Die Neuseeland-Auswanderin Isabell Zitzelsberger aus Stuttgart fährt gerne mit dem Boot zum Fischen. Foto: rivat

Die Auswanderin Isabell Zitzelsberger lebt seit Jahren in Neuseeland. Mit Outdoor-Kursen speziell für Frauen hat die Stuttgarterin dort eine kleine feministische Revolution ausgelöst.

Fünf junge Frauen im Tarnanzug mitten im Wald. Eine hat ein Jagdgewehr geschultert und schaut lachend ins Bild, die anderen starren konzentriert auf ihre Mobiltelefone. Ein nebliger Tag im Kaimanawa Forest nahe Taupo auf der neuseeländischen Nordinsel.

 

„Auf dem Foto sieht man, wie wir mit Hilfe einer App das Tracken unseres Pfads lernen“, beschreibt Isabell Zitzelsberger, was sie mit den Teilnehmerinnen eines ihrer Outdoor-Kurse an diesem Tag geübt hat. „Wer in Neuseeland offtrack geht, muss den Weg selbst zurückfinden“, sagt sie.

Haus und Boot – in Neuseeland auch ohne Reichtum möglich

Wenn die 40-jährige Stuttgarterin deutsch spricht, bleiben Anglizismen nicht aus. Seit 2012 lebt sie mit ihrem Freund im Land der Kiwis. Nach einer langen Weltreise hatte es die beiden an ihren Sehnsuchtsort verschlagen. Nach Neuseeland, von dem Zitzelsberger sagt, dass man hier ein Haus und ein Boot besitzen kann, ohne reich zu sein. „It’s possible“, es ist möglich, sagt sie.

Outdoor-Kurs für Frauen in Neuseeland. Die Idee dazu hatte die Stuttgarter Auswanderin Isabell Zitzelsberger. Foto: privat

Wie so vieles, was in Deutschland nicht so einfach möglich ist. Sich vom Jagen und Fischen zu ernähren zum Beispiel. „Man kauft sich ein Gewehr und zieht los“, betont Isabell. In Neuseeland nennt sich jeder beim Vornamen. Jahrelang hat das deutsche Paar Jagen und Hochseefischen in ihrer Freizeit betrieben. „Wenn du in Neuseeland unterwegs bist, kannst du tagelang keinen Menschen treffen“, sagt sie und beschreibt damit ein Freiheitsgefühl, das es so in Deutschland nicht gibt. Die Stuttgarterin hat in der lässigen neuseeländischen Lebensart längst ihr Glück gefunden.

Motorbootfahren: in Neuseeland immer noch Männerdomäne

Nicht einverstanden war sie indes irgendwann damit, dass jagen, fischen und „boating“, also das Fahren von Motorbooten auf dem Ozean, in Neuseeland immer noch weitgehend Männersache ist. In einem früheren Job arbeitete Isabell jahrelang als Verkäuferin für Freizeitboote. „Fast immer waren es die Männer, die das Boot aussuchten“, sagt sie. Dass sie dabei von einer Frau beraten wurden, habe viele Kunden irritiert.

„Für das Bootfahren auf dem Ozean braucht man in Neuseeland keinen Führerschein“, erzählt die Deutsche. „Man kauft es und fährt raus.“ Das Problem: Weil viele Frauen keine Ahnung von den Schiffen haben und auch nicht navigieren können, kommt es in Neuseeland immer wieder zu gefährlichen Situationen auf offener See. Etwa wenn der Mann am Steuer plötzlich wegen eines gesundheitlichen Notfalls ausfällt.

Anfang 2024 hat die ehemalige Stuttgarterin deshalb begonnen, im örtlichen Fishing-Club von Tauranga, der Stadt auf der Nordinsel, in der sie seit Jahren mit ihrem Freund lebt, Boating- und Fishing-Kurse nur für Frauen anzubieten. „Danach haben sich plötzlich Clubs aus anderen Städten gemeldet und wollten, dass ich das auch bei ihnen mache.“ Was sie zu dieser Zeit noch nicht wusste: Es war der ungeplante Start in ein Unternehmen, das inzwischen in ganz Neuseeland für Aufsehen sorgt.

„Beim Jagen ist es genauso: Viele Frauen sind unsicher, wie sie sich im Busch verhalten sollen“, erzählt Isabell. Das Schießen von Wild sei dabei das Letzte, um das es gehe. Es dauerte deshalb nicht allzu lange und die Deutsche bot für Frauen auch Jagdunterricht an. Das gab es so in Neuseeland bis dahin auch noch nicht.

Der Erfolg der Stuttgarterin reicht bis Australien

Und so kam es, wie es kommen musste: In der Folge berichteten immer mehr Zeitungen und Magazine im Land über die kleine feministische Revolution, die Isabell Zitzelsberger losgetreten hat: Sogar dem „New Zealand Herald“, Neuseelands größte Tageszeitung, war „Wild Chix“, wie Isabell ihre neu gegründete Outdoor-Firma nannte, eine Doppelseite wert. Überschrift „Teach a Gal (umgangssprachlich für „Mädchen“) to fish and sail and hunt“, darunter ein Foto der Stuttgarterin mit einem riesigen Kingfish in dem Armen, den sie selbst aus dem Südpazifik gezogen hat.

Was dann folgte war ein Ansturm, den die geborene Stuttgarterin noch immer in den Griff zu bekommen versucht. Sie kündigte ihren Job und suchte ein paar Mitstreiterinnen. „Inzwischen habe ich zwei bis drei Bewerbungen in der Woche“, sagt sie. Frauen jeden Alters stehen Schlange, um an ihren Kursen teilzunehmen. Weil Reisen auf die Südinsel für sie zu aufwändig sind, hat sie auch dort inzwischen Helferinnen gefunden, die im Namen von „Wild Chix“ Kurse anbieten. „Sogar aus Australien habe ich Anfragen“, erzählt sie.

Den Ritterschlag erhielt die 40-Jährige im März, als die neuseeländische Justizministerin Nicole McKee sie in die Hauptstadt Wellington einlud, um über das Projekt zu berichten. „McKee ist zuständig für die Waffengesetze des Landes“, sagt Isdabell. Die Ministerin unterstütze ihr Anliegen, Frauen im Jagen und Fischen zu unterrichten. „Es handelt sich um einen längst überfälligen, wachsenden Trend“, kommentierte die Ministerin das Vorhaben. Und auch der neuseeländische Minister für Jagd und Fischen, James Meager, kündigte Zitzelsberger Unterstützung an.

Dass sie bei so viel Erfolg Deutschland nicht sehr vermisst, muss nicht wundern: Wobei ein paar Einschränkungen gebe es schon in Neuseeland, erzählt Zitzelsberger: Eisdielen, alte Städte und das deutsche Brot seien drei Dinge, die sie sehr vermisse. Dafür, dass regelmäßig Linsen mit Spätzle auch in Tauranga auf den Tisch kommen, sorge ihr Partner.