Neue Gastgeberin im Ochsensaal: Hülya Stiefel hat am Freitagabend bei der Gala Musicalstar Kevin Tarte bei sich – und noch viel mehr Prominenz. Foto: Horst Rudel

Auf der Flucht vor Feinstaub und ewigen Staus: Die Landlust der Großstädter ist stärker denn je. Immer mehr Menschen ziehen ins Umland – und sie feiern dort auch gern. Der schönste Festsaal der Region hat am Freitagabend Stuttgarter Vips in großer Zahl in den Ochsen nach Neuhausen gelockt.

Stuttgart - Ach, wie herrlich! Der Show-Veteran, Opernregisseur und „Soko“-Schauspieler Michael Gaedt liebt das Wir-Gefühl auf dem Dorf, den Stallgeruch der Erinnerungen und Straßen ohne Verkehrskollaps.

Schon 1990 brachte er mit dem legendären Trio Die Kleine Tierschau eine Show auf die Bühne, die so warm wie Mist war und „Landfunk und Scheunentrash“ hieß.

Seit 40 Jahren lebt Gaedt in der Großstadt Stuttgart. Bis heute versteht er sie nicht, wie er sagt, wenn er mit großen Augen staunend durch die Straßen läuft. Denn tief im Herzen ist er der Bub von der Alb geblieben. Als die Anfrage kurzfristig kam, für den erkrankten TV-Koch Frank Rosin einzuspringen, der am Freitagabend den Neustart des Ochsen in Neuhausen moderieren sollte, überlegte der Entertainer nicht lange. Kann es für ihn was Schöneres geben, als die Reize der Provinz zu rühmen? Und das vor Weltstädtle-Bewohnern wie Musicalstar Kevin Tarte, dem Ur-Krolock von „Tanz der Vampire“, SWR-3-Moderator Ben Streubel, Heiko Volz und Volker Lang alias Äffle & Pferdle, Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder, den Sängern Jenny Marsala und Trevor Jackson, Bandleader Berti Kiolbassa. Von der Alb kamen die Luxusautohändler Michael und Sven Kanz
im Lamborghini Spyder Aventador und im Mercedes GTS AMG.

„Klein-Venedig“ auf den Fildern

Vorbei sind die Zeiten, da Doppelkennzeichen von ES über WN bis RT kolonnenweise nach Stuttgart fuhren, um dort keine Parkplätze zu finden, dafür aber Strafzettel als Souvenirs einzusammeln. Jetzt steuern die Einzelkennzeichen – vorne stets mit S – den ländlichen Raum an.

„Feinstaub gibt’s bei uns nicht“, sagt Ingo Hacker, der Bürgermeister von Neuhausen auf den Fildern. Die Sanierung der Ortsmitte gilt mit Bepflasterung, viel Grün und Wasser- und Wegeverbindungen, weshalb man das Viertel „Klein-Venedig“ nennt, als vorbildlich.

Eine dörflich geprägte Gemeinde erfüllt moderne Ansprüche – ganz so wie der Ochsen. Die Traditionsgaststätte mit ihrem ortsbildprägenden Fachwerkbau beim Oberen Schloss befindet sich im Besitz der Gemeinde und ist dabei, in die erste Liga aufzusteigen. Aus der Fülle an Bewerbungen hat der Gemeinderat die neuen Pächter Hülya Stiefel, Steffen Wolber und Lukas Malejka (sie betreiben auch das Restaurant Zehn Brunnen in Renningen) ausgewählt, um die Nachfolge der bisherigen Wirtsfamilie Rörich, der Stuttgarter-Kickers-Gastronomen, anzutreten. Die Neuen wollen hohe kulinarische Ambitionen mit dörflicher Gemütlichkeit verbinden. Das kommt nicht nur bei Großstädtern (außerdem dabei: die Designer Tobias Siewert und Manuel Kloker, Autor Patrick Mikolaj vom Unnützen Stuttgartwissen) gut an, die sich am Freitagabend in der Ochsenpracht an einem vorzüglichen und rundum gelungenen Fünf-Gänge-Menü und an Gaedts Späßen mit Stepp-Einlagen erfreuten. Der Moderator brachte es fertig, jeden Gang in einem anderen Anzug anzupreisen.

S-Bahn soll 2021 oder 2022 nach Neuhausen fahren

Der Ochsensaal von 1903, vom Männergesangsverein Eintracht geschaffen, ist mit seinen Jugendstilmalereien und seiner Galerie ein Schmuckstück, auf das Bürgermeister Hacker zu Recht stolz ist. Wirtschaftsförderung im besten Sinne war’s, als die Verwaltung das Kleinod, das zuletzt eine Bücherei war, im Krieg Zwangsarbeiter beherbergte und danach der Firma Bleyle als Produktionsstätte diente, mit Liebe zum Detail für 700.000 Euro sanierte. Daneben ließ Neuhausen wenige Meter weiter auch den Saalbau herrichten. Mit hoher Rendite kann die kleine Fildergemeinde (knapp 12  000 Einwohner) bei der Ochsen-Pacht nicht rechnen, aber Sympathiepunkte sammeln. Näher ran an Stuttgart will Neuhausen rücken, wenn die S-Bahn kommt. „2021 oder 2022 wird die neue Strecke fertig sein“, sagt der Bürgermeister. Bei Großprojekten aber weiß man nie.

Äffle und Pferdle fragen: Was isch groß?

Näher ran an Stuttgart gerückt ist der frühere Saturn-Geschäftsführer Michael Stiefel bereits vor zehn Jahren, als er mit seiner Frau Hülya Stiefel von Bayern zu den Schwaben gezogen ist. So gut gefälllt es ihnen hier, dass sie geblieben sind, nachdem die Familie Stiefel ihre Anteile an Saturn und Media Markt verkauft hat. Hülya Stiefel hat als Ochsen-Wirtin ihre Liebe zur Gastronomie entdeckt und große Pläne. Aus dem schönsten Saal der Filder lässt sich viel machen. Die Landlust ist geweckt.

Heiko Volz und Volker Lang fassten in ihren Schwabenrollen den Abend auf der Bühne zusammen. Äffle: „Was isch groß?“ Pferdle: „Frl. Wommy Wonder!“ Äffle: „Ond was isch größer?“ Pferdle: „Neuhausen!“ Äffle: „Was isch überhaupt s Gröschde?“ Pferdle: „Lensa mit Spätzle ond Saidawürschd.“

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