Nicolai Reith (ganz links) und Caroline Küpfer (ganz rechts) stellen Alexa vor, ihre neue digitale Kollegin. Foto: factum/

In der Digitalisierung geht die Verwaltung einen Schritt weiter als die meisten Kommunen: Die Bürger können über einen speziellen Sprachassistenten Dienstleistungen der Stadt und ihre Geschichte abfragen.

Herrenberg - Dieses Mal hat es Herrenberg nur auf den dritten Platz geschafft – allerdings bundesweit: Die Kommune ist nach Bochum und Dresden die dritte Stadt in Deutschland, die Alexa in ihre Dienste nimmt. Dabei handelt es sich um das Sprachassistenzsystem des Internethändlers Amazon. Die Herrenberger können es zu Behördengängen befragen oder zur Geschichte der Stadt. „Damit sind wir absoluter Vorreiter“, sagt Nicolai Reith, der Leiter der Stabstelle Steuerung und Kommunikation. Denn in Baden-Württemberg ist Herrenberg damit nämlich Erster. Das Angebot ist Teil der Digitalisierungsstrategie des Rathauses, mit der auch im Kreis Böblingen keine andere Kreisstadt mithalten kann.

Einen Vortrag über sakrale Glaskunst

Alexa weiß so gut wie alles. „Wie viele Einwohner hat Herrenberg?“, fragt Nicolai Reith den Apparat bei der Vorstellung des zusätzlichen Services. Die Antwort folgt prompt: 30 626, sagt die Frauenstimme. Der Stabsstellenleiter findet die digitale Kollegin „unheimlich intelligent“. Sie kennt sich im Rathaus aus, weiß, welcher Mitarbeiter wofür zuständig ist, was ein Bürger zum Beispiel mitbringen muss, um einen Personalausweis zu beantragen, oder sie kann einen kurzen Vortrag über sakrale Glaskunst halten. Damit sich die Herrenberger gleich heimisch fühlen, werden sie beim Aufruf des Programms von einer altbekannten Stimme begrüßt: „Schön, dass Sie unseren Alexa-Skill besuchen, fragen Sie einfach“, sagt der Oberbürgermeister Thomas Sprißler.

Das Gerät reagiert auf Zuruf. Die Nutzer müssen nur „Alexa“ sagen und schon hört es auf die Herrenberger. Allerdings müssen sie Kunden von Amazon sein, um den Service nutzen zu können. Die Verwaltung hat sich für das System des Internethändlers entschieden, weil es den größten Marktanteil hat. Die Stadt will die Inhalte ihrer Webseite aber demnächst auch für den Google-Sprachassistenten lesbar machen. Denn Alexa macht im Prinzip nichts anderes, als die Information aus dem Internet vorzulesen. „Digitale Sprachassistenten sind ein großer Trend“, sagt Nicolai Reith. Für Alexa gibt es bereits mehr als 50 000 Skills, also Programme, die so ähnlich sind wie Apps für das Smartphone. Die Stadt wolle damit einfach bürgerfreundlich werden.

Der Chief Information Officer hat einen Besuch angekündigt

Herrenbergs Vorreiterrolle beeindruckt auch den Chief Information Officer von Baden-Württemberg: Stefan Krebs, der Beauftragte der Landesregierung für Informationstechnologie, will sich demnächst die Digitalisierungsprojekte anschauen. Vergangenes Jahr wurde auch ein Funknetz namens „Long Range Wide Area Network“ (LoRaWan) installiert, das den technischen Diensten meldet, wenn öffentliche Mülleimer voll sind oder die Straßen nach Schneefall geräumt werden müssen. Für sie ging außerdem im vergangenen September das Mitmachportal online, wo laufenden Projekte der Stadt und die Beteiligungsmöglichkeiten vorgestellt werden. „Herrenberg hat schon eine Vorreiterrolle, weil wir mutig sind“, findet Caroline Küpfer, die Abteilungsleiterin für Organisation und Digitales. Intern hat sie mit allen Ämtern zusammen 300 Prozesse und Ideen gesammelt, die sich digitalisieren lassen. Momentan wird zum Beispiel ein neues System für den elektronischen Rechnungseingang eingeführt. Die Dienstleistungen für die Bürger werden in Zusammenarbeit mit dem Landesinnenministerium für das Internet aufbereitet. Eine Handvoll Behördengänge lässt sich schon online erledigen wie die Beantragung einer Geburtsurkunde. Für viele sind aber noch immer Unterschriften nötig, sodass man persönlich im Rathaus erscheinen muss.

Sindelfingen hat ein Amt für Digitalisierung

Ernst mit der Digitalisierung ist es auch Sindelfingen: Die Stadt hat ein eigenes Amt dafür geschaffen, das 80 Projekte auf der Agenda und kürzlich eine Bewerbung für das Bundesförderprogramm Smart Cities abgegeben hat. Mit den Mitteln sollen zahlreiche Angebote ins Internet gebracht werden. In Böblingen war die Digitalisierung Wahlkampfthema des Oberbürgermeisters Stefan Belz. Und die Stadtwerke bauen ein Lorawan-Netzwerk für die Auslesung von Fernwärmezählern auf. In Leonberg zeigten sich Stadträte dagegen unzufrieden über die Position des Rathauses als Schlusslicht bei der Digitalisierung: „Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, sind wir wahrscheinlich Mitte des vierten Jahrtausends fertig“, kritisierte Birgit Widmaier von den Grünen.

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