Gefunden! Rätselstunde im Escape Room Foto: Julia Ochs/Stadtpalais

Am 27. August 2020 feiert die philosophische Welt den 250. Geburtstag Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Geboren wurde der übrigens in Stuttgart – und deswegen ehrt die Landeshauptstadt ihn nun mit einem völlig neu gestalteten Museum im Hegel-Haus. Inklusive Escape Room!

Stuttgart - In welchen Sprachen muss ein Museum seine Hinweis- und Infotafeln verfassen, damit sich die Besucher aus aller Welt gut versorgt fühlen? Das neue Museum der Stadt Stuttgart im Hegel-Haus hat sich für drei entschieden: Deutsch, Englisch und . . . Chinesisch! „Touristen aus China zählten schon immer zu den treuesten Besuchergruppen des Hegel-Hauses“, erläutert Christiane Sutter, die Museumsleiterin.

 

So wie das Geburtshaus von Karl Marx in Trier zählt offenbar auch das Geburtshaus von Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Stuttgart zum etablierten Reiseziel für Touristen aus der Volksrepublik. Von Marx stammt zwar die berühmte Selbsteinschätzung, sein Konzept des „historischen Materialismus“ habe den ganzen Hegel erst „vom Kopf auf die Beine gestellt“. Doch weiß man im asiatischen Großreich des Kommunismus offenbar, dass es die Idee von der Herrschaft der Arbeiter und Bauern als Zielpunkt der Geschichte (Marx) ohne den Vordenker der Dialektik und einer dynamischen Weltgeschichte (Hegel) wohl nie gegeben hätte. Wer es also mit der Allmacht einer Kommunistischen Partei selbst im 21. Jahrhundert noch ernst meint, schaut darum gern auch in der Stuttgarter Eberhardstraße 53 vorbei. „Chinesische Gäste gehen oft richtig ehrfürchtig durch das kleine Haus“, so Sutter.

Zu den Vorlesungen in Berlin strömten die gebildeten Massen

Von diesem Donnerstag an können sie und alle anderen dies unter völlig neuen Bedingungen tun, denn die Stadt Stuttgart hat für rund 900 000 Euro das Geburtshaus Hegels renovieren und als Museum gründlich neu gestalten lassen. Pünktlich zum 250. Geburtstag des Weltendenkers am 27. August wird es um 10 Uhr von Kulturbürgermeister Fabian Mayer neu eröffnet – auch als Selbstverpflichtung der Landeshauptstadt, es in Zukunft noch ein bisschen ernster zu nehmen mit dem Titel einer „Hegel-Stadt“.

Ehrlicherweise muss man natürlich zugestehen, dass Jena, Bamberg, Nürnberg, Heidelberg und Berlin sich sehr viel eher als Hegel-Stadt rühmen dürfen, denn dort hat der Meister gelehrt, seine in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden Schriften verfasst und schließlich (in Berlin) jene großen Vorlesungen über das Recht und die Weltgeschichte gehalten, zu der nicht nur die Studenten, sondern auch die besseren Kreise Berlins in Scharen strömten.

Privatunterricht beim Wasserbaumeister

Die ersten 18 Lebensjahre hingegen, die Hegel in seiner Heimatstadt Stuttgart verbracht hat, im gut situierten pietistischen Haushalt eines herzoglichen Finanzbeamten, haben nur ein paar dürre Daten und karge Anekdoten beschert: Die hochgebildete Mutter lehrt den Jungen in Latein, der Vater finanziert Privatunterricht in Geometrie und Feldvermessung beim Wasserbaumeister Württembergs. Während der Schuljahre am Gymnasium besucht Hegel gern auch Konzerte und äußert sich hinterher zufrieden über den Anblick der Damen im Saal. Das war’s.

Richtig los mit dem anspruchsvollen Denken geht es erst im Herbst 1788 mit Beginn des Studiums und dem Umzug ins Tübinger Stift. Da landet der nunmehr 18-Jährige in einem gemeinsamen Zimmer mit zwei anderen jungen Männern, nämlich Friedrich Hölderlin und Friedrich Schelling. Da drehen sich selbst alltägliche Gespräche gern auch mal ums große Ganze. Und im Sommer 1789 dringt die Kunde von einer Revolution im großen Paris bis ins kleinste Tübingen. Von da an hat Hegel sein philosophisches Lebensthema gefunden.

Stuttgart ist nicht einfach Hegel-Stadt, sondern Hegel Geburtsstadt!

