Nevin Aladag – Session Foto: Kunstmuseum Stuttgart

In der Türkei geboren und in Stuttgart aufgewachsen, ist die in Berlin lebende Nevin Aladag heute eine international erfolgreiche Künstlerin. Jetzt zeigt das Kunstmuseum Stuttgart ihre Arbeiten.

Stuttgart - Frau Aladag, mit den beiden Dreikanal-Videoprojektionen „Traces“ (aufgenommen 2015 in Stuttgart) und „Session“ (aufgenommen 2013 im Emirat Sharjah) nehmen Sie derzeit am Sparda-Kunstpreis teil. Wie kam es dazu?

Meine Eltern sind nach Stuttgart gezogen, als ich noch ein Säugling war. Ich bin in Stammheim und Korntal aufgewachsen, habe meine Jugend in Stuttgart verbracht. Dort hat auch meine kulturelle Erziehung stattgefunden. Nun hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, eine Arbeit, „Traces“, in meiner Heimatstadt zu verwirklichen.

Was geschieht in „Traces“?

In diesem Video wird die Stadt zum Musiker: Es zeigt nicht nur die Struktur der Stadt, sondern auch Elemente wie eine Laterne auf der Königstraße oder ein Kinderkarussell, die unterschiedliche Musikinstrumente zum Schwingen und Klingen bringen und der Stadt somit eine experimentelle Stimme verleihen. Dieses Konzept habe ich bereits in anderen Städten angewandt. In Stuttgart ist das Ergebnis besonders spielerisch geworden, weil ich die Stadt so gut kenne.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Orte ausgesucht, an denen die Musikinstrumente bespielt wurden?

Es ging mir um Orte, an denen ich mich früher als Jugendliche selbst aufgehalten habe: die Königstraße, die Weinberge, der Schlossplatz, der Feuersee. Sie waren mir wie ein zweites Zuhause. Die roten Schaukelpferde auf der Königstraße sind mir aus den 1980er Jahren in Erinnerung geblieben.

Was war der Anlass für die Videoprojektion „Session“, die Sie an verschiedenen Orten in Sharjah – einem der sieben Arabischen Emirate – aufgenommen haben?

Ich war zur Sharjah-Biennale im Jahr 2013 eingeladen. Da ich vorher noch nie dort war, hat man mich schon vorab zur Recherche eingeladen, um eine neue Arbeit für die Ausstellung zu entwickeln. Bei der Suche nach landestypischen Instrumenten bin ich vor allem auf die perkussiven Musikinstrumente der Arbeitermigranten aus dem Irak, dem Iran, Indien und Pakistan gestoßen. In Sharjah leben mehr Arbeitermigranten als Emiratis selbst. Die Struktur der Gesellschaft sollte sich in der Auswahl der Instrumente widerspiegeln. Und diese sollten wiederum von den Menschen, die sie erschaffen und gespielt haben, erzählen.

Sind die Unterschiede zwischen „Traces“ und „Session“ auch durch die Verortung bedingt?

Sharjah hat einen urbanen Raum, der sehr, sehr schön ist, im heißen Sommer aber auch eine Herausforderung darstellt. Ebenso kann auch die Wüste mit ihrer scheinbar endlosen Weite für den Menschen zur Gefahr werden. Die von diesem Umfeld bespielten Instrumente waren, genauso wie wir, der Natur ausgeliefert – im guten wie auch im herausfordernden Sinn. Sie mussten sich der Oberfläche des Windes, des Sandes und der Neigung ihres Untergrunds anpassen. Da diese Eindrücke auch für mich neu waren, waren sie sehr eindringlich. Bei dem Stuttgartfilm habe ich in einer mir vertrauten Umgebung versucht, mehr Humor zuzulassen und eigene Erinnerungen einzubringen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die unterschiedlichen Instrumente ausgewählt?

