Probenfoto aus Benedikt von Peters Frankfurter Neuinszenierung Foto: Monika Rittershaus

Nach der Uraufführung von Lachenmanns „Musik mit Bildern“ 1997 in Hamburg, nach der Stuttgarter Inszenierung von 2001 und weiteren Produktionen in Salzburg, Wien, Berlin und Bochum bringt jetzt die Oper Frankfurt eine Neuproduktion heraus.

Frankfurt - Wo fängt die Musik an, und wo endet das Geräusch? Wie schön darf eine hässliche Welt klingen? Und wie definiert man heute überhaupt diese alten Worte und Werte: Schönheit, Oper, Empathie, Pathos?

All diese Fragen dürfte sich der Stuttgarter Komponist Helmut Lachenmann gestellt haben, bevor er nach jahrzehntelangem Ringen 1997 das einzige Werk vollendete, das er für das Musiktheater schrieb und mit dem er dessen zentrale Kategorien gleichzeitig aushebelt. Zugespitzt könnte man sagen: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist eine Oper über die Unmöglichkeit, (heute noch) eine Oper zu komponieren.

Nicht nur deshalb ist die „Musik mit Bildern“, die Hans Christian Andersens düsteres Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ an Leben und Texten der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin spiegelt, ein paradoxes Stück. Es ist auch ein Widerspruch in sich, wenn Theater Handlung verweigert. Dadurch konzentriert sich der Zuschauer auf das, was er hören kann, baut sich aus der Dramaturgie des leisen Kratzens, Flüsterns und Schabens im Kopf eigene Bilder, ein eigenes Handlungsgerüst.

Eine neue Art von Schönheit

Das ist in der Musik so angelegt. Die Geräusche selbst etablieren über die Spieldauer von zwei Stunden hinweg aber nicht nur einen gewisse Ereignischarakter, sondern eine eigene Ästhetik, eine neue, sehr eigene Art von Schönheit. Gleiches gilt für Lachenmanns Verwandlung von Sprachfetzen in raffiniert verwobene Strukturen, in die der Komponist immer auch Erinnerungen an ältere Musik einflicht.

Wenn die Ohren des Publikums, die im „Mädchen“ gleichsam bei Lachenmann in die Schule gehen, das Bekannte erhaschen, dann sind das Momente, in denen Spannung entsteht, Reibung – und in denen das Verstehen und das Fühlen beginnt. „Statt Besinnlichkeit radikale Sinnlichkeit“: Das, hat der in diesem November 80-jährige ehemalige Stuttgarter Kompositionsprofessor geschrieben, habe er seinem Stück einkomponiert, und er könne durchaus verstehen, dass seine Klänge die Zuhörer „oft ebenso irritiert wie ergriffen“ hätten.

Zwischen Abstraktion und Konkretisierung

Die Handlungsverweigerung des Stücks hat etliche Regisseure schon zu sehr eigenständigen Bildern inspiriert. Ins Abstrakte, Stilisierte drängte Achim Freyers Hamburger Uraufführungsinszenierung, bei der die Musiker hinter einem transparent abgedeckten Orchestergraben zu Mitspielern wurden. In Stuttgart erfand Peter Mussbach 2001 still-schöne Bilder, von denen etliche allerdings allzu dekorativ wirkten.

Die Gefahr liegt allerdings nahe: So stark ist die Bildlichkeit, die aus dem Orchestergraben herausdrängt und sich auf stille, aber insistierende Weise gleichsam in die Köpfe des Publikums hinein fräst.

Bei den Salzburger Festspielen hat man dies gesehen und dem von Sylvain Cambreling dirigierten Orchester eine schlichte „Bild-Installation“ des Japaners Hideoki Yamanobe an die Seite gestellt. Und an der Deutschen Oper Berlin suchte der Regisseur David Hermann 2012 sein Heil in der Konkretion der Geschichte, positionierte aber die Orchestermusiker so sichtbar im Raum, dass am Ende doch wieder die Musik auch szenisch das letzte Wort sprach – für die Präzision dabei sorgte vor allem der Uraufführungsdirigent Lothar Zagrosek.

Qualm vom Quälgeist

Begeisterungsstürme erntete Robert Wilson, der dem Stück 2013 bei der Ruhrtriennale seine ganz eigene Bildersprache entgegensetzte – und der Instrumentalisten wie Sänger hinter Bühne und Zuschauertribüne der Bochumer Jahrhunderthalle schickte. Der so entstehende Klang geriet unter Emilio Pomàricos Leitung gigantisch: klar, packend. Die typischen Wilson-Bilder im typischen Wilson-Zeitlupentempo auf der Bühne behaupteten ihre Eigenständigkeit. Das Experiment glückte: Die Reibung war reine Magie.

Wer der mittlerweile 18 Jahre alten „Musik mit Bildern“ heute begegnet, wird überrascht feststellen, dass sie nichts von ihrer Radikalität und Eindringlichkeit eingebüßt hat. Ganz anders verhält es sich mit manchen Kritiken der Uraufführung. So beschreibt unter der Überschrift „Qualm vom Quälgeist“der Starkritiker des „Spiegel“ Lachenmanns „Un-Oper“ so: „Tonkrümel und Tonklumpen; schräge, schrille, stachelige Geräuschfetzen; es kracht und knarrt und knattert; es bibbert, wimmert, jault, faucht, schabt, rauscht, keucht, winselt, zischt - eine elende, elend langwierige Etüde für das flotte Mundwerk drangsalierter Choristen und für die Engelsgeduld malträtierter Instrumentalisten – Musiktheater als Martyrium“.

Erstaunlich, dass bei so viel Leiden „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ so populär und quicklebendig ist wie eh und je.

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