Am Wochende starten Backnang, Winnenden und Weinstadt mit Neujahrsempfängen ins Jahr 2026. Gemeinsam ist den Veranstaltungen der Appell ans gesellschaftliche Miteinander.
Beim Neujahrsempfang der Stadt Backnang (Rems-Murr-Kreis) hat Oberbürgermeister Maximilian Friedrich am Freitagabend Klartext gesprochen. „Übergriffe und Einschüchterungsversuche – gegen wen auch immer – dürfen in Backnang keinen Platz haben.“ Dafür gibt es einen konkreten Anlass: Kurz vor Weihnachten hatten unbekannte Täter alle vier Reifen des Autos der Familie Friedrich mit winzigen Einstichlöchern versehen. „Als wir abends die Heimfahrt antreten wollten, bemerkten wir, dass mit unserem Auto etwas nicht stimmte“, schilderte Friedrich die Attacke.
„Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern weil solche Taten verunsichern“, betonte Friedrich. Einschüchterung dürfe niemals zur Normalität werden. „Das sage ich auch mit Blick auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung, bei den Blaulichtorganisationen und im Ehrenamt. Viele von ihnen sehen sich seit Jahren zunehmend mit Anfeindungen, Bedrohungen oder Übergriffen konfrontiert – teils im Dienst, teils ganz persönlich.“ Wer für Backnang arbeite oder sich für die Stadt engagiere, verdiene „Schutz, Rückhalt und Respekt“. Er selbst werde seinen Stil der gelebten Bürgernähe dennoch fortsetzen.
In seiner Rede hob Friedrich die positiven Entwicklungen in der Stadt hervor: Mit neuen Infrastrukturprojekten und neuen Gewerbeansiedlungen setze man wichtige Impulse, entwickle ganze Stadtquartiere neu und treibe den Breitbandausbau sowie den Hochwasserschutz voran. Das Stadttauben-Management und mehr Präsenz des Vollzugsdienstes sollen in der Innenstadt für mehr Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Sauberkeit sorgen.
Ausbau der B 14 geht voran
Ein regionales Großprojekt, der Ausbau der B 14 rund um Backnang, nehme Gestalt an. Nach dem westlichen Murrtalviadukt solle bis zum Frühjahr auch das östliche Bauwerk fertiggestellt sein. „Die Arbeiten an der neuen Brücke über die Aspacher Straße kommen gut voran, ebenso die Vorbereitungen für die Anschlussstellen Backnang-West und Backnang-Süd.“
Als besondere Herausforderungen nannte Friedrich die für Sommer 2027 geplante dreimonatige Unterbrechung des Schienenverkehrs im Zuge der Brückenbaumaßnahmen. „Die Sperrung der B 14 wird aber Gott sei Dank nur für wenige Wochen erforderlich sein.“ Ziel sei es, die B 14 bis zum Ende des Jahrzehnts durchgehend vierstreifig auszubauen und damit die Erreichbarkeit Backnangs nachhaltig zu optimieren.
Winnenden steht kurz vor der OB-Wahl
Ein wenig anders als anderswo ist der Neujahrsempfang in Winnenden aufgezogen. Das fängt damit an, dass in der Hermann-Schwab-Halle am Samstagabend neben dem Blasorchester der Stadt und dem Chor der Musik- und Kunstschule Winnenden auch ein kirchliches Ensemble auf der Bühne sitzt. Der für die Teilorte stehende Posaunenchor Birkmannsweiler – Höfen – Baach, 1926 gegründet, darf mit Blick auf sein Jubiläumsjahr die prestigeträchtige Veranstaltung zum Jahresauftakt eröffnen – und tut das mit einem ausgesprochen konzertanten Auftritt.
Anders ist auch, dass die Stadt Winnenden für die Bewirtung der gut 500 Besucher beim Stehempfang kein Catering-Unternehmen verpflichtet hat. Nein, fürs zum Wein gereichte Gebäck sorgen in Winnenden drei Vereine mit Leckereien aus dem Backhäusle. Der größte Unterschied ist aber, dass Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth auch zwei Wochen vor der OB-Wahl nicht ans Rednerpult tritt, um in staatstragenden Worten über Wohl und Wehe der 30 000-Einwohner-Kommune zu referieren.
