New York Marode U-Bahn steckt tief in der Krise

Von Sebastian Moll 

Ungeliebt: New Yorks U-Bahn Foto: dpa
Ungeliebt: New Yorks U-Bahn Foto: dpa

Wer sich über die Stuttgarter oder Berliner S-Bahn beschwert, ist wohl noch nicht mit der New Yorker U-Bahn unterwegs gewesen. Jetzt soll ein Experte die Wende schaffen. Hat er eine Chance?

New York - Die New Yorker U-Bahn, die Lebensader der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole, steckt tief in der Krise. Es ist eine schleichende Krise, die sich über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte hin angebahnt hat, Jahre, in denen die Stadt und der Staat New York die U-Bahn haben langsam vergammeln lassen.

Seit einem guten Jahr nun ist das Maß voll. Drei Viertel der Züge sind verspätet, bei manchen Linien sind es mehr als 80 Prozent. Die Waggons sind chronisch überfüllt, Technikpannen häufen sich und treiben diejenigen, die es sich leisten können, in die Taxis und zu privaten Fahrdiensten wie Uber, die auf den Straßen der Stadt im immer dichter werdenden Stau stehen.

Als sich im vergangenen Jahr die Pannen und Verspätungen derart häuften, dass die U-Bahn-Krise zum großen Medienthema wurde, rief der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo einen offiziellen „Notstand“ aus – Jahrzehnte zu spät.

Die Sanierung würde 40 Jahre dauern

Die Probleme – ein veraltetes Schienennetz, ein veraltetes Signalsystem, heruntergekommene U-Bahn-Stationen – sind mittlerweile so groß, dass sie praktisch nicht mehr lösbar sind. So hat die „New York Times“ errechnet, dass es rund 110 Milliarden Dollar kosten würde, das Netz so weit zu sanieren, dass es den Anforderungen an den öffentlichen Nahverkehr einer modernen Großstadt genügt. Das Ganze würde 40 Jahre dauern.

An ein solches Megaprojekt wagt sich freilich kein Politiker heran, schon gar nicht Cuomo, der für die U-Bahn verantwortlich ist. Als Gouverneur des gesamten Staates hat er ohnehin schon Schwierigkeiten, den Bürgern in Städten wie Albany oder Syracuse zu erklären, warum sie für eine Infrastruktur bezahlen sollen, die sie nicht benutzen. Immerhin waren Cuomo die New Yorker dann doch wichtig genug, um nicht gänzlich tatenlos zu bleiben. So heuerte er, dem Mediendruck und dem seiner politischen Herausforderer nachgebend, einen sogenannten U-Bahn-Fixer, also eine Art Werkstattchef an. Der Brite Andy Byford hatte schon die U-Bahn von London und die von Toronto auf Vordermann gebracht und freut sich nun auf die Herausforderung, im New Yorker Untergrund aufzuräumen.

Die Frage ist: wer zahlt?

Doch der Plan, den Byford nach eingehendem Studium der Situation vorlegte, ließ Cuomo erst einmal schlucken. Byford sagt zu, die U-Bahn innerhalb von zehn Jahren so weit zu sanieren, dass sie reibungslos läuft, halbwegs angenehm zu benutzen ist und die dynamischste Metropole der USA wieder angemessen bedienen kann. Das Ganze soll jedoch mindestens 19 Milliarden Dollar kosten. Im Vergleich zu den von der „New York Times“ veranschlagten 110 Milliarden ein Schnäppchen, für den Staatshaushalt jedoch ein fetter Posten. So verstummte Cuomo erst einmal für mehrere Tage, nachdem ihn die Post von Byford erreichte. Dann versprach er, den Plan umzusetzen. Doch wie er das anstellen will, bleibt offen.

Cuomo möchte die Kosten zumindest teilweise auf die Stadt abwälzen. Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio will davon jedoch nichts wissen. Die New Yorker, so de Blasio, zahlen mit ihren Steuern schon genug an den Staat New York. Eine sogenannte Staugebühr, bei der jeder Autofahrer für eine Fahrt nach Manhattan zahlen muss, mag er nicht unterstützen. Einen Beitrag der reichsten New Yorker Bürger zur U-Bahn hingegen schon. Das wiederum hält Cuomo nicht für opportun, weil diese Bürger zu seinen wichtigsten Wahlkampfförderern zählen.

Doch Byford weiß, wie er Politiker auf Linie bringt. So war er mitsamt einem Pressetross sofort zur Stelle, als im Juni in der U-Bahn-Haltestelle Borough Hall in Brooklyn Teile der Decke auf den Bahnsteig bröselten. „Sehen Sie“, sagte er, mit Arbeiterhelm mitten in den Trümmern stehend, „das ist der Grund, warum wir meinen Plan brauchen.“

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