VfB-Torjäger Fritz Foto: Baumann/Baumann

Die Zwangspause wegen Corona geht zu Ende: Mit dem Geisterspiel beim SV Wehen-Wiesbaden kehrt der VfB Stuttgart zurück zur Mission Wiederaufstieg. Ein Kick ohne Zuschauer? Alles schon mal da gewesen.

Stuttgart - Nur zu gern hätte Uli Ruf in der Stadion-Kapelle des FC Barcelona eine Kerze angezündet. Und wenn’s sein muss 1893 Mal das Vaterunser gebetet. Aber die himmlischen Mächte meinten es nicht gut mit dem VfB Stuttgart im Herbst vor 28 Jahren.

Briefing für das erste Geisterspiel des VfB

Stattdessen saß der VfB-Direktor für Finanzen, Recht und Verwaltung in den Katakomben einer der größten Fußball-Kathedralen der Welt und machte sich so klein auf seinem Stuhl wie der Sünder, den der hohe Rat beim Griff in die Keksdose ertappte. Ihm gegenüber 30 wichtige Gesichter - aus Reihen des FC Barcelona und der Europäischen Fußball-Union (Uefa).

Es war das letzte Briefing vor dem ersten Geisterspiel in der Geschichte des Vereins für Bewegungsspiele 1893 Stuttgart. Uli Ruf schaudert bis heute, wenn er nur daran denkt: „Es war total beklemmend.“

Am 9. Oktober 1992 traf der VfB Stuttgart im Europapokal zum Entscheidungsmatch auf Leeds United. Es ging um den Einzug in die zweite Runde in der Champions League. Und es ging um Geld, viel Geld. „Wenn wir die Gruppenphase erreichen“, hatte Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder vorgerechnet, „dann sind wir auf Jahre hinaus saniert.“

Nur 8000 Seelen im Camp Nou

Es war ein Freitagabend und das Interesse an der Partie im Camp Nou so groß wie am Testbild der ARD. Die Fans musste man mit dem Fernglas suchen. 8000 Zuschauer, darunter die Offiziellen beider Teams und schätzungsweise 5000 Engländer, erlebten das gespenstische Duell in der riesigen Betonschüssel – die eigentlich Platz für 100 000 Fußballbegeisterte bot.

VfB vor leeren Rängen

VfB Stuttgart gegen Leeds United,
9. 10.1992 in Barcelona, Entscheidungsspiel Champions League, erste Runde: VfB: Immel - Dubajic - Schäfer, Buchwald - Buck, Sverrisson (79. Knup), Strunz (25. Strehmel), Kögl, Frontzeck - Walter, Golke.Tore: 0:1 (33.) Strachan, 1:1 (39.) Golke, 1:2 (77.) Shutt

N och ein Geisterspiel: Am 14.3. 2013 trat der VfB Stuttgart im Uefa-Cup-Achtefinalrückspiel bei Lazio Rom vor leeren Rängen an. Wegen rassistischer Exzesse eines Teils der Lazio-Anhänger blieben die Fans beider Vereine ausgesperrt. Das Hinspiel verlor der VfB mit 0:2, das Rückspiel mit 1:3. (StN)

„Das war irgendwie nichts“, sagt Uli Ruf. Verirrten Seelen gleich verloren sich die wenigen VfB-Fans auf den Rängen, jeder Tritt gegen den Ball verhallte wie ein dumpfer Knall, und den Rufen der Trainer antwortete zuverlässig ihr Echo. „Das war extrem ungewohnt“, weiß Stürmer Andy Buck noch heute, „normalerweise bekommst du als Spieler ja bei jeder Aktion eine Rückmeldung von den Zuschauern. Ob positiv oder negativ. Wenn das ausbleibt, fühlt sich das irgendwie falsch an.“ Es sei gewesen wie beim Trainingslager in Belek. Buck lacht und sagt: „Wenn du dort gegen Wladiwostok spielst.“

An diesem Sonntag, wenn der VfB Stuttgart nach der Corona-Pause zum Zweitliga-Neustart beim SV Wehen-Wiesbaden gastiert (13.30 Uhr/live bei Sky), wiederholt sich die Geisterstunde, die der frühere VfB-Stürmer Fritz Walter so beschreibt: „Du kommst zum Anpfiff aus dem Spielertunnel und läufst ins Leere.“

Backsteine in der Hose

Er war mit am Ball in dem schicksalsschweren Spiel, das die Geschichte des ersten gesamtdeutschen Meisters von 1992 in eine nachhaltig erfolgreichere Zukunft hätte lenken können. Weil aber die weiß-rote Bonsai-Kolonie auf den Rängen aktiver war, als die mit Backsteinen in der Hose kickende Abordnung auf dem Platz, entschied Leeds United das Horror-Spiel für sich (2:1). Die englische Boulevard-Presse jubelte in gewohnter Sachlichkeit: „Leeds cracked the Krauts.“ Leeds knackte die Krauts, die Deutschen!

