Neven Subotić engagiert sich mit seiner Stiftung in Äthiopien. Foto: Patrick Temme /Patrick Temme Photographie

Als Profifußballer verdiente Neven Subotić wahnsinnig viel Geld. Heute möchte er, dass alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Ein Gespräch über Reichtum, Glück, Jürgen Klopp und was es wirklich braucht im Leben.

Neven Subotić kann noch Schwäbisch. Als Kind lebte er acht Jahre in Schömberg im Schwarzwald. Sein früherer Trainer Jürgen Klopp sagt über ihn: „Er ist der außergewöhnlichste Spieler, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Nicht fußballerisch, aber menschlich.“ Auch nach dem Ende seiner Profikarriere sind seine Tage eng getaktet. Denn heute kümmert er sich vor allem um seine Stiftung, die Trinkbrunnen in Afrika baut.

 

Herr Subotić, Sie haben eine Zeit lang exzessiv das Computerspiel Sims gespielt. Dabei muss man seine Figur immer glücklicher machen. Wodurch gibt es mehr Glücklichkeitspunkte?

Da spielt alles mit rein: je größer das Haus, je mehr Kunst, je mehr Partys, desto besser. Der Sims geht auch zur Arbeit, das sieht man aber nicht. Man muss ihn bespaßen mit Essen, Freunden, großen Räumen. Wenn der Sims viel Geld hat, schwimmt er vom Schlafzimmer zur Küche. Mit Kunst und Instrumenten werden die Partys hochwertiger. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man sich in Richtung Glück konsumiert. Es gibt keine Pause, sondern jeden Abend Euphorie und Ekstase.

Irgendwann waren Sie selbst wie diese Computerspielfigur.

So war es tatsächlich. Ich habe viele Sachen nicht selbstbestimmt gemacht, aber natürlich liegt die Verantwortung bei mir. Da war ich schon geprägt von der amerikanischen Kultur, dass man sich das kauft, was man sich leisten kann, wenn man eben Geld hat. Man denkt, dass da ein Sinn dahintersteckt. Am Anfang hat alles geglänzt, aber irgendwann hat sich das entlarvt. Ich habe fast alles, was ich mir kaufen hätte können, auch gekauft. Kunst war da auf einmal sehr nah. Und von Kunst habe ich wirklich keine Ahnung.

Mir selbst bringt das auch nichts, deshalb würde ich dafür kein Geld investieren. Aber ich habe mir dann Designmöbel gekauft. Zum Beispiel einen Tisch, der dann später in keine Wohnung mehr hineinpasste. Und wie wird man so ein Ding wieder los? Das muss doch noch jemandem nutzen, damit man das Gefühl hat, dass er doch für etwas gut war. Doch mit solchen Fragen möchte ich mich nicht beschäftigen.

Sie waren ein sehr erfolgreicher Fußballspieler. Sie hatten alles, wovon viele träumen: großes Haus, schnelle Autos, schöne Frauen. Was war der Moment, in dem Sie erkannten, dass das nicht alles sein kann?

Es gab nicht den einen Moment, sondern den dauerhaften Versuch, den Sinn in etwas zu finden. Es war alles lustig. Aber auf der Kirmes ist auch lustig. Wenn man da drei Wochen am Stück hingeht, ergibt das nicht viel Sinn. Da gibt es doch wertvollere Dinge, die man tun kann. Ich hatte außer Fußball nicht viel. Ich habe Playstation gespielt, war darin aber auch nicht schlecht. Aber kann es das gewesen sein?

Zu Ihrem Hintergrund: Sie wussten auch, wie es ist, wenig Geld zu haben. Ihre Eltern sind 1990 aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Schwarzwald geflohen. Sie waren zwei Jahre alt. Wie sind Ihre Erinnerungen an die Zeit?

Ich bin sehr dankbar für meine Kindheit in Schömberg. Ich war nie wieder so lange an einem Ort. Zu Beginn haben wir auf dem Dachboden eines Vereinsheims gewohnt. Ohne Dusche. Es gab im Ort ganz wunderbare Menschen wie etwa Anneliese Stumpf, die ihr Schlafzimmer räumte und uns bei sich hat wohnen lassen. Wir sind fünf-, sechsmal in Schömberg umgezogen, bis wir mal eine richtige Wohnung hatten.

Ihr Vater sagte: „Wir hatten so Glück, dass wir so ähnlich aussehen.“ Wussten Sie als Kind, was er damit meinte?

Ich kann den Satz heute leider sehr gut verstehen. Das merkt man daran, wie geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufgenommen werden. Vor fünf Jahren standen wir alle am Bahnhof, aber mehr nicht. Und Kriege sind leider nicht in drei Tagen, nicht in drei Wochen und auch nicht in drei Monaten vorbei. Es ist wichtig, was in der Zeit danach passiert, dass man die Familien hier wirklich integriert. Wir durften das damals erfahren. Es war immer schön, immer herzlich. Eine dauerhafte Bindung zu schaffen, ist sehr wichtig. Jetzt, 30 Jahre später, ist der Satz meines Vaters leider immer noch gültig. Wir sind da nicht viel weiter.