In „Session“ tauchen ausschließlich Perkussivinstrumente auf. Sie sind wie anarchistische Individuen, die sich selbstständig durch die Stadt bewegen. Für das Video „Traces“ habe ich dagegen orchestrale Musikinstrumente verwendet, die man aus Konzerten, aber auch von der Straßenmusik kennt. Neben Rhythmen sollten im Gegensatz zu Sharjah auch Töne vorkommen. Stuttgart ist eine Stadt mit einer Hochkultur, deshalb habe ich nach Instrumenten gesucht, die in der westlichen Tradition verankert sind – von der Konzertvioline bis zum Akkordeon. Dieses sowie die Mundharmonika hat übrigens Hohner in Trossingen hergestellt. Mir war es wichtig, dass die Instrumente einen lokalen Bezug haben. Ausgewählt habe ich dann nach Vielfalt und Bespielbarkeit – wobei die Trompete und die Violine, die ich auf jeden Fall dabei haben wollte, eine Herausforderung waren. Am Ende bekommt man aber aus jedem Instrument einen Ton.

Wie haben die Bewohner der beiden Städte jeweils auf die Dreharbeiten reagiert?

Sharjah ist eine Stadt, deren demografische Struktur sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat. Das Stadtbild ist sehr künstlich und auf Hochglanz poliert. Man hat leider nicht mehr viel Kontakt zu den Menschen – um sich ihnen anzunähern, muss man sich Hilfsmitteln bedienen. Im Indus­triedistrikt, wo wir für eine Szene Steine auf eine Trommel geworfen haben, waren indische oder pakistanische Arbeitermigranten. Sie haben sofort verstanden, was wir tun, und sich uns angeschlossen. So sind wir über ein Instrument, das auch sie selbst kannten, in Kontakt getreten. In Stuttgart hatten wir es mit einer ganz anderen Akzeptanz zu tun – man kennt Aktionen im öffentlichen Raum. Sie machen die Menschen immer noch ­neugierig, aber sie überraschen sie nicht mehr.

Wie lange nehmen die einzelnen Arbeitsschritte bis zum fertigen Video in Anspruch?

Zunächst einmal reise ich für die Recherche zum jeweiligen Drehort. Bis ich ein Skript erstellt habe, dauert es ein paar Wochen. Die Vorbereitung mit dem Team nimmt dann bis zu einem Monat in Anspruch. Anschließend filmen wir eine Woche lang zehn Stunden täglich und probieren dabei noch viel aus – da bringt sich jeder ein. Mindestens die Hälfte der Arbeit nimmt dann noch einmal die Zusammenstellung der Videos mit dem Cutter zurück in Berlin ein. Denn um später wie ein musikalisches Trio zu klingen, müssen die drei Bildschirme perfekt aufeinander abgestimmt und synchronisiert sein. Da einen physikalischen Ton herauszubringen und einen Rhythmus hineinzubringen, eine wirkliche Komposition zu schaffen: Das ist die Herausforderung.

Was reizt Sie an der Wiederholung dieser Art von Arbeit?

Überall auf der Welt funktionieren Städte anders. Die Musikkultur einer Stadt, ihre Bezirke und auch die Stadt selbst lerne ich einfach anders kennen, wenn ich sie mit den für sie typischen Musikinstrumenten bespiele. Meine erste Arbeit dieser Art habe ich 2009 für die Istanbul-Biennale geschaffen. Ich kannte den Stadtkern Istanbuls bereits, durch die Aufnahmen bin ich aber in neue Bezirke eingedrungen, von deren Existenz ich vorher nichts wusste. Deshalb kann ich mir ein solches musikalisches Trio auch für andere Städte vorstellen. Momentan ist das auch die ideale Form der Darstellung für mich: Mit drei Kanälen bieten mir die ­Videoprojektionen narrativ den größtmöglichen Spielraum, haben dabei aber eine einfache Begrenzung. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, das identisch zu machen. Ich hätte tatsächlich große Lust, noch ein paar Videos zu machen, und könnte mir gut vorstellen, eine amerikanische Stadt musikalisch zu porträtieren – eine mit Musik-Geschichte wie Detroit oder ­Nashville.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrer Kunst?

Zum einen bin ich sehr musikalisch erzogen worden: In unserer Familie wurde sehr viel gesungen, jedes Kind hat ein Instrument ­erlernt. In meiner Jugend habe ich die Musik als zusätzliche Sprache verstanden – als Kommunikation zwischen Menschen, die über Melodien und Rhythmen stattfindet. Das Potenzial von Musik, aber auch Tanz, habe ich immer schon als sehr spannend empfunden. Musik und Tanz waren immer ein natürlicher Bestandteil meiner Arbeit und spielen selbst in skulpturalen Werken eine Rolle.

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