Der britische Journalist John Kampfner wirft in seinem neuen Buch einen „bewundernden Blick von außen“ auf unser Land. Er lobt dabei Erwartbares – und Überraschendes.
London - Wer als Deutscher gegen Ende der 1990er Jahren nach Großbritannien zum Studium ging, glaubte sich einem Land entkommen, das mit sich selbst nicht im Reinen war. Die Euphorie der Wiedervereinigung war verrauscht, stattdessen wurden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme von Arbeitslosigkeit bis Rechtsextremismus offenbar. Mit diesem Deutschland, so dachte man, war andernorts einfach kein Blumentopf zu gewinnen. Doch wenn man sich mit britischen Intellektuellen an der Uni unterhielt, wurde man mit etwas konfrontiert, das man am allerwenigsten erwartet hatte: mit einer fast schon unheimlichen Bewunderung für Deutschland.
Die reichte von der ganz großen Politik („Toll, wie ihr dieses Wiedervereinigung gemeistert habt!“) bis zu kleinen Alltagsbeobachtungen. Die Fenster in deutschen Häusern („Man kann sie sogar kippen!“) versetzte die an zugige Schiebefenster gewohnten Briten in tiefe Ehrfurcht.
Diese wunderbaren Kippfenster!
Aus der Bewunderung sprach zugleich eine große Verunsicherung über das eigene Land. Das musste einem Deutschen seltsam vorkommen. Waren es doch die Konservativen in der Heimat, die auf das Vereinigte Königreich verwiesen, wenn es um ein „gesundes Nationalgefühl“ ging, das den Deutschen angeblich verleidet worden sei.
Ein Vierteljahrhundert später hat sich an der deutsch-britischen Konstellation offenbar nicht viel geändert. Das zeigt der erstaunliche Erfolg eines kleinen Büchleins, das es auf die Bestseller-Liste der „Sunday Times“ geschafft hat. Der Londoner Journalist und ehemalige Deutschland-Korrespondent John Kampfner hat es unter dem Titel „Warum Deutschland es besser macht“ geschrieben.
Viele der Motive sind seit damals gleich geblieben: die deutschen Fenster zum Beispiel und der wirtschaftliche Wiederaufbau Ostdeutschlands. Neue Objekte eines „bewundernden Blickes von außen“ (so verspricht es der deutsche Untertitel) sind hinzugekommen. Dass Deutschland auf seine vielfältige Kulturlandschaft, auf die vielen Stadttheater, Opernhäuser, Museen, die allesamt von der öffentlichen Hand finanziert werden, stolz sein kann – das ahnte man. Aber es tut nicht zuletzt den deutschen Haushaltspolitikern in Pandemiezeiten gut, von außen auf diesen Schatz aufmerksam gemacht zu werden.
Auch Angela Merkel kommt gut an
Andere Objekte des Lobs von der Insel überraschen mehr: zum Beispiel, dass ausgerechnet das Robert-Koch-Institut, das sich in der Coronapandemie wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat, zum Vorbild für eine britische Neugründung werden soll. Und ein so ausgewogenes und wohlwollendes Urteil über Angela Merkels Entscheidung, 2015 die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, findet man in der deutschen politischen Debatte heute nur noch selten.
Überhaupt Angela Merkel. Für den Briten sind die Politik und die Persönlichkeit der deutschen Kanzlerin ein klarer Gegenentwurf zu den eigenen Regierungschefs, nicht nur zu Boris Johnson. Dazu schildert Kampfner eine vielsagende kleine Szene. 2013 hatte Merkel ihren britischen Kollegen David Cameron ins Gästehaus der Bundesregierung auf Schloss Meseberg eingeladen. Nachdem die großen Themen abgehandelt waren, wollte die Kanzlerin über Kunst und Kultur plaudern. Welche Ausstellungen und Theateraufführungen er denn in London empfehlen könne? Der Premierminister geriet in Stottern. Er sehe lieber fern, gestand er schließlich. Zwar ginge er gerne einmal wieder in ein Konzert – aber dann würde ihn die Boulevard-Presse als „elitär“ brandmarken.
Er ist nicht blind für die Schwächen
John Kampfner ist nicht blind für die Schwächen Deutschlands. Er verschweigt nicht, dass es bei der Integration von Migranten zu Problemen gekommen ist; er übersieht nicht den Rückstand bei der Digitalisierung; er leugnet nicht, dass die deutsche Coronapolitik in der zweiten Welle wesentlich erfolgloser war als in der ersten. Und er fordert von Deutschland, sein politisches Gewicht endlich auch in der Welt geltend zu machen. Mit einem reinen „virtue signaling“, der Zurschaustellung moralischer Überlegenheit, sei es nicht getan.
Angela Merkels Amtszeit endet in wenigen Wochen. Mit den Kandidatinnen und Kandidaten für ihre Nachfolge sind die Deutschen laut Umfrage so unzufrieden wie noch nie. Vermutlich erwarten uns nach den Wahlen langwierige und schwierige Koalitionsverhandlungen. Da empfiehlt es sich, in dem anstehenden Gerangel, Gejammere und Klein-Klein-Gerede Kampfners Fazit in Erinnerung zu behalten: „Wer wird die europäischen Werte inmitten des rasanten Wandels vertreten? Wer sich für die liberale Demokratie starkmachen? Deutschland kann dies nicht nur, sondern muss es sogar tun, weiß es doch wie kein anderes Land, was geschieht, wenn man nicht die Lehren aus seiner Geschichte zieht.“
Ein erwachsenes Land
Britisches Lob
Für die „Financial Times“ kam Kampfners wohlgezieltes Buch zur rechten Zeit. Für den Londoner „Observer“ beweist es, dass Britannien in der Post-Brexit-Welt auf die Hilfe Deutschlands angewiesen sei. Die „Times“ nannte es ein „untadelig faires Buch“ über Deutschland.
Autor
John Kampfner wurde 1962 als Sohn eines jüdischen Vaters aus Bratislava und einer englischen Mutter in Singapur geboren. Er war Auslandskorrespondent in Moskau, Ostberlin und Bonn, später politischer Korrespondent der BBC.
Buch
Warum es Deutschland besser macht. Ein bewundernder Blick von außen. Aus dem Englischen von Barbara Steckhan und Thomas Wollermann. Rowohlt, 208 Seiten, 12 Euro. Der englische Untertitel lautet „Notes from a Grown-Up Country“ (Notizen aus einem erwachsen gewordenen Land).