Studie zur „Aufschieberitis“ Sind Sie Aufschieber oder Macher?

Von Markus Brauer 

Keine Lust aufs Aktenstudium: Wer eine Präsentation oder Hausarbeit lange vor sich herschiebt, gerät am Ende ganz besonders unter Stress. Foto: dpa
Keine Lust aufs Aktenstudium: Wer eine Präsentation oder Hausarbeit lange vor sich herschiebt, gerät am Ende ganz besonders unter Stress. Foto: dpa

Heute schon aufgeschoben? Wie sieht es mit Ihren guten Vorsätzen aus? Schon wieder verworfen? Damit sind Sie nicht allein. Die meisten Menschen leiden unter chronischer „Aufschieberitis“.

Stuttgart - „Aufgehoben ist nicht aufgeschoben“. Diese Redensart drückt aus, was der Zungenbrecher Prokrastination meint. Was im Augenblick nicht erledigt werden kann, ist keineswegs vergessen, sondern soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. So nimmt man es sich zumindest immer wieder vor. Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) sind jetzt den Gründen für die sogenannte Aufschieberitis genauer auf den Grund gegangen.

In einer im Fachmagazin „Psychological Science“ veröffentlichten Studie stellen sie fest, dass sich die Gehirne von „Aufschiebern“ und „Machern“ deutlich unterscheiden. Mit Hilfe der Kernspintomografie identifizierten sie zwei Hirnbereiche, deren Größe und Verknüpfung damit zusammenhängen, wie gut eine Person ihre Handlungen kontrollieren kann. Die Biopsychologen untersuchten dabei 264 Männer und Frauen.

Die Größe der Amygdala ist entscheidend

Das Ergebnis: Menschen mit schlechter Handlungskontrolle hatten eine größere Amygdala. Dieses auch Mandelkern genannte Gebiet im Zentralgehirn ist Teil des Limbischen Systems – also jener Region, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Außerdem war die Verbindung zwischen der Amygdala und dem sogenannten dorsalen anterioren cingulären Kortex – dem vorderen Teil der Großhirnrinde – beeinträchtigt.

Wenn das Zusammenspiel zwischen Amygdala und Kortex gestört ist, könne die Handlungskontrolle nicht mehr erfolgreich ausgeführt werden, erklärten die Forscher um Caroline Schlüter und Erhan Genç. „Menschen mit höherem Amygdala-Volumen könnten eine größere Furcht vor den negativen Konsequenzen einer Handlung haben. Sie zögern und schieben Dinge auf.“

Die geringe funktionelle Kopplung zwischen beiden Hirnregionen könnte diesen Effekt weiter verstärken, indem störende negative Emotionen und Handlungsalternativen unzureichend reguliert würden.

Berg an Unerledigten wird immer höher

Prokrastination (vom lateinischen „procrastinare“, auf morgen verschieben) meint extremes Aufschieben. Meistens von aversiven, also unangenehmen Aufgaben und Pflichten.

Es muss nicht immer gleich pathologisch sein und sich um eine klinische Verhaltensstörung handeln. Trödeln – sinnigerweise auch Studentensyndrom genannt – kennt jeder: Das verschmutzte Bad endlich putzen? Dafür ist morgen auch noch Zeit. Für die Matheklausur pauken? Die Woche ist noch so lang. Das Knöllchen bezahlen? Es ist doch noch gar kein Stichtag.

Das Wichtigste: gutes Zeitmanagement

Was kann man gegen diese weitverbreitete „Aufschieberitis“-Unsitte tun? Damit ein Vorsatz gelingt, ist vor allem ein gutes Zeitmanagement vonnöten. Psychologen raten, sich Ziele zu setzen, die einen nicht überfordern. Gewohnheiten – und seien sie auch noch so falsch – haben immer etwas Beruhigendes und Stabilisierendes. „Das Gehirn strebt danach, alles zu routinisieren“, erklärt der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth.

Aufschieber unterschätzen nicht nur die eigene Willensstärke und Bereitschaft sich zu bessern, sondern auch den Aufwand und die Ausdauer, die für jedwede nachhaltige Veränderung notwendig sind. Ist der erste Elan erst mal dahin, bleiben selbst dringende Veränderungen unerledigt.

Wer zu viel von sich erwartet, wird sich nur selbst enttäuschen. Je weniger gelingt und je schneller sich üble Marotten wieder einschleichen, desto mehr zweifelt man an sich selber, fühlt man sich überfordert und ist zu keinerlei Verhaltensänderung mehr fähig. Schließlich gibt man frustriert auf.

Morgen wird alles besser? Von wegen!

Doch wie kann man das umsetzen, was man sich vorgenommen hat? Voraussetzung hierfür ist, dass das Handeln zielgerichtet und man selbst motiviert ist. Generalisierende und schwammige Vorsätze nach dem Motto „Morgen wird alles besser“ kann man gleich vergessen.

„Gutta cavat lapidem“ – der stete Tropfen höhlt den Stein –, heißt es beim römischen Dichter Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.). Anders ausgedrückt: Erst wenn ein Verhalten oft genug und in überschaubaren Schritten wiederholt wird, setzt es sich im Gehirn fest.

Auch sollte man nicht vergessen, sich für kleine Fortschritte zu belohnen. Nichts motiviert so sehr wie Erfolgserlebnisse. Der Kampf gegen die „Aufschieberitis“ setzt Disziplin, Durchhaltevermögen und Mühe voraus. In der Praxis hat es sich bewährt, eine Liste zu erstellen und erledigte Punkte abzuhaken. Das dient der Erfolgskontrolle, motiviert weiterzumachen und hilft, Versuchungen zu widerstehen.

Ein guter Rat noch des amerikanischen Schriftstellers Thornton Wilder (1897–1975): „Beginne nicht mit einem großen Vorsatz, sondern mit einer kleinen Tat.“

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