Die üppige Produktion ist auf Wohlklang gebürstet wie das Cover-Motiv auf Augenweide: „The Endless River“ Foto: Warner

„The Endless River“ sei definitiv die letzte Veröffentlichung von Pink Floyd, versichern Gitarrist David Gilmour und Drummer Nick Mason. Sie bescheren ihren Hörern bombastische instrumentale Klangminiaturen, in denen alte Größe nachhallt.

Stuttgart - Rock-Alben sind Werke von Bands, die ­gemeinsam ihre jüngsten Kompositionen verewigen. Darin spiegeln sich hörbar kreative Höhenflüge und Krisen einzelner Musiker, die Hierarchie und Chemie im Ringen um Ideen, der jeweilige Zeitgeist in Sachen Stilistik und Produktion.

Pink Floyd waren das Vehikel des Britpop-Psychedelikers Syd Barrett („The Piper At The Gates Of Dawn“, 1968), Abenteuerspielplatz für Gilmour, Mason, Bassist Roger Waters, Keyboarder Rick Wright („Meddle , 1971, „The Dark Side Of The Moon“, 1973), Folie für Kollisionen des Paranoikers Waters mit dem Schöngeist Gilmour („Wish You Were Here“, 1975) wie auch für Waters’ späte Egomanie („The Wall“, 1980).

Diese Vorbemerkung ist wichtig, weil „The Endless River“ kein Band-Album im beschriebenen Sinn ist, sondern eher den Charakter einer Bonus-CD hat: ein 17-teiliges Sammelsurium instrumentaler Stücke, die Hälfte davon kürzer als zwei Minuten, garniert mit einem zu Ende komponierten Song aus Gilmours Feder. Auszüge aus den Aufnahmesessions zum Album „The Division Bell“ von 1994 bilden die Basis, besonders die Keyboard-Klänge des 2008 verstorbenen Wright, dem der Tonträger gewidmet ist. Gilmour und Mason ­haben sie im Studio ergänzt und aufgeblasen.

Wie ein musikalischer Sonnenaufgang fluten zur Eröffnung in „Things Left ­Unsaid“ flächige Synthesizer und flirrende Gitarrenklänge die Ohren, „It’s What We Do“ tönt wie ein Überbleibsel von „Wish You Were Here“, Gilmour lässt die Gitarre ­singen. Mason schlägt in „Skins“ wild die Trommeln, „Night Light“ ist eine Schichtung aus Synthesizer und Gitarre, „Allons-y“ trabt voran wie einst „Run Like Hell“.

Das Saxofon aus einer anderen Zeit in der ­Zuckerbäcker-Hymne „Anisina“ gilt es auszuhalten, die Kirchenorgelwand in „Autumn ’68“ erinnert nur im Titel an „Summer ’68“, eine große Komposition Rights, der in einer ähnlichen Klemme steckte wie vor ihm George Harrison bei den Beatles.

In „Talkin’ Hawkin’“ kommt zwischen elegischer Gitarre und Damengesang der Physiker Stephen Hawking zu Wort, der klingt, als spräche er von der dunklen Seite des Mondes zu den Erdlingen. „Calling“ erinnert mit deformierten Synthesizer- und Gitarrenkaskaden an die frühen Klangspieler Pink Floyd, und in „Surfacing“ geht die Sonne dann in Dur wieder unter zu Akustik-Picking und vielen „Uuuuhs“.

Wehmut schwingt mit in diesen Impressionen, die sich aneinanderreihen wie Bilder in den Fotoalben aus der Zeit, als es noch ­Abzüge gab. Es sind weniger Kompositionen denn Anrisse – Intros, Outros, Zwischenteile, die im Kopf zu Ende gedacht werden wollen. Dabei ist die üppige Produktion auf Wohlklang gebürstet wie das Cover-Motiv auf Augenweide, vieles verschwimmt in seligem Schwelgen, wo bei Pink Floyd früher kühle klangliche Präzision herrschte.

Bleibt noch „Louder Than Words“, eine getragene Hymne mit Gilmours gesalbter Stimme, einem typischen Gitarrensolo, dem unnachahmlichen Mason-Beat, einer Montage aus Passagen Wrights und einem Text von Gilmours Ehefrau Polly Samson, der ins Pink-Floyd-Vermächtnis passt. All das hat Gilmour ­musikalisch weich gebettet, wie es seine Art ist, seit er sich nicht mehr an Waters’ harscher Scharfkantigkeit reiben muss.

So einen Maßstab anzulegen, wäre indes ein Missverständnis: „The Endless ­River“ ist kein Band-Album­, sondern ein Abschiedsgruß an die lange darbenden Fans – und als solcher verstanden ein durchaus würdiger.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: