Die Rolling Stones bringen ein neues Album heraus: „Blue & Lonesome“. Foto: dpa

An diesem Freitag erscheint „Blue & Lonesome“, das neue Album der Rolling Stones. Es könnte ihr letztes sein – und die Stones kehren damit zu ihren Wurzeln zurück.

Stuttgart - Im März 1963, also ein dreiviertel Jahr nach dem ersten Auftritt der Rolling Stonesim Juli 1962 und über ein Jahr vor der Veröffentlichung des ersten Albums der Band im April 1964, betraten die Rolling Stones erstmals ein Tonstudio. In den Londoner IBC Recording Studios schnitten sie auf einem Zweispurtonband eine Dreistundensession mit. „Wir nahmen“, erinnert sich der langjährige Stones-Bassist Bill Wyman, „zwei Stücke von Bo Diddley auf, Muddy Waters‘ ,I Want To Be Loved“ und zwei Stücke von Jimmy Reed. Die Aufnahmen, die wir gut fanden, schickten wir an sechs oder sieben Plattenfirmen. Alle lehnten uns ab: ,Der Sänger klingt zu schwarz und die Band zu weiß‘“.

Bill Wyman erzählt diese nur wenig bekannte Geschichte aus der Stones-Biografie in seinem leider nur noch antiquarisch erhältlichen, grafisch herausragend gestalteten, inhaltlich superben und bei der Lektüre einen hohen Suchtfaktor entwickelnden Buch mit dem spartanischen Titel „Blues“. Wyman ist als Bandmitglied schon vor Langem gegangen, aber der Blues ist geblieben. Und Geschichte wiederholt sich bisweilen eben doch. Mehr als fünfzig Jahre später, im vergangenen Dezember, standen die Rolling Stones abermals in einem Londoner Tonstudio, den British Grove Studios, die nur ein paar Schritte entfernt von den Pubs liegen, wo die Stones als junge Bluesband einst ihre ersten Auftritte hatten. Die Aufnahmen haben diesmal nicht drei Stunden, aber lediglich drei Tage gedauert, eingespielt wurde ebenfalls live und ohne Overdubs. Und aufgenommen wurde ein halbes Jahrhundert später abermals ein Stück von: Jimmy Reed.

„Little Rain“ heißt die Nummer, auf flächendeckende Ablehnung dürfte sie diesmal nicht stoßen, denn aus der kleinen Kneipenkapelle ist mittlerweile die größte Rockband der Welt geworden. „Little Rain“ ist der zehnte von zwölf Songs auf „Blue & Lonesome“, wie alle Lieder des an diesem Freitag erscheinenden Albums ist es eine Bluesnummer reinsten Wassers, und wie das ganze Dutzend ist es keine Eigenkomposition der Stones, sondern eine Coverversion.

Interessante Retrospektive

Das wirft natürlich mindestens zwei Fragen auf: Ist die Band zu alt/faul/träge/inspirationslos geworden, um noch selbst zur Songwriterfeder zu greifen? Und ist dieses Werk, das erste Studioalbum seit immerhin zehn Jahren, als Epilog zu betrachten, mit dem die verbliebenen vier nicht mehr ganz jungen Herren – der Gitarrist Ron Wood zählt als Jüngster 69, der Schlagzeuger Charlie Watts als Ältester 75 Lenze – nun den Eintritt in den Ruhestand besiegeln? Letzteres wird wohl leider vermutlich so sein. Das ist zwar schade, aber immer noch stilvoller, als sich noch auf Bühnen schleppen zu lassen, wenn es längst zu spät ist; der Bluesmusiker B. B. King konnte davon buchstäblich ein Lied singen.

