In der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt gibt man sich gelassen, sollte das Unternehmen den Dax verlassen müssen. Foto: dpa

Das Dax-Gründungsmitglied muss voraussichtlich Wirecard weichen – einem Fintech, also einem technologiegetriebenenen Zahlungsdienstleister. Der Wechsel steht für den Wandel der Finanzbranche, hängt aber auch mit spezifischen Problemen der deutschen Banken zusammen.

Frankfurt - Es ist eine Zäsur, nicht nur für Commerzbank-Aktionäre: Die zweitgrößte deutsche Privatbank muss ihren Platz im Deutschen Aktienindex (Dax) für eine Fintech räumen. Offiziell fällt die Entscheidung erst am 5. September – doch praktisch ist der Abstieg des Dax-Gründungsmitglieds aus der ersten Börsenliga unvermeidlich. Schon Ende Juli lag die Bank mit einem Börsenwert von rund zehn Milliarden Euro hinter einigen Unternehmen aus den Nebenwerte-Indizes Tec-Dax und M-Dax zurück. Seither hat Aufsteiger Wirecard noch einmal eine kräftige Kursrallye hingelegt, der Sprung in den Dax ist damit so gut wie sicher.

Wirecard? Anders als die Commerzbank, die mit ihren bundesweit 1000 gelben Filialen fast jedem Bürger vertraut ist, dürfte der Name des Technologiekonzerns aus Aschheim bei München den meisten noch nie begegnet sein. Die Dienstleistungen des Unternehmens haben aber vermutlich viele schon genutzt, ohne es zu wissen: Wirecard baut für Online-Händler und Fluggesellschaften die sogenannte Checkout-Page. Das ist die Seite, die erscheint, wenn es bei Bestellungen im Internet zur Auswahl des Bezahlverfahrens geht. Auch Kartenlesegeräte für den stationären Handel bietet Wirecard an, um nur einige Beispiele aus dem Produktportfolio zu nennen.

Zu den Kunden, die Wirecard auf seiner Website nennt, gehören Traditionsunternehmen wie Villeroy & Boch, auch Einzelhandelsriesen wie Lidl oder Rossmann sind dabei. Das war nicht immer so: In der Anfangszeit wurden die Dienste des 19 Jahre alten Unternehmens vor allem von Glücksspiel- und Pornoanbietern genutzt. Auch später gab es immer wieder Berichte über dubiose Geschäfte, die sich allerdings nicht erhärteten. Viele wurden wohl von Spekulanten lanciert, die an Wetten auf Kurseinbrüche verdienten.

Als Wirecard 1999 gegründet wurde, war der Begriff Fintech hierzulande noch unbekannt. Er passt aber durchaus, schließlich handelt es sich um ein Technologieunternehmen, das Finanzdienstleistungen anbietet. Dass ein Vertreter dieser Gattung die 1870 gegründete Commerzbank aus dem Dax verdrängt, verdeutlicht den Wandel der Finanzbranche.

Wirecard übertrifft beim Börsenwert auch die Deutsche Bank

Bezogen auf die Marktkapitalisierung übertraf Wirecard zuletzt sogar die Deutsche Bank. Das heißt: Ein Unternehmen mit nicht einmal 5000 Mitarbeitern ist an der Börse mehr wert als das größte deutsche Geldhaus, das fast 100 000 Menschen beschäftigt. Der Aktienkurs von mehr als 180 Euro beruht vor allem darauf, dass Anleger bei Wirecard Chancen für die Zukunft wittern: „Das Wachstum bei Wirecard wird angetrieben vom weltweiten Siegeszug des Online-Handels und dem zu beobachtenden Trend weg von Bargeldzahlungen“, stellte die LBBW in ihrer jüngsten Aktienanalyse fest.

Dass klassische Banken bei Online-Bezahlverfahren ins Hintertreffen geraten sind, sei selbst verschuldet, meint Martin Faust, Professor an der Frankfurt School of Finance: „Den Zahlungsverkehr haben die Banken zu einem gewissen Grad schon abgeschrieben.“ Die Deutsche Bank meldete am Freitag zwar, sie wolle das Geschäft ausbauen – muss für die Abwicklung mobiler Zahlungen allerdings Expertise von außen zukaufen: Das Geldhaus beteiligt sich dafür an dem US-Start-up Modo Payments. Laut Faust müssen die Banken aufpassen, nicht noch mehr Geschäft an neue Anbieter zu verlieren: „Schwierig wird es, wenn es ans Kerngeschäft geht, also die Vermittlung von Krediten und Produkten für die Geldanlage. Hier machen Vergleichsportale und Robo-Advisor den Banken Konkurrenz.“

Ein weltweiter Trend – gleichwohl ist die Marktkapitalisierung der großen deutschen Geldhäuser auch im Vergleich zu anderen Banken gering. Europäische Konkurrenten wie BNP Paribas aus Frankreich sind an der Börse weit mehr wert als die Deutsche Bank. Letztere gehört derzeit zu den billigsten Titeln im Eurozonen-Index Euro Stoxx 50 und könnte dort von der italienischen Unicredit verdrängt werden.

Euro Stoxx künftig ohne Geldhaus aus Deutschland?

„Wir haben da schon ein deutsches Problem“, sagt Banken-Professor Faust. „Sowohl die Commerzbank als auch die Deutsche Bank haben ihr internationales Geschäft stark zurückgefahren, gleichzeitig ist der Heimatmarkt heftig umkämpft. Das Ergebnis sind sinkende Erträge.“ Die Digitalisierung sei eine Herausforderung für die Finanzbranche weltweit. „Aber die großen ausländischen Banken haben derzeit einfach eine bessere geschäftliche Basis und können deshalb mehr investieren.“

Commerzbank-Chef Zielke gibt sich gelassen

Bei der Commerzbank ist man bemüht, den drohenden Abstieg herunterzuspielen: „Für unsere Kunden, für unser Geschäft ändert sich damit überhaupt nichts“, sagte Konzernchef Martin Zielke kürzlich im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Gleichwohl hätte das Dax-Aus neben dem Prestigeverlust auch praktische Konsequenzen: Die Commerzbank würde aus Indexfonds (ETF) aussortiert, die den Dax abbilden. Die zweite Börsenliga M-Dax genießt bei Investoren weniger Aufmerksamkeit. Gut möglich also, dass die Commerzbank-Aktie durch den Abstieg erneut einen Rückschlag erleidet. Überbewerten sollte man dieses Risiko aber nicht, meint LBBW-Analyst Wolfgang Albrecht: Beim Abstieg eines Unternehmens aus dem Dax entstehe „erfahrungsgemäß kein solcher Druck auf die Aktie, dass sie ins Bodenlose fiele“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: