl die Sensation gegen Kanadas Ausnahmekönner verpasste.

Filius Leon war damals noch nicht geboren. Die Eishockey-Leidenschaft liegt ihm trotzdem im Blut. Dass es nicht immer einfach ist, aus dem Schatten des erfolgreichen Vaters zu treten, weiß auch Leon: „Mal öffnet es Türen, mal weckt es große Erwartungen“, sagt er im Rückblick. Türen öffnete er dank seines Talents auch selbst; die in ihn gesetzten Erwartungen wollte keiner mehr erfüllen als Draisaitl selbst. Schon als Teenager hat er ein Ziel, das der Vater nie erreichte: eines Tage in der NHL zu spielen.

Mit 14 verlässt er das Elternhaus

Diesem Wunsch ordnet er alles unter: Mit 14 verlässt er die Kölner Heimat, wechselt zu den Adlern nach Mannheim, jenem Club, bei dem auch seinem Vater einst der Sprung zu den Profis gelang. Ohne Mama und Papa lernt er früh, auf eigenen Beinen zu stehen und für seine Entscheidungen geradezustehen: „Als ich die Chance hatte, nach Mannheim zu gehen, hat mein Vater gesagt, ich solle selbst entscheiden.“

Dass die Entscheidung für die Jungadler die richtige war, zeigt sich schnell. Er überzeugt in Mannheim, durchläuft die Jugendkader des Deutschen Eishockey-Bundes – und mit 17 locken ihn die Prince Albert Raiders in die kanadische Juniorenliga WHL. Das Ziel NHL rückt unaufhaltsam näher. Technisch gilt der Teenager als begnadet, in Amerika lernt er jedoch schnell, dass er läuferisch und körperlich zulegen muss. Oder wie Draisaitl sagt: „Glücklicherweise habe ich von meinem Papa das Spielverständnis und die Hände in die Wiege gelegt bekommen – aber leider auch seine läuferischen Fähigkeiten.“ Daher galt für ihn in Kanada: „Das Skaten und das Körperspiel musste ich noch verbessern.“

Rookie des Jahres in Kanada

Gesagt, getan. In seiner ersten WHL-Saison wird er 2013 zum besten Neuling gewählt, ein Jahr später gehört er zu den am höchsten eingestuften Nachwuchstalenten auf der ganzen Welt. „Einer wie Evgeni Malkin“, sagt der damalige deutsche Junioren-Nationaltrainer Ron Chyzowski über ihn. Es ist ein großer Vergleich, gilt Malkin doch seit einem Jahrzehnt als einer der begnadetsten Kufencracks der NHL. Auch die Edmonton Oilers erkennen das Talent des jungen Deutschen und ziehen ihn im Sommer 2014 an dritter Stelle im NHL-Draft.

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In Edmonton, wo Eishockey zum Selbstverständnis gehört wie der Karneval in Köln, haben sie Großes vor mit dem damals 19-jährigen Deutschen. An der Seite von Superstar Connor McDavid soll er den einst ruhmreichen kanadischen Club (5 Stanley-Cup-Titel) zu alter Größe führen. Und wie bisher immer in seiner Karriere scheint Draisaitl diesen Erwartungen gerecht zu werden: Im ersten NHL-Jahr pendelt er noch zwischen Nachwuchs- und Profiteam, bereits im zweiten Jahr ist der Center fester Stamm der Oilers, und im dritten Jahr, 2017, steht der Traditionsclub erstmals seit 2006 wieder in den Play-offs. Mit 29 Saisontreffern ist Draisaitl nach McDavid (30 Treffer) zweitbester Schütze seines Teams und hat großen Anteil an diesem Erfolg. Der Lohn: ein Acht-Jahres-Vertrag, der ihm bis 2025 rund 65 Millionen US-Dollar einbringt.

Play-offs langsam außer Reichweite

Im Jahr darauf verpassen die Oilers die Play-offs, auch in diesem Jahr sieht es bei acht Punkten Rückstand auf den letzten Play-off-Platz nicht optimal aus für die Kanadier. An Draisaitl liegt das nicht: 40 Saisontore hat er bereits erzielt, nur die lebende Legende Alex Ovechkin traf in dieser Saison öfter als er. Folgerichtig stand er erstmals im All-Star-Team der NHL – als erster Deutscher seit Marco Sturm 1999.

Die Play-offs hat Draisaitl noch nicht abgehakt – aber die Zukunft der Oilers sieht unabhängig davon rosig aus: Draisaitl ist 23, McDavid gerade einmal 22. Manche vergleichen sie schon mit dem legendären Oilers-Duo Wayne Gretzky/Mark Messier. Als die Hall-of-Famer Ende der 90er Jahre die Oilers verließen, hatten sie fünf Stanley Cups nach Edmonton geholt.

Die Perspektive der Oilers stimmt

Sollte den beiden Youngstern Ähnliches gelingen, dürften die Nowitzki-Vergleiche eines Tages nicht mehr so abwegig sein. Auch wenn Draisaitl über die Legende sagt: „Dirk Nowitzki war eine Inspiration für mich. Ich habe immer angestrebt, so zu sein wie er. Aber im Eishockey ist ein Nowitzki-Status wohl leider nicht zu erreichen.“

In unserer Bildergalerie finden Sie die erfolgreichsten deutschen Sportler, die sich über den großen Teich gewagt hatten. Viel Spaß beim Klicken!

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