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Die erste Frage hingegen darf man getrost verneinen. „Dieses Album ist der ultimative Beweis dafür, wie unverfälscht ihre Liebe zum Musikmachen ist – und zum Blues. Der Blues ist für die Stones die Quelle all ihres Schaffens“, zitiert die Plattenfirma Don Was, den Koproduzenten des Albums. Und da hat der Chef des Jazzlabels Blue Note natürlich Recht. Die erste dann tatsächlich veröffentlichte Single der Rolling Stones, „Come on“ im Juni 1963, war eine Komposition von Chuck Berry, die Band kehrt nun also wirklich zu ihren Wurzeln zurück. Sie hat zwar nicht selbst neue Bluessongs geschrieben, was ja auch so gar nicht in die Kontinuität ihres Schaffens passen würde, sie hat allerdings eine sehr sorgsame Auswahl getroffen. Es ist mitnichten ein dreckiges Dutzend, das hier präsentiert wird, sondern eine sehr interessante Retrospektive, die ihren Reiz aus den Stücken selbst, aber vor allem auch aus den dazugehörigen Musikerbiografien und dem vertonten Lebensgefühl zieht.

Ein Teufel namens Blues

In „Little Rain“ von Jimmy Reed etwa schwingt auch das entbehrungsreiche Dasein eines Musikers mit, den es vom Mississippi wie so viele Vertreter des Chicago Blues in die Metropole an den großen Seen zog, wo er lange Jahre im Schlachthof arbeitete, ehe er 50-jährig verstarb. In Marion „Little Walter“ Jacobs Stücken, die es den Stones offenbar besonders angetan haben (gleich vier Songs von ihm sind auf dem Album vertreten), erklingt auch die verzweifelte Aggressivität, mit der sich Little Walter aus Louisiana im Haifischbecken des Chicago Blues durchbeißen musste, ehe er an den Folgen einer Schlägerei mit nur 37 Jahren starb. Auch die Biografien von Samuel Gene „Magic Sam“ Maghett, der nur 32 Jahre alt wurde, Eddie Taylor, der am Weihnachtstag 1985 starb oder Otis „Lightnin‘ Slim“ Hicks, den es mit 61 dahinraffte (sie alle sind mit je einem Song auf dem Album vertreten), künden von jenem Teufel namens Blues, der einen befallen mag. Und dem anfangs auch die Stones huldigten, die zu Beginn ihrer Karriere zeitweise so arm waren, dass sie sich im Supermarkt Lebensmittel klauen mussten.

Die Bluesgeister, die sie riefen – sie lassen, scheint’s, auch die Rolling Stones zeitlebens nicht mehr los. Folgerichtig schließen sie jetzt also den Kreis, und zwar formidabel. Vorzüglich haben sie den oft etwas dürren und blechernen, der uralten Aufnahmetechnik geschuldeten Klang der Originaleinspielungen in die digitale Jetztzeit überführt, ohne ihn über Gebühr aufzupolieren oder seine spartanische Kraft wegzuinstrumentieren. Fein und rund klingen die Aufnahmen, gut austariert, nichts klingt hier „zu schwarz“ oder „zu weiß“, denn dass die Stones nach einem halben Jahrhundert Musikerdasein etwas von diesem Metier verstehen, wird deutlich. Gesang, Mundharmonika und schön schroffe Gitarren dominieren den Sound, wie es sich für Blues gehört, dezent schleppt sich im Hintergrund das Schlagzeug, noch dezenter agieren die angestammten Stones-Begleitmusiker, als Gast darf auf dem letzten Track „I Can’t Quit You Baby“ Eric Clapton begrüßt werden.

Einen herausragenden Song mag man nicht benennen, was für die Homogenität dieses Albums spricht. Ein Faible für den Blues ist jedoch mitzubringen, Stones-Rocksongs sucht man auf „Blue & Lonesome“ vergebens. Ein politisches Statement will dieses Panoptikum übrigens auch nicht sein, eher eine klingende Geschichtsstunde, ein vertonter Bildband, der in seiner Geruhsamkeit viel Freude bereitet. Falls dieses Album den öffentlichen Abgang der Rolling Stones markieren sollte, ist er ungemein gediegen und würdig ausgefallen. Falls nicht, was allein angesichts dieses Albums sehr zu wünschen ist, darf allem noch Kommenden hoffnungsfroh entgegen gesehen werden.

The Rolling Stones: Blue & Lonesome. Polydor/Universal

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