Sie mussten Deutschland 1999 verlassen und Ihre Familie ging nach Amerika. Haben Sie als Kind verstanden, warum?

Ich wusste nur, dass man bei der amerikanischen Botschaft in Frankfurt gut gekleidet sein musste. Amerika hatte etwas Buntes, hatte etwas von Abenteuer. Ich wusste damals nicht einmal genau, wie groß Deutschland ist. Selbst Stuttgart war für mich weit weg, da war ich zuvor einmal. Wir haben zum Abschied von unseren Freunden viele Geschenke bekommen. Ich habe etwa ein tolles T-Shirt geschenkt bekommen, das war so hochwertig, dass ich es fünf Jahre lang getragen habe.

Inwiefern hat Sie die Arbeitsethik Ihrer Eltern geprägt?

Ich dachte immer, dass alle so sind. In ihrem Fall hat es auch viel damit zu tun, wo sie herkommen. Ihre Familien und Freunde blieben zurück in einem Krieg, und danach ging es denen dort auch nicht viel besser. Meine Eltern sagen mir immer, wenn ich nach Bosnien fahre, dass ich dort Geld für Medizin und Essen lassen sollte. Medikamente sind teuer, die müssen importiert werden. Meine Oma bekommt um die 40 Euro Rente im Monat. Meine Eltern stammen aus einer ländlichen Region, da kann man keine Abkürzungen nach oben nehmen. Man hat da auch keinen Mut, etwa ein Restaurant zu eröffnen, weil das Risiko zu groß ist. Meine Eltern sind sehr stolz. Da wird jeder eingeladen, egal, wie wenig man hat.

Jürgen Klopp schreibt im Vorwort Ihres Buchs: „Und dann machte es in ihm auf einmal klick, und er begann, sich zu verwandeln, von einem Fußballprofi in einen Heiligen.“ Welche Rolle spielt Klopp für Sie?

Er war die primäre Figur für mich, die mein Leben ab meinem 17. Lebensjahr geprägt hat. Nicht nur sachlich, wie man Fußball spielt, sondern auch menschlich. Wie leitet man eine Mannschaft? Wie spricht man mit Menschen? Wie nimmt man Menschen wahr? Wie motiviert man Menschen? Mir persönlich hat er auch immer viel Raum gegeben.

Sie haben sich als 22-jähriger Fußballprofi überlegt, dass man Trinkbrunnen in Afrika braucht, und eine Stiftung gegründet. Bei all den Problemen, die es auf der Welt gibt, wie wägt man ab, wofür man sich engagiert?

Ich bin ein sehr sachlicher Mensch und habe erst mal recherchiert. Es war mir klar, dass zur Grundversorgung Wasser gehört. Wenn das nicht da ist, muss man über nicht viel anderes sprechen. Wasser ist die Grundlage für alles, für Gesundheit und für Bildung. Ich habe die Ansätze verstanden, welche Bedeutung das hat, wie viele Menschen davon betroffen sind. Die Lösung dafür ist recht einfach.

Was brauchen Sie selbst, um glücklich zu sein?

Ich laufe nicht glücklich durch die Gegend. Wenn man sieht, was in der Welt passiert, ist das doch sehr schwierig. Weltfrieden wäre toll, aber den wird es nicht geben. Für mich ist eine Sinnhaftigkeit viel wichtiger im Leben. Da bin ich auf einem guten Weg.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Das gibt mir die Sicherheit, das alles zu tun. Ich kann trinken, essen, kann meine Familie besuchen. Ich brauche wirklich nicht viel. Davon habe ich mich befreit. Meine Ausgaben betreffen hauptsächlich Lebensmittel.

Irgendwann haben Sie Ihre Autos verkauft, sind mit Bus und Bahn zum Training gefahren. Wie haben da Ihre Mitspieler reagiert?

Bei der Union gab es schon welche, die das belächelt haben. Einer wohnte 300 Meter entfernt und kam jeden Tag mit dem Auto. Ich bin da aber nicht militant. Ich zeige nur, dass es eben anders geht. Für manche ist das natürlich zu weit weg.

Zur Person

Neven Subotic
Der Fußballer wurde am 10. Dezember 1988 in Banja Luka im damaligen Jugoslawien geboren, spielte als Profi unter anderem für Borussia Dortmund, den 1. FC Köln und Union Berlin in der Bundesliga. Gemeinsam mit Mats Hummels wurde er bei Dortmund „Kinderriegel“ genannt. 2011 und 2012 gewann er mit Dortmund die Deutsche Meisterschaft, 2012 zudem den DFB-Pokal. Vor zehn Jahren gründete er eine Stiftung, die Menschen in Äthiopien Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht. Seine Lebensgeschichte hat er in „Alles geben. Warum der Weg zu einer gerechteren Welt bei uns selbst anfängt“ (Kiepenheuer & Witsch) aufgeschrieben.