Und Andy Buck, Torschütze jeweils in den beiden vorherigen Partien, wurde vom Helden zum Loser. Vor dem zweiten Treffer der Engländer riskierte er an der Mittellinie einen Beinschuss. Um Himmels Willen! „Wenn keine Zuschauer im Stadion sind, ist man nicht so konzentriert wie sonst“, schätzt er, „da riskiert man unbewusst Dinge, die man sonst nur im Training macht.“

Fast keine VfB-Fans

Der VfB, da musste niemand erst Psychologie studieren, war im Grunde aber schon verloren, als die Europäische Fußball-Union entschieden hatte, die heikle Causa mit einem Entscheidungsspiel auf neutralem Boden zu klären. Ausgerechnet in Barcelona. „Es war ja klar, dass da keine Völkerwanderungen der VfB-Fans mehr stattfinden würden“, erzählt Uli Ruf. Zwei Auslandsreisen binnen weniger Tage lässt der Spartrieb schwäbischer Seelen nicht zu.

Der VfB stand unter dem Eindruck hektischer Cannstatter Tage, die Engländer dagegen konnten nichts verlieren, nur noch gewinnen. Aber was war eigentlich passiert?

Der verflixte Wechselfehler

Die Mannschaft von Meistertrainer Christoph Daum hatte das Hinspiel gegen Leeds mit 3:0 gewonnen. Im Rückspiel brannte der VfB-Abwehr zwar 90 Minuten lang der Kittel, aber das 1:4 reichte, um die zweite Runde in der neu geschaffenen Champions League zu erreichen. Dumm nur, dass Daum sieben Minuten vor Spielende den serbischen Vertragsamateur Jovo Simanic aufs Feld geschickt hatte. Ein Kerl wie ein Baum, der sich gegen die kopfballstarken Engländer stemmte. Aber neben Slobodan Dubajic (Serbien), Eyjölfur Sverrisson (Island) und Adrian Knup (Schweiz) war er der vierte Ausländer im VfB-Spiel – und einer zu viel. Die Uefa hatte erst im Sommer die Statuten geändert. Das entsprechende Schreiben lag auch im Postfach der sportlichen Leitung auf dem Cannstatter Wasen. Nur hatte es keiner gelesen.

Daum und Hoeneß tanzten nach Spielschluss an der Seitenlinie vor Freude Lambada, und auf der Ehrentribüne, wo Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die letzten Spielminuten mit weißen Fingerknöcheln die Balustrade umklammert hatte, lagen sich die Funktionäre in den Armen. Die Engländer dagegen beugten sich über den Spielberichtsbogen.

Minuten später lehnten Uli Ruf und Manager Dieter Hoeneß an der Wand vor der Kabine. Schweigend und mit aschfahlem Gesichtern. Die Spieler wunderten sich: Okay, wir haben schlecht gespielt, aber was soll’s? Wir sind immerhin eine Runde weiter. „Wir haben erst auf der Fahrt zum Flughafen von der Panne erfahren“, erzählt der damalige Kapitän Guido Buchwald. An Bord der Maschine gratulierte der ahnungslose Flugkapitän Terry Butscher: „Willkommen, VfB! Unsere Bar ist geöffnet. Bedienen Sie sich. Ich kümmere mich ums Fliegen.“

Gräben zwischen Team und Trainer

Die Rückkehr nach Stuttgart fühlte sich härter an als eine Bruchlandung. Es begann die Suche nach den Schuldigen. „Bild“ titelte: „Christoph Dumm.“ Dem Trainer drohte der Rauswurf. Und in der Mannschaft taten sich Gräben auf. Zwischen jenen, die dem Coach weiter vertrauten und denen, die keinen Pfifferling mehr auf ihn gaben. „Von uns verlangt er immer totale Konzentration und bedingungsloses Engagement, und dann baut er so einen epochalen Bock“, murrten vor allem die älteren Spieler, „wer weiß, ob wir jemals wieder so eine Chance kriegen.“

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Trotzdem: Es war ja noch nicht alles verloren. Dass der VfB wegen des Regelverstoßes nicht sofort aus dem Wettbewerb geflogen war, hatte er mit einiger Sicherheit der Cleverness von Gerhard Mayer-Vorfelder zu verdanken. Wenige Tage zuvor war der frühere DFB-Präsident Hermann Neuberger gestorben, und MV nutzte die Trauerfeier, um die anwesenden Uefa-Funktionäre von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Das Spiel in Leeds wurde dann den Statuten gemäß wegen des Regelverstoßes mit 3:0 für die Engländer gewertet. Nach Hin-und Rückspiel stand es demnach wieder unentschieden. Das Entscheidungsspiel war die logische Folge. Die englische Presse schäumte vor Wut und beschimpfte die Europäische Fußball-Union als „deutsche Mafia“.

Geisterspiele – wie eine unheilbare Krankheit

Es hat alles nichts genützt. Im Neckarstadion hing ein Transparent: „Das Leben geht weiter – aber wie?“Guido Buchwald versprach: „Wir werden wieder um den deutschen Meistertitel mitspielen.“ Netter Versuch. Das Geisterspiel im Camp Nou wirkte wie eine unheilbare Krankheit. Der VfB beendete die Saison als Siebter, einen Platz hinter dem Karlsruher SC. In der Winterpause 1993 musste Daum gehen. Der VfB stand auf Rang 13. Zwei Jahre später feuerte MV dann Dieter Hoeneß. Die Geschichte lehrt: Geisterspiele sind kein Erfolgsmodell auf das der VfB allzu viel geben sollte.

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