Eigentlich wollte sie weg – nach Berlin, Wien oder Kanada. Doch stattdessen gründete Miriam Deinhart kurzerhand ihr eigenes Tanzstudio, im Herzen von Herrenberg. Ein Besuch.
Ein wenig riecht es noch nach frischer Farbe. Sonnenlicht fällt durch die großen Fenster auf den glänzenden Tanzboden, irgendwo summt leise die Klimaanlage. Miriam Deinhart steht in Socken – Schuhe sind hier drin streng verboten! – mitten im weiten Saal, schaut sich um und wirkt zufrieden. An alles hat sie gedacht: an hochwertige Lautsprecher, professionelles Equipment – und natürlich den federnden Spezialboden. Denn: „Gerade der richtige Boden ist beim Tanzen unglaublich wichtig. Er schont die Gelenke und Knochen – und man spürt sofort, ob er Qualität hat“, sagt die 36-Jährige.
Mitten in der Herrenberger Innenstadt hat Deinhart sich einen lang gehegten Traum erfüllt: Die 36-jährige Tanzpädagogin hat ihr eigenes Tanzstudio eröffnet – „das TanzStudio“. Nach vielen Jahren als Tanzlehrerin und Studioleiterin wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Durch die riesige Spiegelwand im Tanzsaal sieht man zwei Miriam Deinharts. Beide lächeln. „Ich wollte einen Raum, in dem sich wirklich jeder willkommen fühlt“, erzählt die stolze Gründerin. Genau so einen gibt es in ihrem Tanzstudio gleich noch einmal – sie messen beide rund 150 Quadratmeter.
Teilnehmende mit Parkinson, Brustkrebserkrankung oder Bandscheibenproblemen
Das Angebot in Deinharts Tanzstudio ist breit gefächert: Vom kreativen Kindertanz über Hip-Hop, Jazz und Stepptanz bis hin zu Ballett nach dem Lehrplan der Royal Academy of Dance. Erwachsene und Senioren finden hier ebenso ihren Platz wie Kinder und Jugendliche. „Unsere älteste Schülerin ist 85 Jahre alt“, erzählt Deinhart, die den Gründerpreis des Monats Oktober, der vom Landkreis Böblingen verliehen wird, gewonnen hat. „Und wir haben auch eine Gruppe für Menschen, die es etwas ruhiger angehen lassen wollen – darunter Teilnehmende mit Parkinson, Brustkrebserkrankung oder Bandscheibenproblemen.“ Deinhart legt großen Wert darauf, dass jede Person im eigenen Tempo tanzen darf. „Es gibt natürlich Leistungsklassen, die auf Prüfungen hinarbeiten, aber genauso Kurse, in denen es einfach ums Wohlbefinden geht. Jeder soll hier einen Platz finden.“ Erst vor kurzem habe sie auch ein Kind mit Downsyndrom hier gehabt: „Das war prima.“
Ihr Weg zum eigenen Studio war lang. Deinhart selbst begann mit kreativem Kindertanz, studierte später Tanzpädagogik in Ulm und sammelte Berufserfahrung in verschiedenen Ländern – unter anderem in Kenia, wo sie an der ersten Tanzschule des Landes unterrichtete. „Das war eine besondere Erfahrung“, erinnert sie sich. „Dort war es völlig selbstverständlich, dass Jungen wie Mädchen tanzen. Diese Offenheit wünsche ich mir auch hier – mehr Jungs in den Kursen, weniger Geschlechterklischees.“
Nach Stationen in Düsseldorf und schließlich acht Jahren als Leiterin der Ballettschule Tabea in Herrenberg entschied sich Deinhart zur Gründung. „Eigentlich wollte ich weg – nach Berlin, Wien oder sogar Kanada. Aber so viele Eltern und Schüler kamen auf mich zu und sagten: ‚Bitte bleib hier, wir kommen mit!‘ Da wusste ich, ich muss es versuchen.“
Bürokratie zermürbte die Gründerin
Die Umsetzung war trotzdem kein Selbstläufer. Weil für das Gebäude eine Nutzungsänderung nötig war, musste sie eine monatelange Wartezeit in Kauf nehmen. Die bürokratischen Prozesse stellten die Gründerin auf die Probe. „Es gab Momente, da wollte ich alles hinschmeißen“, gibt sie offen zu. „Aber meine Freunde und Familie haben mich sehr unterstützt. Die haben gestrichen, geschraubt, mit angepackt. Eigentlich gehört das Studio ihnen genauso wie mir.“
Im Mai war es schließlich so weit: Das Tanzstudio öffnete seine Türen – und wurde prompt ein Erfolg. Bereits nach wenigen Monaten waren über 100 Schüler angemeldet, inzwischen seien es fast 200, wie die 36-Jährige sagt. Vier Tanzlehrkräfte unterrichten aktuell, weitere sollen dazukommen.
„Nach jeder Stunde gehe ich gut gelaunt nach Hause“
Für Miriam Deinhart ist Tanzen weit mehr als körperliche Betätigung. „Es hilft, sich selbst zu spüren, egal ob man drei oder 83 ist.“ Besonders berühren sie die Momente, in denen Schüler über sich hinauswachsen. „Wenn ich sehe, dass jemand plötzlich Selbstvertrauen entwickelt, aufblüht und sich ohne Scheu bewegt – das ist unbezahlbar.“
Auch persönlich schöpft sie aus ihrer Arbeit Kraft: „Manchmal bin ich vor dem Unterricht müde oder gestresst, aber nach jeder Stunde gehe ich gut gelaunt nach Hause. Das zeigt mir, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe.“
Neben Tanzkursen überlegt Deinhart, künftig auch kleinere Events zu veranstalten – von Kindergeburtstagen bis hin zu Junggesellinnenabschieden. Ihr Ziel: das Studio als lebendigen Ort der Begegnung zu etablieren. „Tanzen ist für alle da“, sagt sie. „Und es ist nie zu spät, es zu lernen.“