Alessandro Giaquinto hat das Solo „Derma“ für sich selbst choreografiert. Foto: Alwin Maigler

Begeistertes Publikum, überraschende Kunst: Das Kurzkunstformat „Shorties“ im Fitz hat sich bewährt und zeigt bei der 21. Ausgabe Performances, die unter die Haut gehen.

„Shorties“ heißt das Format, mit dem das Produktionszentrum für Tanz und Performance, der Filmwinter und das Figurentheater Fitz gemeinsame Sache machen. Mit der jüngsten Ausgabe wurde dieser spartenübergreifende Einblick so richtig volljährig. Die 21. Ausgabe glänzte im Fitz mit vollem Saal und bewies, dass hier nicht nur unterschiedliche Künstler, sondern auch vielfältige Publikumsgruppen einander begegnen. Letztere mit Unerwartetem zu überraschen, ist das Ziel der Abende.

 

Mit zwei neuen Live-Performances lösten die 21. „Shorties“ das voll ein. Die Figurenspielerin Camilla Krause, die kürzlich an der Stuttgarter Hochschule ihren Abschluss gemacht hat, und der Choreograf und Tänzer Alessandro Giaquinto, der nach seinem Abschied vom Stuttgarter Ballett seit einem Jahr auf eigenen Beinen steht, zeigten zwei ungewöhnliche Soli – und waren beide doch nicht allein auf der Bühne.

Von Tierliebe und Masthuhn

Camilla Krause hatte ihre „Mitspieler“ über Zeitungsanzeigen gefunden. Vier ausgestopfte Vögel bringen dank der feinen Manipulationen der Figurenspielerin Leben in ihr Solo „Waid – Wipfelpirschen“. Ein Habicht blickt mit ruckendem Köpfchen ins Rund, ein Fasan attackiert, an einem unsichtbaren Faden hängend, auf immer neuen Flugbahnen. Camilla Krause deckt im fürsorglichen Dialog mit den Präparierten die Eigenarten menschlicher Tierliebe auf. Der romantische Blick auf Jagd und Waidmannsheil ist das eine, Massentierhaltung das andere. Und so enden Leben, die gut beschützt in einem Ei begannen, im besten Fall als ausgestopfter Balg.

Szene aus „Derma“ mit und von Alessandro Giaquinto Foto: Alvin Maigler

Von einer ganz anderen Häutung erzählt Alessandro Giaquinto, der sich für sein Solo „Derma“ (italienisch für Haut) mit einer Fülle unterschiedlich großer Kartons umgibt. Die ganz in Schwarz ausgemalte, auch eher finster ausgeleuchtete Szene deutet einen Umzug an und kann für die privaten Veränderungen des Tänzers stehen, aber auch für die vielen Transformationsprozesse, die das Leben uns allen zumutet. Alessandro Giaquinto behauptet sich darin mit den schnellen, präzisen Bewegungen eines klassischen Tänzers, die er messerscharf in den Raum zeichnet. Mit abrupten Tempowechseln spiegeln sie Zerrissenheit und die hohen Anforderungen eines modernen Lebens.

Just, als der monotone Rhythmus der Begleitmusik anstrengend wird, landet der Tänzer mit einem Ausfallschritt in einem der Kartontürme und fokussiert sich in einem Moment der Ruhe neu. Ein Teppich aus Kaffeepulver, ein buntes Sprachengemisch vom Band, ein Kleid, das der Tänzer wie eine zweite Haut überstreift, stehen für die neue Offenheit, die den Kampf davor ablöst. Mit ungewöhnlicher Intensität geht dieser Blick nach innen tatsächlich unter die Haut.

Beste Werbung für die nächsten „Shorties“

Ein bisschen Humor gönnen drei zwischen die Performances platzierte Kurzfilme. Von der Ludwigsburger Filmakademie kommt der Deutsche Kurzfilmpreisträger 2024. Daniel Huss zeigt in „Melodies of Barking Dogs“ eine gelangweilte Jungstruppe, die mit neuen Gefühlen umzugehen lernt. Aber auch die Kanadier Norman McLaren und Grant Munro ernten in zweieinhalb Minuten maximal Lacher, wenn sie in „Two Bagatelles“ zwei Männer durch witzige Kunstgriffe zu Eiskunstläufer und Tänzer machen. Vor allem machen sie beste Werbung für einen neuen Blick – und damit auch für die „Shorties“ – die 22. Ausgabe findet am 10. Februar statt.