Mitteltrakt des Neuen Schlosses: Stärkere öffentliche Nutzung ist angestrebt Foto: ET

Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichteten, will das Land den Mitteltrakt des Neuen Schlosses in Stuttgart stärker öffentlich nutzen. Der Stuttgarter Kommunikationsexperte Johannes Milla stellte 2012 sein Konzept „Neues Bürgerschloss“ vor. Was denkt er über die aktuelle Entwicklung? „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer hat nachgefragt.

Stuttgart - Der Kommunikationsexperte Johannes Milla ist nicht nur weltweit aktiv, sondern engagiert sich auch immer wieder in seiner Heimatstadt Stuttgart.

Herr Milla, Sie haben 2012 das „Neue Bürgerschloss“ konzipiert. Nun muss der Mitteltrakt des Neuen Schlosses mit den Repräsentationsräumen des Landes saniert werden. Das Staatsministerium lässt aktuell prüfen, inwieweit in diesem Zug die öffentliche Nutzung des Erdgeschosses im Mitteltrakt Neues Schloss intensiviert werden kann. Wäre das aus Ihrer Sicht ein richtiger Schritt?
Sofern „prüfen lassen“ nicht „auf die ganz lange Bank schieben, wegprüfen und dann vergessen“ heißt, ist das sein sehr richtiger Schritt. Ein großer Schritt für das Staatsministerium, allerdings ein zu kleiner Schritt für Baden-Württemberg.
Ließe sich auch auf Ihrer „Bürgerschloss“-Konzeption aufbauen?
Das Projekt „Neues Bürgerschloss“ hat mein Büro Milla & Partner 2012 aus zwei Notwendigkeiten heraus entwickelt: Politik und Stadtentwicklung. Wie wichtig dieser Ansatz ist zeigt sich heute politisch und ­gesellschaftlich dringender denn je. Zum anderen geht es darum, aus einem Beamtenbüroriegel nach 200 Jahren endlich einen ­offenen urbanen Raum zu machen.
Was wäre Ihre Forderung an einen solchen Raum?
Die (jungen) Menschen und Wähler identifizieren sich immer weniger mit dem Staat und dem Land. Es soll ihnen daher gezeigt und erlebbar gemacht werden, dass sie ­dazugehören, dass dieses Land ihres ist. Ein echter politischer Lernort. Dass sie selber auch Dinge dort beitragen können: Ideen, Erfindungen, Kreativität – aus allen Teilen des Landes, aus den Disziplinen wie etwa Musik, Design, Architektur, Weinbau, ­Landwirtschaft, Interfacedesign, Industrie 4.0. Bürger sein, Wähler sein ist sowohl Recht als auch Pflicht. Alle sind gefragt und werden wertgeschätzt. Das soll im Neuen Bürgerschloss in unterschiedlichen ­Formaten stattfinden.

Ein Detail sorgte 2012 für einige Diskussionen.
Sie meinen die von mir vorgeschlagene und von manchem mit einem Lächeln abgetane „Schimpf- und Motzecke“ für unzufriedene Bürger, an denen werktäglich ein Beamter Klagen, Jammern und Vorschläge anhört und verarbeitet. Diese ist nach dieser Bundestagswahl aktueller denn je. Hier, mitten im Zentrum des Landes und unserer Stadt, muss die „Politik des Gehört-Werdens“ stattfinden. Worte wie „Zivilgesellschaft“ und „Bürgergesellschaft“ können mit Leben erfüllt werden.
Geprüft wird auch eine Öffnung des Neuen Schlosses zur rückwärtigen Seite hin. Ziel wäre, über eine räumliche und inhaltliche Verbindung zum Besucherzentrum des Landtags und zum Landtag selbst, aber auch zum Haus der Geschichte und zur Staats- und Landesbibliothek ein Forum politischer Bildung zu schaffen. Wie sehen Sie diese Überlegung?
Auch ein richtiger Gedanke. Wichtig ist bei Baumaßnahmen, nicht nur zu bauen, sondern die Personalkosten eines echten Betriebes zu finanzieren. Nicht dass das – so wie das Besucherzentrum des Landtages – schon unmittelbar nach der Öffnung in minimalen Öffnungszeiten verendet: Als spontaner Einzelbesucher hat man nur wenige Stunden in der Woche Zutritt. Das ist ein schlechter Witz.
b>Gesellschaftlich und stadträumlich denken
Sie betonen die notwendigen Bezüge zum Stadtraum. Ist dies ein Aspekt, den Sie gegenüber 2012 stärker gewichten würden?
Es ging schon 2012 um den Stadtraum. Aber selbst wenn die Landesregierung nur das Erdgeschoss wieder öffentlich macht, wäre viel erreicht. Und es wird ja nicht nur der Mitteltrakt saniert, sondern es werden in der Folge auch beide Seitenflügel technisch ertüchtigt: Viele Beamten von Finanz- und Wirtschaftsministerium müssen dafür ohnehin aus dem Planieflügel und dem Parkflügel ausziehen.
Das wäre dann der Moment, um größer zu denken?
Ich stelle die Gegenfrage: Millionen für eine Sanierung ausgeben, und dann sollen wieder die Beamten einziehen und das Neue Schloss bleibt die nächsten 200 Jahre weiter für die Menschen verschlossen?
Und was wäre Ihre Idee?
Ich knüpfe an Arno Lederers Vision der ­Wiederherstellung der Sicht- und Wege­achse Wilhelmspalais-Kronprinzenpalais – jetzt Kunstmuseum – an: Stellen Sie sich die ­Planie als Boulevard vor – an einer Seite flankiert vom im Erdgeschoss geöffneten, zugänglichen Planie-Flügel des Schlosses. Und das Erdgeschoss des Parkflügels ebenso durchlässig – hier haben wir mit der an­stehenden vollständigen Sanierung der ­Flügel eine so fantastische wie realistische städtebauliche Chance. Es müsste nur noch die Finanzministerin Edith Sitzmann ­zustimmen.
Wie sehen Sie die geplante Interimsnutzung des benachbarten Kunstgebäudes für Repräsentationszwecke der Landesregierung?
Aus einer Überlagerung von unangepasster Kunst und Politik kann gute Reibung entstehen. Insgesamt sollte das gesamte Thema der Nutzung von „Neues Schloss“ und „Kunstgebäude“ von der Regierung nicht allzusehr unter immobilienwirtschaftlichen Aspekten betrachtet werden, sondern unter den ­Prämissen von bürgerlicher politischer und kreativer Partizipation und Stadtentwicklung gesehen werden: Eigentum verpflichtet, erst recht Immobilieneigentum an dieser Stelle: In der Mitte der Stadt, des Landes, der Gesellschaft.
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