Bei der Regionalen Kliniken Holding mit Sitz in Ludwigsburg können Pfleger nun nebenher studieren. Das ist anstrengend, scheint sich aber auszahlen: für die Fachkräfte selbst – und die Patienten.
Mit 57 Jahren zählen andere schon fast die Tage bis zur Rente herunter. Manuela Rieger nimmt hingegen eine andere Perspektive ein, betont, dass sie noch eine ganze Dekade im Berufsleben steht, und will deshalb weiter dazulernen und auf dem neuesten Stand bleiben. Da die Krankenschwester aus Tamm zudem schon immer studieren wollte, hat sie die Chance beim Schopf gepackt, die die Regionale Kliniken Holding (RKH) mit Sitz in Ludwigsburg ihren Mitarbeitern seit Kurzem bietet: Pflegekräfte können ergänzend zu Job oder Ausbildung zur Uni gehen. „Damit wollen wir die Attraktivität des Berufs verbessern“, erklärt Katja Damm, die im Haus das Referat Pflegeentwicklung und -wissenschaft leitet. Vor allem aber solle die Patientenversorgung optimiert werden, hebt Damm hervor.
Letzteres soll dadurch gelingen, dass die frischgebackenen Akademiker ihr Wissen an die Kollegen weitergeben, es also direkt am Krankenbett genutzt werden kann. Selbstverständlich seien die Pfleger durch ihre Ausbildung schon bestmöglich auf ihre Aufgabe vorbereitet, sagt Rebekka Keller, die zu den ersten RKH-Absolventen des Programms gehört. „Aber es ist in der Pflege wie in der Medizin. Es ändert sich ständig etwas, es gibt neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Behandlungswege und Standards ändern sich. Und genau an dem Punkt ist die Schnittstelle, an der die akademisierten Pflegekräfte zum Einsatz kommen“, erklärt die 34-Jährige.
Wissen kann bei akuter Verwirrtheit eingesetzt werden
Die Felder, auf denen das an der Hochschule erlangte Wissen ausgespielt werden kann, sind vielfältig. Keller hat sich zum Beispiel schon während des Studiums mit dem Thema Delir beschäftigt. Dabei handelt es sich um einen akuten Verwirrtheitszustand, in dem sich Patienten als Komplikation nach einer Operation oder aufgrund eines Infekts befinden können. „Das ist ein Herzensthema von mir“, sagt Keller, die zu 50 Prozent im Referat Pflegeentwicklung wirkt und zu 50 Prozent die pflegewissenschaftliche Praxis im Haus der Holding in Bruchsal vorantreibt.
Im Zusammenspiel mit dem Team auf der Station und der Pflegedirektion entwickelt sie ein Konzept, wie die Betroffenen optimal versorgt und auch die Angehörigen mit einbezogen werden können. Ähnliche Projekte seien in der Sturzprophylaxe oder bei der Hautpflege an den Start gebracht worden, berichtet Keller. „Sepsis ist gerade auch ein ganz großes Thema an den Kliniken, an dem interprofessionell gearbeitet wird. Da sind zum Beispiel auch Kolleginnen aus der Intensivstation in Ludwigsburg sehr stark engagiert“, ergänzt Katja Damm.
Der Geschäftsführer der Kliniken Holding Jörg Martin begrüßt die fortschreitende Akademisierung in der Pflege. Entsprechend übernimmt der Krankenhausverbund die Kosten für das Studium, die bei rund 10 000 Euro liegen. Umgekehrt müssen die Interessenten ein beachtliches Pensum leisten. „Das ist nicht einfach. Je nach Umfang, den man arbeitet, muss man die Zeit dazwischen für das Studium nutzen“, sagt Florian Knodel, der weiß, wovon er spricht, weil der 40-Jährige seinen Abschluss bereits in der Tasche hat und die Büffelei mit der Familie samt zwei Kindern unter einen Hut bekommen musste. Ein Minimum von 15 bis 20 Stunden pro Woche seien ein realistischer Aufwand, sagt Manuela Rieger, die noch mitten im Studium steckt.
Hohe Eigenmotivation
Andererseits wissen diejenigen, die sich für diesen Pfad entschieden haben, worauf sie sich eingelassen haben, stehen zudem in der Regel mitten im Leben, sind voll motiviert. „Die Leute wissen: das ist der Weg, das will ich machen“, bekräftigt Manuela Rieger. Entsprechend hoch sei das Engagement.
So auch bei ihr. Die gelernte Krankenschwester kann schon diverse Fortbildungen in die Waagschale werfen, unter anderem eine Fachausbildung zur Anästhesie- und Intensivpflegerin. „Aber die wissenschaftliche Fundierung bekommt man nur an der Universität“, betont die 57-jährige Pflegekraft. Doch ein Studium war für Manuela Rieger zuvor auch wegen der familiären Umstände mit Kindern nicht zu stemmen. Nun seien die Bedingungen für die Studenten dank des Programms exzellent.
Virtueller Hörsaal
In der Regel brüten die Krankenpfleger drei Jahre über dem Lernstoff, ehe sie den Abschluss machen. Die Inhalte in dem Online-Studium, das in drei Leistungsstufen gegliedert ist, werden digital bereitgestellt. Zum Austausch und für Nachfragen wird außerdem in Kleingruppen ein virtueller Hörsaal eingerichtet. Jedes der drei Level wird bei einer Woche in Präsenz in Salzburg abgeschlossen. Das Studium beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der Pflege wie der Wundversorgung und der Schmerzlinderung, unternimmt überdies Ausflüge in die Soziologie und Psychologie. Man lernt, wissenschaftlich zu arbeiten, Wissen zu vermitteln, vergleicht Gesundheitssysteme. Das Ganze ist folglich kein Medizinstudium light, wie man unter Umständen meinen könnte. „Wir sind keine Mini-Docs, sondern Maxi-Nurses“, sagt Manuela Rieger.
Was Krankenpfleger mitbringen müssen
Akademisierung
Es gibt in ganz Deutschland nur etwa 40 Akademische Lehrkrankenhäuser für Pflege wie die Regionale Kliniken Holding, die in den Landkreisen Ludwigsburg und Karlsruhe sowie im Enzkreis insgesamt acht Kliniken betreibt. Das Studium kann im Prinzip jede Krankenpflegerin mit Fachweiterbildung absolvieren, die dafür geeignet ist. Ohne Fachausbildung müssen Pfleger eine Zulassungsprüfung an der Uni ablegen. Abiturienten können in vier Jahren Ausbildung und Studium zusammen machen.