In Stuttgart ist nichts Bleibendes entstanden oder erhalten, eben außer dem Original-Geburtshaus. Aber deswegen ist Stuttgart ja auch nicht irgendeine Hegel-Stadt, sondern Hegel-Geburtsstadt. Man sollte die Aura nicht unterschätzen, schließlich ist hier der spätere Philosoph als Schwabe aufgewachsen. Es gibt sehr ernst zu nehmende Werkinterpreten, die behaupten, dass letztlich nur ein Schwabe auf die Idee kommen konnte, dass beim Denken nichts produktiver sein kann als ein scheinbar unauflösbarer Gegensatz oder Widerspruch. Oder salopp gesagt: dass keineswegs das ewige Entweder-oder, sondern nur ein beherztes Sowohl-als-auch die Dinge in Bewegung bringt. Lieber dem Widerspruch offen ins Gesicht sehen! Mal sehen, was dann passiert.

Im neuen Stuttgarter Museum im Hegel-Haus sollen künftig auch Menschen, die selbst keine großen Philosophen sind, mit Gedanken Hegels Bekanntschaft schließen können. Deswegen gibt es zum Einstieg im Erdgeschoss eine 20-minütige Multimediashow, die mit vielen digitalen Zaubertricks aufwartet, die vor allem aber von den Schauspielern Walter Sittler und Nina Siewert (SOKO Stuttgart!) präsentiert wird.

Auch ein Kochbuch steht im Regal

Nach diesem ungewöhnlichen Auftakt geht es im ersten und im zweiten Stockwerk dann eher traditionell vorbei an Dokumenten und Vitrinen. Briefe und Notizblätter im Faksimile sind zu betrachten, ein Hegel-Gelehrten-Barrett prangt auf einem Regal; in langen Reihen ist die private Bibliothek des Meisters zusammengestellt (inklusive Kochbuch).

Die originellste Museumsidee findet sich ganz zum Schluss in der zweiten Etage. Hier können sich Rateteams in einen „Escape-Room“ begeben; soll heißen: Es gilt, gewisse Rätsel zu Hegels Leben und Werk zu lösen, um nach 45 oder 60 Minuten den Raum wieder verlassen zu dürfen. Dafür haben sich die Macher eine hübsche Geschichte ausgedacht: Das Team hat den Auftrag, des Nachts aus dem Arbeitszimmer des Meisters ein Manuskript Hegels zu stibitzen, die „Phänomenologie des Geistes“. Während man dieses sucht, ist im Hintergrund das Schnarchen Hegels zu hören. Ein hübscher Ansatz, neues Publikum ins Haus zu locken.

Wer ist wichtiger: Hegel oder Daimler?

„Hegel ist sicher der gebürtige Stuttgarter, dessen Wirken die größte Beachtung in aller Welt erzielt hat“, meint Fabian Mayer, der als Kulturbürgermeister auch für das Hegel-Haus verantwortlich ist. Diese Einschätzung kann man gut teilen, weil erstens 250 Jahre nach seiner Geburt tatsächlich an Universitäten überall auf der Welt das Werk des Schwaben Hegel weiter diskutiert wird. Und weil zweitens Hegels großer Konkurrent Gottfried Daimler ja gar kein gebürtiger Stuttgarter ist, sondern aus Schorndorf stammt.

Immerhin: Nicht wenige der chinesischen Touristen, die künftig wieder voller Andacht das Hegel Haus besichtigen werden, wird es hinterher sicher auch ins Mercedes-Museum verschlagen. Was für ein herrlich produktiver Gegensatz.

Museum
: Das Hegel-Haus öffnet am Donnerstag, dem 27. August, von 10 Uhr seine Türen für Besucher. Den ganzen Tag über gibt es Kurzführungen – die Corona-bedingt aber vorab im Internet gebucht werden müssen. Außerdem gibt es ein Theater- und Musikprogramm – nebst Weinausschank!

Besuch
: Der Eintritt ins Museum ist kostenlos. Aufgrund der Platzverhältnisse und der Corona-Hygieneregeln ist die Zahl der möglichen Besucher aber beschränkt. Eine Besichtigung dauert 60 bis 90 Minuten und muss im Voraus gebucht werden. Das gilt auch für die Rätselrunde im Escape-Room: Höchstens fünf Teilnehmer sind erlaubt; das Ticket kostet 50 Euro.

Festwochen:
Bis zum 10. September gibt es täglich Theater, Lesungen und Aktionen im Hegel-Haus. Den Abschluss bildet ein Festakt mit dem Oberbürgermeister.

www.hegel-hause.de