Dialog mit dem Winnender Mädle
Dass auch Winnenden in Geldnöte geraten ist und enorme Mühe hatte, einen genehmigungsfähigen Haushalt aufzustellen, ist eine der wenigen politischen Botschaften, mit denen sich der Rathauschef beim Neujahrsempfang direkt ans Publikum richtet. Ansonsten pflegt er den Dialog mit der im April zum Winnender Mädle gekürten Lisa Keidel.
In einem gemeinsamen Jahresrückblick lassen der OB und die lokale Symbolfigur die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2025 noch einmal aufleben – von der Eröffnung der fast zehn Millionen Euro teuren neuen Ortsdurchfahrt über den auf Initiative des Jugendgemeinderats entstandenen Soccer Court am Kronenplatz bis zur Fertigstellung des Wohnprojekts im Douglasienweg mit seinen 50 meist sozial geförderten Appartements und einer viergruppigen Kindertagesstätte.
Dass Winnenden das Kunststück gelungen ist, von der Architektenkammer Baden-Württemberg gleich fünf von 25 Auszeichnungen für beispielhaftes Bauen einzuheimsen, unter anderem für die Generalsanierung es Lessing-Gymnasiums und das neue Kinderhaus Koppelesbach, kommt beim Neujahrsempfang ebenfalls zur Sprache – nur eben im kurzweiligen Smalltalk-Format statt im Frontalreferat vom Rednerpult.
Und: Hartmut Holzwarth lässt auch durchblicken, dass die Einrichtung des Maßregelvollzugs am Zentrum für Psychiatrie, für den das Land fast 100 Millionen Euro in Winnenden investiert, für die Stadt auch ihre guten Seiten hat. Zum einen seien nicht nur der Sanierungsumbau im Polizeirevier an der Eugenstraße begonnen und alle Personalstellen besetzt. Mit dem Spatenstich für eine neue Sporthalle, die auch von den örtlichen Vereinen genutzt werden dürfe, zeichne sich auch bei der Suche nach Trainingszeit eine Entlastung ab.
Lange Projektliste in Weinstadt
Weinstadt hat für seinen Neujahrsempfang eine prominente Gastrednerin verpflichtet: Sibylle Thelen, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, spricht am Sonntag in der Endersbacher Jahnhalle zum „Beutelsbacher Konsens“. Der vor 50 Jahren bei einer Fachtagung auf dem Landgut Burg gefasste Entschluss hat Leitlinien für die politische Bildung gesetzt – und gilt bis heute als ethische Richtschnur für den Schulunterricht.
Auch Weinstadt ist in Finanznöten
In seiner Neujahrsrede rückt OB Michael Scharmann nicht nur die 2006 gegründete Bürgerstiftung als tragende Säule des gesellschaftlichen Miteinanders in den Blick, er warnt auch eindringlich vor einem finanziellen Ausbluten der kommunalen Kassen. Das Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ funktioniere in Deutschland schon lange nicht mehr, wie fast 90 Prozent aller Städte in Baden-Württemberg schaffe auch Weinstadt keinen ausgeglichenen Haushalt. Der Grund liegt für Michael Scharmann auf der Hand: „Wir Kommunen fangen auf, was andere Ebenen beschließen. Irgendwann ist der Tank leer. Genau da sind wir jetzt“, sagt der OB beim Neujahrsempfang.
Die Projektliste, die Weinstadts Rathauschef als Agenda für 2026 vorlegt, wirkt vor diesem Hintergrund wie ein kaum stemmbarer Kraftakt. Die Fertigstellung der Silcherschule, die Sanierung der großen Sporthalle, die Neugestaltung der Beutelsbacher Ortsmitte, die Planungen für ein zentrales Feuerwehrhaus und für den Neubau der Beutelsbacher Grundschule stehen ebenso auf dem Programm wie die Freiflächen-Solaranlage am Schönbühl – nach den Meilensteinen wie der Einweihung des neuen Hallenbads und der Neugestaltung der Einkaufsstraße in Endersbach eine erneut große Herausforderung.
Vielleicht auch deshalb werden mit Blick auf die angespannte Haushaltslage beim Neujahrsempfang nur Butterbrezeln serviert. Der OB kommentiert das launig; „Ein Gläschen Wein dazu macht daraus fast schon ein Festmahl – und die Herzlichkeit, die wir heute in der Jahnhalle spüren, ist ohnehin unbezahlbar.“