In sternenklarer Nacht richtet das Radioteleskop Alma von der Atacama-Wüste in Chile aus seine Antennen ins Weltall. Foto: dpa

Was war los im Universum vor 13 Milliarden Jahren? Wie geht es weiter mit dem Weltall? Mit immer besserer Technik wollen Astronomen Antworten geben. Alma ist der bisher modernste Himmelsspäher – und mit Kosten von einer Milliarde Euro auch der teuerste.

Santiago de Chile - Es ist so ziemlich der ungemütlichste Ort, den man sich als Arbeitsplatz vorstellen kann. Und dennoch ist es für Astronomen das Paradies auf Erden. Die Atacama-Wüste im Norden Chiles ist die trockenste Region der Erde. Und es ist unerträglich heiß oder bitterkalt. Doch die Luft dort oben in 5000 Metern über dem Meeresspiegel ist nahezu frei von Wasserdampf, und das ist für die Himmelsspäher der europäischen Sternwarte Eso ideal. Nirgends ist es klarer, nirgends sind weniger störende Lichter von nahen Städten. Fast nichts, was die neugierigen Blicke der Wissenschaftler behindern könnte.

Alma (das steht für Atacama Large Millimeter Array) ist das bisher kühnste Projekt, das in der Hochebene des südamerikanischen Landes aus dem Boden gestampft wurde. 66 Antennen, jede inklusive des Spiegels mehr als 100 Tonnen schwer, insgesamt eine Milliarde Euro teuer.

Schon der Bau selbst war eine technische Meisterleistung: Ein großer Teil der High-Tech-Antennen wurde in Deutschland gefertigt. Zwölf Meter beträgt der Durchmesser der Schüsseln, dennoch dürfen sich die Horchposten bei den extremen Bedingungen mit Temperaturunterschieden von mehr als 50 Grad und heftigen Winden in der Atacama nicht verziehen. Wenn die Forscher ihre Lauscher ins Universum richten, ist Präzision im Millimeterbereich gefragt.

66 Augen

Was kann Alma? Für Wolfgang Wild, Projektleiter von der Europäischen Sternwarte (Eso) im bayerischen Garching, kommt die offizielle Inbetriebnahme des Teleskops an diesem Mittwoch einer Revolution gleich. Es sei „vergleichbar mit dem Übergang vom nackten Auge zum ersten Fernrohr“.

Alma hat gleich 66 Augen. Jedes einzelne ist bereits ein hochauflösendes Teleskop. Der Clou: Die Wissenschaftler schalten die riesigen weißen Pilze in der Wüste zu einem großen Auge zusammen, das bis zu 16 Kilometer groß ist. Die Spiegel selbst sind aus dem glaskeramischen Spezialwerkstoff ­Zerodur gefertigt und haben jeweils einen Durchmesser von 8,2 Metern. Das ergibt 53 Quadratmeter, etwa so viel Fläche wie eine kleine Dreizimmerwohnung.

Warum sind die Teleskope so monumental? Je größer der Spiegel, desto mehr Licht können sie schnappen. Allerdings empfangen diese Augen kein sichtbares Licht, sondern Radiosignale aus den tiefsten Tiefen des Universums. Alma kann elektromagnetische Wellen mit einer Länge zwischen 0,3 und 9,6 Millimetern aufspüren.

500 Menschen bauten mit

Was für Laien rätselhaft klingt, verschafft Astronomen Einsichten in Vorgänge aus der Urzeit des Universums. Beobachten wollen die Forscher etwa die sogenannte kalte Materie. Gaswolken, in denen neue Sterne entstehen und die bei Entstehung ganzer Galaxien eine wichtige Rolle spielen. Zudem gilt das Interesse gewaltigen Sternensystemen, die zum Teil mehr als 13 Milliarden Lichtjahre entfernt sind. Wenn ein Signal dieser Galaxien auf der Erde eintrifft, war es also 13 Milliarden Jahre unterwegs. Lange bevor unser Planet entstanden ist, lange bevor die Sonne zum ersten Mal Energie ins All strahlte. Das bedeutet, die Objekte sind kurz nach dem Urknall entstanden und könnten dadurch etwas über diese Zeit verraten.

Am Bau von Alma haben mehr als 500 Menschen mitgewirkt. Etwa 100 Menschen sollen den Betrieb des Observatoriums in den nächsten Jahren garantieren.

An einem der ungemütlichsten, aber spannendsten Arbeitsplätze der Welt.

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